Ein ukrainischer Panzer feuert in der Nähe von Tschassiw Jar.
Kontext

Krieg in der Ukraine Wie glaubwürdig sind die Angaben zur Gegenoffensive?

Stand: 07.07.2023 14:25 Uhr

Seit Juni läuft die Gegenoffensive der Ukraine, um von Russland besetztes Territorium zu befreien. Weil die Ukraine sich mit Informationen bedeckt hält, greifen Medien oft auf russische Angaben zurück. Experten sehen das skeptisch.

Von Pascal Siggelkow, ARD-faktenfinder

Lange wurde sie erwartet, im Juni war es dann soweit: die Gegenoffensive der Ukraine. Mehr als ein Jahr nach dem Start des russischen Angriffskriegs hat der zweite Versuch der ukrainischen Armee begonnen, von Russland besetzte Gebiete zu befreien. Doch einige Medienberichte erwecken den Anschein, dass die Ukraine bei ihrem Vorhaben erhebliche Misserfolge zu verzeichnen hat.

Vor allem die Meldung von mehreren verlorenen Panzern in der Oblast Saporischschja im Süden der Ukraine machte die Runde. "Focus Online" berichtete von einer "Katastrophe", bei der "Dutzende der besten westlichen Fahrzeuge zerstört" worden seien, zudem "viele Ukrainer getötet oder verletzt wurden", heißt es in einem Video. Die Gegenoffensive verlaufe "anders als geplant": Große Geländegewinne blieben offenbar aus, die Zahl der verwundeten und gefallenen Soldaten steige. Die "Frankfurter Rundschau" nannte es ein "Leopard-Desaster".

Als Quelle für diese Einschätzung dienen unter anderem Aufnahmen des russischen Verteidigungsministeriums, das Bilder und Videos von den angeblich zerstörten Panzern veröffentlichte. Die Ukraine habe demnach allein in Mala Tokmatschka unter anderem elf Panzer verloren, darunter drei Leopard-Panzer. Allerdings sind die russischen Angaben zu den angeblichen Verlusten der Ukraine mit Vorsicht zu betrachten. Besonders im Zusammenhang mit angeblich zerstörten westlichen Panzern gab es bereits einige Falschmeldungen. So zeigte ein Video eines angeblich zerstörten Leopard-Panzers in Wahrheit ein Landwirtschaftsgerät.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Zahlen aus Russland "oft massiv übertrieben"

Dass es zur Gegenoffensive primär Informationen aus Russland gibt, liegt daran, dass die Ukraine größtenteils eine Nachrichtensperre verhängt hat. Das russische Verteidigungsministerium versuche, diese Lage auszunutzen, sagt Julia Smirnova, Senior Researcherin am Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD). "Das ist ein Fokus der russischen Propaganda, und die Zahlen, die dabei genannt werden, sind oft massiv übertrieben." Das russische Verteidigungsministerium sei daher nicht glaubwürdig.

Die niederländische Open-Source-Intelligence-Website (OSINT) Oryx schrieb auf Twitter von insgesamt sechs zurückgelassenen Panzern in der Oblast Saporischja, darunter ein Leopard-Panzer, vier Bradleys und ein Minenräumpanzer. Zurückgelassen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit zerstört. Insgesamt sind den Recherchen von Oryx zufolge seit Beginn der russischen Invasion bislang acht Leopard-Panzer der Ukraine zerstört oder beschädigt worden.

"Im Krieg werden Geräte zerstört"

Dass die Ukraine bei der Gegenoffensive Kriegsgerät verlieren würde, ist aus Sicht von Experten erwartbar gewesen. Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München, sagte dazu im ZDF: "Es ist Krieg, und im Krieg werden Geräte zerstört." Die Ukraine habe das Problem, dass sie angreifen müsse. Dafür hat sie aber aus Sicht von Masala nicht die ausreichende Personenstärke. Die russischen Truppen hätten es daher leichter, sich zu verteidigen. Dabei gehe Gerät kaputt.

Die Erwartungshaltung, dass die Ukraine schnelle Erfolge vorzeigen könne ohne eigene Verluste, sei von Anfang an übertrieben gewesen, sagt Ulf Steindl vom Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). "Es ist vollkommen normal, dass im Krieg auch die modernsten Geräte verloren gehen", sagt er. "Das war zu erwarten, auch wenn es der Ukraine natürlich weh tut." Besonders da die Ukraine nicht über ausreichend Flugabwehrsysteme verfüge, habe Russland zum Beispiel mit Kampfhubschraubern sehr erfolgreich operieren können.

Anhand der Bilder von den offenbar zurückgelassenen Panzern ließe sich jedoch nicht erkennen, wie hoch die Verluste tatsächlich seien, so Steindl. "Einige der Fahrzeuge sind zwar nicht mehr mobil, können aber sehr wohl wieder instand gesetzt werden." Zudem sei bei den westlichen Panzern die Besatzung sehr gut geschützt, was von hoher Bedeutung sei. "Wichtig ist, dass die Besatzung überlebt, damit sie dann mit ihrer Erfahrung wieder eingesetzt werden kann."

Das sieht auch Masala so. Dem ZDF sagte er, man höre, dass aller Wahrscheinlichkeit nach niemand, der in den westlichen Panzern saß, bei den Gefechten gestorben sei.

Gegenoffensive noch in Anfangsphase

Dass die ukrainische Gegenoffensive "nicht schnell" vorangeht, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits selbst angemerkt. "Aber trotzdem rücken wir vor und ziehen uns nicht zurück, wie es die Russen tun", ergänzte er. Nach Ansicht von Experten hat das unter anderem mit der russischen Luftüberlegenheit zu tun. Zudem konnte Russland sich auf die Gegenoffensive vorbereiten und beispielsweise Minen verlegen.

Um überhaupt voranzukommen, müsse die Ukraine zunächst Breschen durch diese Minenfelder schlagen, sagt Steindl. Die Minenräumpanzer würden dafür von den Kampfpanzern unterstützt, um den Druck zur erhöhen und Reserven in Artilleriereichweite hervorzulocken. "Und das geschieht auch", so Steindl. Von der Ukraine würden wiederum viele der neu aufgestellten Brigaden und Bataillone noch nicht eingesetzt werden. "Die Gegenoffensive ist ein langer Prozess, sie befindet sich noch in der Frühphase." Aus einem lokalen Rückschlag auf den Ausgang der Gegenoffensive schließen zu wollen, sei daher falsch.

Für eine Einschätzung sei es insgesamt noch viel zu früh, sagt Steindl. "Wir befinden uns noch ganz zu Beginn der Gegenoffensive, in der zunächst Druck aufgebaut wird", sagt Steindl. Der Fokus auf Seiten der Ukraine liege daher zunächst auf der Bekämpfung der russischen Artilleriesysteme und Logistik und nicht auf große Geländegewinne.

Medienberichte werden für Propaganda genutzt

Mit vorschnellen Schlagzeilen über vermeintliche Misserfolge der Ukraine würden die Medien der russischen Propaganda in die Hände spielen, sagt Smirnova. "Die russischen Medien versuchen, die ukrainische Offensive als gescheitert darzustellen. Vor allem mit Blick auf die angebliche Zerstörung westlicher Technik wird versucht, die westliche Hilfe für die Ukraine sinnlos und vergeblich erscheinen zu lassen." Die Botschaft sei, dass die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen könne und der Westen viel Geld umsonst ausgebe.

Deutsche Medienberichte, die die Gegenoffensive als erfolglos bezeichnen, würden von prorussischen Propagandisten bereitwillig aufgenommen und verbreitet werden, so Smirnova. In mehreren prorussischen Telegramkanälen sind beispielsweise Collagen von deutschen Schlagzeilen geteilt worden. Dazu heißt es dann unter anderem: "Die deutschsprachigen Medien scheinen das Ausmaß des Scheiterns der Gegenoffensive in der Ukraine zu ahnen" und die "Deutschen auf die Niederlage vorzubereiten".

"Übertriebene, reißerische oder ungenaue Schlagzeilen sind ein Geschenk für die Propaganda und Desinformationskanäle", sagt Smirnova. "Sie werden in prorussischen Telegramkanälen gezielt übersetzt, um das eigene Narrativ zu untermauern."

In einem prorussischen Kanal wird zudem ein Artikel der "Berliner Zeitung" falsch zitiert. Dort wird aus dem Autor Franz Becchi ein deutscher "Militäranalyst", der mit den Worten zitiert wird: "Mit großen Erwartungen haben westliche Staaten teure Panzer an die Ukraine geliefert. Aber die Ukraine hat unsere Hoffnungen nicht erfüllt." In dem verlinkten Artikel ist diese Passage jedoch nicht zu finden.

Flut an Informationen in sozialen Medien

Dass manchmal vorschnell über den Erfolg oder Misserfolg der Ukraine geurteilt wird, hat nach Ansicht von Steindl auch mit den sozialen Medien zu tun. Denn dadurch gebe es eine Flut an Bildern und Videos, die in kürzester Zeit um die Welt gingen. Umso wichtiger sei es, die Informationen zu verifizieren und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Wie die Gegenoffensive der Ukraine am Ende zu beurteilen sei, werde sich erst im Herbst gesichert einschätzen lassen.

Auch Smirnova mahnt an, dass die Schnelligkeit in den sozialen Medien von Desinformationsakteuren ausgenutzt werden kann, um das Informationsvakuum mit eigenen Botschaften zu füllen. "Die sozialen Medien können eine Illusion schaffen, dass man gut informiert ist. Aber eigentlich schaffen sie auch eine Voraussetzung für die Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen." Journalisten sollten daher nicht in Versuchung geraten, das Informationsvakuum beispielsweise mit Angaben des russischen Verteidigungsministeriums zu füllen - oder es zumindest entsprechend einordnen.