Ein Junge lernt zu Hause für die Schule. | Bildquelle: dpa

Corona-Maßnahmen Streitfall Schule

Stand: 14.04.2020 17:39 Uhr

Regelmäßiges Lehren und Lernen, mehr Raum für berufstätige Eltern - der Wunsch nach einer Rückkehr in den Schulalltag ist groß. Doch wie kann die sicher gelingen? Die Experten sind sich uneins.

Seit Wochen sind die Schulen in Deutschland geschlossen. Eltern stemmen den Heimunterricht und ihre Büroarbeit oftmals parallel in den eigenen vier Wänden. Die Schüler bangen um ihre Abschlussprüfungen und lernen unter erschwerten Bedingungen. Die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu einem geregelten Schulalltag ist groß, doch wie die gelingen kann, darüber streiten die Experten.

Eine Schulöffnung nur in kleinen Schritten und in den Hauptfächern, die jüngeren Abschlussjahrgänge zuerst - das empfehlen die Wissenschaftler der Leopoldina in ihrem vielfach beachteten Bericht. "Da die Jüngeren im Bildungssystem mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen sind, sollten zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I wieder schrittweise geöffnet werden", schrieben die Forscher.

Die Möglichkeiten des Fernunterrichts könnten "mit zunehmendem Alter besser genutzt werden". Prüfungen sollten aber "wenn eben möglich" abgehalten werden. Die Leopoldina setzt auf "deutlich reduzierte Gruppengrößen", um das Abstandsgebot besser einhalten zu können.

Skepsis gegenüber Leopoldina-Empfehlungen

Das sieht das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) anders. Die Empfehlung der Wissenschaftler: Schulen zuerst wieder für die höheren Jahrgänge öffnen. Es gehe dabei um die Annahme, dass Jugendliche Abstandsregeln besser einhalten könnten, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. "Das ist eine Entscheidung der Politik", ergänzte er. Es gebe Gründe dafür und dagegen. Vieles sei ein Ausprobieren. Es gebe derzeit noch keine Hinweise darauf, dass die Coronavirus-Epidemie in Deutschland eingedämmt sei, betonte Wieler. Es sei aber gelungen, sie zu verlangsamen, vor allem durch das Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln. "Diese Disziplin sollten wir weiter beibehalten."

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) äußerte sich skeptisch zu den Empfehlungen der Leopoldina. "Viele Vorschläge gehen an der Realität in den Bildungseinrichtungen vorbei", sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. Zudem nähmen die Leopoldina-Empfehlungen nur Übergänge und Prüfungen in den Blick und entsprächen so nicht dem Bildungsauftrag etwa der Kitas und Schulen. Der Gesundheits- und Infektionsschutz müsse im Mittelpunkt stehen, so die GEW.

Infektionsschutz an Schulen mangelhaft

Bislang seien sowohl Fragen des Infektionsschutzes als auch der Hygiene und Sauberkeit in den Bildungseinrichtungen vielfach nicht gelöst. So müssten ausreichend Schutzmasken zur Verfügung gestellt werden. Zudem sei die Frage des Schülertransports ungeklärt: Im öffentlichen Nahverkehr könne die Gefahr von Infektionen kaum minimiert werden.

Auch sei die Umsetzung von Abstandsregeln in den meisten Klassenräumen problematisch. Tepe erinnerte außerdem an den hohen Anteil von Erziehern und Pädagogen, die der Risikogruppe angehören. Ein Schichtbetrieb sei vielfach nicht möglich.

Ältere halten Abstand besser ein

Skeptisch zu einer schnellen Öffnung der Grundschulen wie sie die Leopoldina vorschlägt, äußerte sich auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier: Er wolle eher mit den Abschlussjahrgängen beginnen. "Nicht nur weil die vorm Abschluss stehen, sondern weil wir auch glauben, dass bei älteren Schülerinnen und Schülern der notwendige Appell, Abstand zu halten und Hygienevorschriften einzuhalten, wesentlich besser gelingen kann als bei Kindern in der Grundschule", sagte er.

Wie Bouffier sprach sich auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet für ein gemeinsames Vorgehen der 16 Bundesländer aus. "Ich plädiere dafür, dass wir möglichst einheitliche Regelungen in allen deutschen Ländern haben", sagte Laschet. Zu den Bedingungen einer Öffnung gehöre ein besseres Monitoring der Krisen-Daten, das Einhalten aller Abstandsgebote und der Hygiene-Vorschriften - sowie vielleicht auch das Tragen von Masken.

NRW: Schrittweise Rückkehr nach den Osterferien

Nordrhein-Westfalen stellte am Dienstag als erstes Bundesland einen konkreten Zeitplan in Aussicht: Nach der aktuellen Osterferienwoche sollen die Schulen dort nach Informationen der Deutschen Presse Agentur schrittweise wieder öffnen. Eine Woche später sollen demnach voraussichtlich auch die ersten Kita-Kinder wieder in die Kindertagesstätten zurückkehren dürfen. In den Kitas sollen zunächst die Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen, wieder betreut werden.

In der kommenden Woche werde die Notfallbetreuung noch fortgesetzt, sagte Familienminister Joachim Stamp. "Danach schlage ich vor, den letzten Jahrgang vor der Einschulung wieder zuzulassen." Mit einer "überschaubaren Anzahl" von Kindern könnten dann Hygienemaßnahmen spielerisch eingeübt werden, bevor auch die Jüngeren "in mehreren Schritten" wieder integriert werden könnten.

Giffey fordert alltagstaugliche Lösungen

Bei dem Treffen der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Angela Merkel soll morgen auch über die Frage der Rückkehr in die Schulen beraten werden.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey mahnte alltagstaugliche Regelungen bei einer möglichen Lockerung der Corona-Einschränkungen an. Bei der Frage, wann Kitas und Schulen wieder öffnen könnten, müsse auch die Lage der Eltern eine Rolle spielen, sagte sie. Eltern stießen bei der Betreuung zu Hause neben ihrer Arbeit an Grenzen. Das gelte insbesondere für Alleinerziehende. Auch für Kinder aus Familien, die in beengten und schwierigen Verhältnissen leben, seien Außenkontakte in Kindergärten und Schulen besonders wichtig. Giffey regte an, auch über eine zeitweise Betreuung zu sprechen.

Der Deutsche Kitaverband lehnt die Empfehlungen der Leopoldina ab: Die Bundesvorsitzende Waltraud Weegmann nannte den Vorschlag, Kitas vorerst für Fünf- und Sechsjährige wieder zu öffnen und für alle anderen Kinder bis zum Sommer nur Notbetreuung anzubieten, einen "weitreichenden Eingriff". Eine Schließung bis zu den Sommerferien würde die Eltern in große Nöte bringen, sagte Weegmann der "Heilbronner Stimme" und dem "Mannheimer Morgen". Viele Eltern hätten Berufe, in denen sie nicht im Homeoffice arbeiten könnten. "Bleiben die Kitas zu, stellt dies die Familien vor unlösbare Probleme."

"Ein Viertel der Schüler bereits abgehängt"

Dass die Zeit drängt, macht ein Aufruf des Deutschen Lehrerverbandes deutlich: Der geht davon aus, dass in den vergangenen Wochen bereits "ein Viertel der Schüler von jenen abgehängt wurde, die andere Voraussetzungen haben". Es gehe etwa um Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen, aus schwierigen sozialen Verhältnissen und ohne ausreichende technische Ausstattung, erläuterte der Lehrerverbandspräsident, Heinz-Peter Meidinger.

Insgesamt sind nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes im aktuellen Schuljahr rund 8,3 Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen und 2,4 Millionen an berufsbildenden Schulen von den Schulschließungen bis mindestens zum Ende der Osterferien betroffen.

Wissenschaftsakademie Leopoldina empfiehlt zunächst Öffnung von Schulen
tagesthemen 22:35 Uhr, 14.04.2020, Angela Ulmrich/Anna Mundt, NDR

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