Der Marktplatz der Stadt Regen in Niederbayern (Archivbild) | Bildquelle: imago/Volker Preußer

Verschwörungsmythen Von Ufos und Geheimgesellschaften

Stand: 03.03.2020 12:00 Uhr

Es sind Akademiker, Studenten, Rentner, die in der bayerischen Stadt Regen über "Grenzwissenschaften" diskutieren. Sie halten den Klimawandel für eine Lüge, glauben an eine "Umvolkung".

Von Carla Reveland, NDR

Einmal im Jahr treffen sich in der kleinen bayerischen Stadt Regen Anhänger von Verschwörungstheorien. Hunderte Besucher aus ganz Deutschland hören sich zwei Tage lang die abstrusesten Theorien zwischen Esoterik, Weltverschwörung und Ufos an. Sie selbst bezeichnen die Veranstaltung als "Konferenz für Grenzwissen", bei der Informationen zu "Ufos, Geheimgesellschaften, Geheimtechnologien, Zeitgeschichte, Verschwörungen, Esoterik, Mythen, und und und ..." thematisiert werden.

Die Teilnehmer kommen aus allen Schichten und Altersgruppen - Akademiker, Studenten, Rentner. Sie seien da, um die Wahrheit zu erfahren, so der Tenor vor Ort, denn sogenannte "Mainstream-Medien" und die Politik würden diese verschweigen. Als Wahrheit propagiert wird hier vieles. Grenzen gibt es hierbei keine. Angefangen bei der Existenz Außerirdischer, geht es über die Lüge vom Klimawandel hin zu geheimen Mächten, die Regierungen steuern und ganz eigene Ziele verfolgen.

Die Theorie vom "Bevölkerungsaustausch"

Ein junger Mann sagt: "Es gibt hier Hinweise oder Beweise, dass das wirklich bewusst so gemacht, so gelenkt wird, dass man halt wirklich die Bevölkerung austauscht." Was er damit meint, ist der angebliche, geheime Plan, die Bevölkerung Deutschlands durch Masseneinwanderung zu ersetzen. Die Legende der "Umvolkung" oder dem "Bevölkerungsaustausch" hat sich als ein zentrales Narrativ in rechtsradikalen und verschwörungstheoretischen Kreisen etabliert. Und eben auch auf Veranstaltungen wie diesen.

In Vorträgen wie zum Beispiel "Fremdbestimmt - 120 Jahre Lügen und Täuschungen", lernt der Zuhörer von Thorsten Schulte, AfD-Sympathisant und Bestsellerautor, dass die Abschaffung der deutschen Nationalität hin zu "einer negroiden Zukunftsrasse" bereits seit den 1920er Jahren forciert werde. Von derartig angestrebten Geheimoperationen ist man hier überzeugt. Dass der "Bevölkerungsaustausch" bereits vor unseren Augen stattfinde und Flüchtlinge absichtlich per "Taxiunternehmen" nach Europa geschleust werden, um die Europäer durch eine "negroide Mischmasse" zu ersetzen, berichtet eine Teilnehmerin voller Überzeugung.

Plan einer "totalitären Ein-Welt-Regierung"

Rechtsextreme Aussagen wie diese sind hier keine Ausnahme. Migration sei "eine Rassenvermischung, die man ja schon seit Jahrhunderten plant." Sie sei ein Teil der von Eliten angestrebten "Neuen Weltordnung", so ein weiterer Besucher des Regen-Treffs. Die Drahtzieher des geheimen Programms seien bestimmte elitäre Kreise wie die "Bilderberger, Trilaterale, Soros und so weiter. Das sind die Knaben", ergänzt ein Anderer. Unter der "Neuen Weltordnung" verstehen Verschwörungsideologen den Masterplan globaler Eliten, eine totalitäre Eine-Welt-Regierung umzusetzen. Diese weist einen klaren Bezug zu den fiktiven antisemitischen "Protokollen der Weisen von Zion" auf und macht zum größten Teil Juden für das Böse und Üble in der Welt verantwortlich.

Rechte und antisemitische Ideologien sind in den Köpfen vieler Besucher fest verankert - unter einem Schutzmantel von Verschwörungsideologien. Auch der bayerische Staatsschutz ermittelte aufgrund von rechtsextremistischen Aktivitäten des Reichsbürgermilieus im Jahr 2017 gegen den Regen-Treff. Bei weitem nicht jeder Teilnehmer von derlei Veranstaltungen kann als Rechtsextremist bezeichnet werden, doch sind die Übergänge fließend und klare Abgrenzungen zum Rechtsextremismus häufig nicht gegeben.

Welt in Gut und Böse einteilen

Bei Verschwörungstheorien ginge es immer darum, die Welt in Gut und Böse einzuteilen, erklärt der Politikwissenschaftler Jan Rathje von der Amadeu-Antonio-Stiftung im Interview mit dem NDR. Verschwörungsideologen betrachten sich als "Widerstandskämpfer gegen die böse Verschwörung" und sehen sich selbst an der Seite des Guten.

Dieses Weltbild setze sich Stück für Stück zusammen und sei ein Prozess. "Menschen steigen nicht ein in dieses Milieu, legen den Schalter um und sind dann von einem Moment auf den anderen Verschwörungsideologin oder Verschwörungsideologen." Verschwörungstheorien zielten in letzter Instanz darauf ab, das gesamte Weltgeschehen erklären zu können. Man käme von einem Baustein, zum nächsten - "bis man schließlich bei der Weltverschwörungstheorie angelangt ist".

Schwer von Antisemitismus zu trennen

Antisemitismus und Weltverschwörungsideologien seien nur schwer voneinander zu trennen, da sie strukturell miteinander verbunden seien, so Rathje. "Beide neigen zur Personifizierung, das heißt zur Identifikation von einzelnen Personen, die Teil der großen Weltverschwörung sein sollen." Letztlich würden alle negativen Ereignisse der Geschichte oder Gegenwart auf die vermeintlichen Machenschaften von Juden zurückgeführt werden, die den Untergang aller anderen möchten.

Die apokalyptische Rhetorik der Weltuntergangsszenarien erwecken bei bestimmen Menschen den Eindruck, es sei nun die letzte Gelegenheit, das Schlimmste zu verhindern. Dies sei laut dem Politikwissenschaftler höchstgefährlich. Denn "je stärker sich bestimmte Personen nur noch in Kreise begeben, wo niemand dem Widerspruch entgegenbringt bringt und wo quasi diese apokalyptischen Erzählungen permanent bestärkt werden, kann das dazu führen, dass Menschen glauben: 'Okay, jetzt ist es an mir, etwas zu verändern. Sonst stirbt die weiße Bevölkerung aus'".

Wenn aus Verschwörungen Taten werden

Wie gefährlich diese rassistischen Verschwörungstheorien sein können, zeigt der rechtsterroristische Anschlag von Hanau, bei dem der mutmaßliche Täter Tobias R. neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschoss und wenig später seine Mutter und sich selbst tötete. Der Attentäter war überzeugter Rassist und Anhänger krudester Weltverschwörungen. In seinem Manifest spricht er von der Vernichtung ganzer Völker und glaubt daran, dass es eine Schattenregierung gäbe, versteckt herrschende Eliten und Geheimorganisationen, welche die ganze Welt steuern.

Über dieses Thema berichtete der NDR in der Sendung "Panorama, Die Reporter" am 3. März um 21.15 Uhr.

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