Polizeiuntersuchungen in Ansbach

Anschlag vor Musikfestival Was war das Motiv?

Stand: 25.07.2016 13:58 Uhr

Die Sicherheitsbehörden haben nach dem Ansbacher Anschlag umfangreiche Ermittlungen begonnen. Bei dem Angriff wurde der Täter - ein syrischer Flüchtling - getötet und zwölf Menschen verletzt. Die Hintergründe sind unklar - Bayerns Innenminister vermutet aber islamistische Motive.

Nach dem Anschlag von Ansbach laufen intensive Ermittlungen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, er lasse sich von den Chefs der Sicherheitsbehörden informieren. Er kündigte für den Nachmittag eine Pressekonferenz an.

Die Polizei beschlagnahmte in einer Ansbacher Flüchtlingsunterkunft mehrere Gegenstände. Dass das ehemalige Hotel auch die Unterkunft des mutmaßlichen Täters ist, wollte sie aber nicht bestätigen. Mitarbeiter der Spurensicherung trugen am Morgen mehrere Kisten, Säcke und Tüten unbekannten Inhalts aus dem Gebäude. "Im Umfeld des Verstorbenen sind Ermittlungen zugange, die wir aber derzeit noch nicht näher konkretisieren können", sagte ein Polizeisprecher. Auch am derzeit noch abgesperrten Tatort liefen die Ermittlungen weiter.

Die Polizei richtete eine Sonderkommission mit mehr als 30 Mitgliedern ein. Sie solle die Ermittlungen leiten, teilte das Polizeipräsidium Mittelfranken mit. Mitarbeiter des bayerischen Landeskriminalamtes, der Bereitschaftspolizei, weitere Spezialeinsatzkräfte sowie Einsatzkräfte der örtlichen Feuerwehren und Rettungsdienste unterstützten die Arbeiten in Ansbach.

Die Bundesregierung zeigte sich erschüttert über die Gewalttaten in Ansbach und Reutlingen. "Wir trauern mit den Angehörigen der getöteten Frau in Reutlingen und sind in Gedanken bei den Angehörigen der Verletzten von Reutlingen und Ansbach", sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer. Kanzlerin Angela Merkel werde laufend über die Ermittlungen informiert. Kanzleramtschef Peter Altmaier sei in Kontakt mit den Sicherheitsbehörden.

Flüchtling zündet Sprengsatz vor Musikfestival

Am Sonntagabend hatte nach ersten Ermittlungen ein 27-jähriger Flüchtling eine Bombe in der Nähe eines Open-Air-Konzerts in Ansbach explodieren lassen. Der Mann aus Syrien starb, 15 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Der Mann habe die Absicht gehabt, auf ein Musikfestival mit mehr als 2000 Besuchern vorzudringen, was ihm aber wegen eines fehlenden Tickets verwehrt worden sei, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in der Nacht auf einer Pressekonferenz in Ansbach.

Der Nürnberger Polizeivizepräsident Roman Fertinger erklärte, der Mann habe den Sprengsatz in einem Rucksack gehabt: "Wenn er mit dem Rucksack in die Veranstaltung gelangt wäre, hätte es bestimmt mehr Opfer gegeben." Der Mann sei am Eingang aber abgewiesen worden, weil er keine Eintrittskarte hatte. Daraufhin habe der Mann gegen 22.00 Uhr direkt am Eingang die Explosion ausgelöst.

Der Sprengsatz war laut Polizei geeignet, wesentlich mehr Menschen zu töten. Es seien weit verstreut Metallteile gefunden worden. Die Ermittler hätten bei dem Täter ein Handy gefunden, das derzeit von Spezialisten untersucht werde.

Aufenthalt in psychiatrischer Klinik

Die Motive für die Tat sind noch unklar. Der Mann habe schon zwei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen, sagte Herrmann. Er sei deshalb auch schon in einer psychiatrischen Klinik untergebracht gewesen.

Laut Herrmann war der Mann vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und stellte einen Asylantrag. Dieser sei vor einem Jahr abgelehnt worden, der Flüchtling sei seitdem geduldet gewesen. Vor nicht einmal zwei Wochen habe das BAMF erneut den Betroffenen aufgefordert, Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. Er sollte nach Bulgarien abgeschoben werden, wo es für ihn schon eine Anerkennung gegeben habe.

Bei der Durchsuchung der Asylunterkunft sei eine Fülle weiterer Materialien gefunden worden, die zum Bau weiterer Bomben geeignet gewesen wären, darunter Lötkolben und Batterien. Außerdem hätten die Ermittler Handys und andere Datenträger mit islamistischen Gewaltvideos gefunden.

Der Vizepräsident des Polizeipräsidiums Mittelfranken Fertinger betonte jedoch, bislang seien keine Verbindungen zu terroristischen Gruppierungen festgestellt worden. Auch sei bislang kein Bekennerschreiben gefunden worden. Fertinger berichtete, der Mann sei wegen Drogen- und Nötigungsdelikten polizeibekannt. Wegen politisch radikaler Ansichten sei er noch nie aufgefallen. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, auch hinsichtlich seiner mutmaßlichen Tat gebe ein "keinen belastbaren Hinweis" auf ein islamistischen Motiv.

Roman Fertinger (links) und Joachim Herrmann

Nürnbergs Polizeivizepräsident Fertinger (links) und Bayerns Innenminister Herrmann informierten noch in der Nacht über den Ermittlungsstand.

Herrmann: Islamistischer Hintergrund "sehr naheliegend"

Herrmann sagte allerdings noch in der Nacht, die offensichtliche Absicht, mehr Menschen zu töten, weise seiner Meinung nach auf einen islamistischen Hintergrund hin. Der Nachrichtenagentur dpa sagte er: "Meine persönliche Einschätzung ist, dass ich es leider für sehr naheliegend halte, dass hier ein echter islamistischer Selbstmordanschlag stattgefunden hat."

Auch Bayerns Justizminister Winfried Bausback geht nach eigenen Worten davon aus, dass der Anschlag von Ansbach das Werk eines islamistischen Selbstmordattentäters ist. Nach der Axt-Attacke von Würzburg und nun "wohl auch Ansbach" teile er Herrmanns Einschätzung, "dass der islamistische Terror Deutschland erreicht hat".

Die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Demmer, warnte davor, Flüchtlinge generell unter Terrorverdacht zu stellen: "Die meisten Terroristen die in den letzten Monaten in Europa Anschläge begangen haben, waren keine Flüchtlinge."