Der sechsjährige Jakob (l) und der vierjährige Valentin füllen Zuhause Lernbücher aus. | Bildquelle: dpa

Studie zu Viruskonzentration Kinder so ansteckend wie Erwachsene?

Stand: 30.04.2020 17:01 Uhr

Können Schulen und Kitas bald wieder öffnen? Virologe Drosten dämpft die Hoffnung. Seine jüngste Studie kommt zu dem Ergebnis: Die Viruskonzentration bei Kindern ähnelt der von Erwachsenen.

Von Lena Petersen, NDR

Die Diskussion um die Öffnungen von Schulen und Kitas ist im vollen Gange. Wie schnell die Kinder dorthin zurückkehren können, ist wesentlich von wissenschaftlichen Erkenntnissen abhängig.

Noch immer ist nicht vollständig geklärt, wie leicht Kinder sich oder andere infizieren. Nun liegen neue Studien vor. Von den Ergebnissen lässt sich ableiten, dass ein vorsichtiges Vorgehen weiterhin angebracht ist.

Viruskonzentration untersucht

Die Labore der Berliner Charité und des Klinikkonzerns Vivantes haben zwischen Januar und Ende der vergangenen Woche knapp 60.000 Patienten auf das Coronavirus getestet. 3712 von ihnen zeigten ein positives Ergebnis. Diese Gruppe hat der Virologe Christian Drosten nun gemeinsam mit dem Mathematiker Terry Jones genauer unter die Lupe genommen. Konkret ging es darum, wie hoch die Viruskonzentration bei den einzelnen Patienten war, insbesondere bei Kindern.

Der Studie liegt die Annahme zugrunde, dass ein Patient mit hoher Viruskonzentration im Rachen das Virus auch leichter auf seine Mitmenschen überträgt. Für Befürworter einer raschen Öffnung von Kitas und Schulen dürfte das Ergebnis ernüchternd sein. "Wir haben eine ganz saubere, statistische Analyse gemacht und diese statistische Analyse sagt: Wir können in Kindergruppen nicht nachweisen, dass sie unterschiedliche Viruskonzentrationen in den Atemwegen haben gegenüber Erwachsenen," sagt der Drosten. Es könnte demnach gut sein, dass Kinder genauso leicht andere Menschen anstecken wie Erwachsene.

Forscher warnen vor schneller Öffnung

Daraus leiten die Wissenschaftler Drosten und Jones eine eindeutige Empfehlung ab. Sie warnen in der aktuellen Situation vor einer unbeschränkten Wiedereröffnung von Kindergärten und Schulen.

Für die Analyse wurden die Patienten in unterschiedliche Altersgruppen unterteilt. Die Gruppe der 0- bis 10-Jährigen besteht aus 49 Kindern. Die Gruppe der Jugendlichen zwischen 11 und 20 Jahren umfasst 78 Patienten. Die Gruppen der älteren Patienten sind wesentlich größer. Drosten rät deshalb, vorsichtig und kritisch mit den Daten umzugehen.

Kinder häufig mit milden Symptomen

Dass so wenig Laborwerte von Kindern vorliegen, habe unterschiedliche Gründe. Kinder zeigen bei einer Infektion oft nur milde Symptome und werden deshalb seltener getestet. Außerdem sei die Hemmschwelle sehr hoch, Kinder mit zu den Teststationen zu nehmen und sie dort möglicherweise erst einer Infektion auszusetzen.

Die Studie, so Drosten, sei aus der Not geboren. Gewöhnliche Haushaltsstudien könnten momentan kaum umgesetzt werden. Das liege vorrangig an den Kontaktsperren, die die Ergebnisse verzerren würden. Darüber hinaus befinde man sich noch immer am Anfang der Epidemie. In Deutschland wurde das Coronavirus vorrangig von Menschen im mittleren Erwachsenenalter eingeschleppt, die vor allem Kontakt zu Menschen gleichen Alters pflegen.

Weitere Studie aus China

Weitere Erkenntnisse über die Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen liefert eine Studie aus China, die jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht wurde. Für die in Shanghai und Wuhan durchgeführte Studie wurde das Kontaktverhalten von Patienten untersucht. Aus der wissenschaftlichen Arbeit ergibt sich, dass ein Kind nur ein Drittel des Risikos eines Erwachsenen hat, sich mit dem Virus zu infizieren.

Dagegen liege das Infektionsrisiko bei Menschen im Rentenalter deutlich höher. Sie stecken sich anderthalb mal so leicht an wie Erwachsene. Drosten bewertet die Arbeit seiner chinesischen Kollegen als sehr sorgfältig. Gleichzeitig weißt er darauf hin, dass Kita-Kinder einen deutlich engeren Kontakt zueinander haben als Erwachsene.

Schulschließungen haben großen Effekt

Die Studie aus China liefert eine Zusatzanalyse, die Aufschluss über den Effekt von Schulschließungen geben kann. Solche Maßnahmen haben demnach einen deutlichen Effekt, sind aber nicht ausreichend, um einen Corona-Ausbruch zu stoppen. Die Analyse beruht auf Beobachtungen, die in Shanghai während der Ferien gemacht wurden.

Auch der Infektiologe Ansgar Lohse von der Universitätsklinik Eppendorf (UKE) hält es für plausibel, dass sich Kinder seltener anstecken. Er beruft sich dabei auf eine Studie aus Island. "Dort war kein einziges Kind unter zehn Jahren positiv, während das Virus im Rest der Bevölkerung bei einem Prozent der Bevölkerung nachweisbar war.

Das spricht dafür, dass das Virus sich in Kindern nicht lange hält, und das macht es wahrscheinlich, dass auch Übertragungen von Kindern auf andere kein großes Problem darstellen," so der Infektiologe Lohse. Kritiker bezweifeln aber, dass die Stichprobe der Studie tatsächlich Aufschluss über die gesamte Bevölkerung gibt.

"Kinder keine Virenschleudern"

Ähnlich wie Lohse schätzt auch Eckhard Nagel, Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth, die Ansteckungsgefahr der Kinder ein. Auch aus Nagels Sicht sind die Kinder keine Superspreader, also keine Virenschleudern.

Er argumentiert mit Zahlen aus den Niederlanden. Dort wurden in Hausarztpraxen Familien untersucht, in denen es zunächst eine infizierte Person gab. "Auch da hat man festgestellt, dass kein einziges Kind erkrankt oder Virus-positiv ist. Also auch hier, in einer ganz anderen Bevölkerung, in einer ganz anderen Untersuchung, aber in vergleichbaren Konstellationen, gibt es keinen Hinweis darauf, dass Kinder besonders gefährlich sind oder sich überhaupt infizieren," so Nagel.

Kinder "verschlucken" Viren

Auch der Blick auf Untersuchungen zu älteren Coronaviren zeige, "dass Kinder offensichtlich die Infektion ein Stück weit 'verschlucken' - dass das ein Phänomen ist, was für diese Coronaviren gilt, ohne dass wir wissen warum."

Weitere Studien in Baden-Württemberg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern wollen die Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen konkreter in den Blick nehmen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell Hörfunk am 30. April 2020 um 17:50 Uhr.

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