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Interview

Interview mit Schwester von 9/11-Opfer "Ein ganz unchristliches Gefühl von Rache"

Stand: 02.05.2011 22:13 Uhr

Bei den Angehörigen der Opfer der Anschläge vom 11. September hat die Nachricht vom Tod Bin Ladens besondere Emotionen ausgelöst - so auch bei Sibylle Dircks aus Hamburg. Ihr Bruder starb 2001 im World Trade Center. Sie habe nun ein "ganz unchristliches Gefühl von Rache" gefühlt, so Dircks im ARD-Interview.

ARD: Was haben Sie empfunden, als Sie die Nachricht vom Tod Osama bin Ladens gehört haben?

Sibylle Dircks: Ich konnte es erst gar nicht glauben. Die ganzen Erinnerungen kamen sofort zurück: Die Türme, und wie die Flugzeuge da reingeflogen sind. Die Nachricht, dass mein Bruder da drin ist. Mein kleiner Bruder, der nur 42 Jahre alt geworden ist. Es kam eine tiefe Trauer wieder. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich tiefe Befriedigung darüber empfunden, dass Osama bin Laden gestorben ist. Dieser Mann hat Tausende von Menschen auf dem Gewissen und hat so viel Leid verbreitet.

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Sibylle Dircks, Schwester eines der Opfer vom 11. September

ARD: Wäre es Ihnen lieber gewesen, man hätte Osama bin Laden lebendig gefasst, und es wäre zu einem Prozess gekommen?

Dircks: Nein, ein Prozess hätte sich über Monate und Jahre hingezogen und dann wäre er verurteilt worden. Er wäre vielleicht freigepresst worden. Ich habe ein besseres Gefühl damit, dass dieser Mann tot ist. Ich war überrascht, dass ich ein ganz unchristliches Gefühl von Rache in mir gefühlt habe. Ich habe darüber nie nachgedacht, aber als ich von seinem Tod hörte, habe ich mich gefreut.

ARD: Wie präsent ist Ihnen der 11. September 2001 heute?

Dircks: Ich erinnere mich an jede Sekunde. Ich kann Ihnen noch genau sagen, wo ich war, als ich es gehört habe. Ich weiß noch, wie es mir ging. Wie dann die Telefone glühten. Wie lange es gedauert hat, bis wir erfahren haben, dass mein Bruder in den Türmen war. Er lebte eigentlich in San Francisco. Er hatte an diesem Tag nur einen Termin in New York. Später habe ich erfahren, dass er noch eine Stunde gelebt haben muss. Alle, die dort gestorben sind, sind sehr langsam und grausam ums Leben gekommen. Das ist wie ein Film, der sich immer wieder abspielt.

ARD: Ist der Tod Osama bin Ladens für Sie auch so etwas wie ein Abschluss?

Dircks: In gewisser Weise ja, aber ich muss nochmal nach New York. Ich werde wie viele der deutschen Angehörigen zur Zehn-Jahres-Feier hinfliegen, und das wird vielleicht noch mehr ein Abschluss sein. Aber der Tod Osama Bin Ladens ist sicherlich auch ein Abschluss.

ARD: Obama sagte: "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan". Sehen Sie das auch so?

Dircks: Der Tod Osama bin Ladens macht all die Opfer nicht wieder lebendig. Aber er ist letztendlich genauso gestorben wie seine Opfer, und das ist schon ein Stück Gerechtigkeit für mich.

Das Interview führten Nina Bigalke und Lida Askari (NDR) für den ARD-Brennpunkt. Es wurde für tagesschau.de verschriftlicht.