Oskar Lafontaine | imago images/BeckerBredel
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Lafontaine und das Impfen Starke Worte, schwache Quelle

Stand: 19.08.2021 12:52 Uhr

Der Linken-Politiker Lafontaine nennt Impfungen für Kinder "unverantwortlich". Als vermeintlichen Beleg für angeblich drohende Langzeitfolgen führt er eine einzelne Studie an, die dazu aber gar keine Angaben macht.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Als Mann der leisen Zwischentöne galt Oskar Lafontaine nie; nicht in seiner Zeit als SPD-Chef und Minister in der SPD-geführten Bundesregierung - und auch heute, als Fraktionschef der Linken im Saarland, setzt der 77-Jährige noch auf eindeutige Botschaften. Im aktuellen Wahlkampf riet er sogar davon ab, die eigene Partei im Saarland zu wählen.

Patrick Gensing tagesschau.de

Gerne äußerst sich der einstige Bundespolitiker noch zur internationalen Politik: US-Präsident Joe Biden nennt er "Sleepy Joe", die USA seien der "Weltterrorist Nummer 1" mit "Vasallen" und "Knechten" in der deutschen Politik. Es ist die altbekannte Rhetorik einer dogmatischen Linken, vergleichbar mit der von Jeremy Corbyn in Großbritannien.

Auch in der Corona-Pandemie setzt Lafontaine auf klare Kante: "Wer sind die Covidioten?", fragt er beispielsweise in einem Beitrag auf seiner Webseite - und gibt selbst die Antwort: "Sogenannte Experten" wie Karl Lauterbach gingen "Arm in Arm mit der Pharmaindustrie".

STIKO gibt Empfehlung ab

Die Ständige Impfkommission (STIKO) lobte Lafontaine, weil diese eine generelle Impfung für Kinder vorerst nicht empfohlen hatte. Mittlerweile hat die Kommission ihre Position geändert. Zur Begründung hieß es, auf "Grundlage neuer Überwachungsdaten, insbesondere aus dem amerikanischen Impfprogramm mit nahezu zehn Millionen geimpften Kindern und Jugendlichen, können mögliche Risiken der Impfung für diese Altersgruppe jetzt zuverlässiger quantifiziert und beurteilt werden".

Die sehr seltenen im Zusammenhang mit der Impfung beobachteten Herzmuskelentzündungen müssten als Impfnebenwirkungen gewertet werden. Allerdings wiesen "neuere Untersuchungen aus dem Ausland darauf hin, dass Herzbeteiligungen durchaus auch bei COVID-19-Erkrankungen auftreten". Zudem seien "bisher keine Signale für weitere schwere Nebenwirkungen nach mRNA-Impfung aufgetreten, insbesondere auch nicht bei Kindern und Jugendlichen".

Weiterhin verweist die STIKO auf die veränderte Lage durch die Delta-Variante. Unsicher bleibe, "ob und wie häufig Long-COVID bei Kindern und Jugendlichen auftritt". Nach "sorgfältiger Bewertung dieser neuen wissenschaftlichen Beobachtungen und Daten" komme die STIKO zu der Einschätzung, dass nach gegenwärtigem Wissenstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegten. Unverändert solle die Impfung nach ärztlicher Aufklärung zum Nutzen und Risiko erfolgen.

"Verantwortungslos"

Lafontaine überzeugt das nicht, er meint: "Kinderimpfung bleibt verantwortungslos!" In dem Beitrag dazu, den er unter anderem auf seiner Webseite und auf Facebook verbreitet, behauptet er, es gebe "kein überzeugendes Argument für Kinderimpfungen" - und mehrere, die dagegen sprächen. So seien die Langfristwirkungen weiterhin ungeklärt. Hier verweist Lafontaine auf eine Studie, über die der "Cicero" berichtet hatte - und die belegen solle, dass die mRNA-Impfstoffe die Immunantwort gegen andere Viren schwäche.

Keine Aussage zu Langzeitwirkungen

Bei der von Lafontaine angeführten Studie handelt es sich um ein sogenanntes Preprint, das heißt, die Untersuchung wurde noch nicht von anderen Fachleuten bewertet. Konkret wurde den Angaben zufolge festgestellt, dass sich bei einigen mit dem Biontech-Vakzin geimpften Personen die Abwehrreaktion auf bestimmte Viren, Pilze und Bakterien möglicherweise veränderte: Laut den Beobachtungen wurde sie teilweise schwächer, in einigen Fällen stärker. Dass Impfungen das Immunsystem verändern, liegt auf der Hand - die Frage ist nur: Entsteht dadurch ein Risiko? Darauf gibt diese Arbeit keine Antwort - schon gar nicht im Hinblick auf Kinder. 

Das Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig betonte auf Anfrage des ARD-faktenfinder, es handele sich "um eine gut wissenschaftlich durchgeführte Arbeit mit durchaus vernünftigen Interpretationsansätzen". Allerdings habe diese Studie - wie auch die Autoren selbst schreiben - "ihre Schwachstellen, die in der Interpretation der Studie von Herrn Lafontaine und einigen Medien keine Berücksichtigung fanden".

Die beschriebenen Daten weisen demnach nicht auf einen negativen Effekt der mRNA-Impfung hin und liefern somit auch keine Grundlage für die Aussage, dass es unverantwortlich sei, mRNA Impfstoffe Kindern zu verabreichen: "Da in dieser Studie keine Kinder untersucht wurden, kann man auch keine zuverlässigen und vernünftigen Schlussfolgerungen ziehen."

Bei anderen Impfstoffen längst bekannt

Die HZI-Expertin Peggy Riese erläuterte, das "beschriebene Phänomen der trainierten angeborenen Immunität ist nicht neu und wurde, wie auch von den Autoren erwähnt, bereits für einige Impfstoffe beschrieben". Hierbei handele es sich zum Beispiel um die Impfstoffe gegen Tuberkulose, Masern, Röteln und Mumps. "Das sind alles Impfstoffe, welche schon seit Jahrzehnten bereits im ersten Lebensjahr Kindern verabreicht werden und diese erfolgreich und ohne größere Nebenwirkungen gegen schwere Erkrankungen schützen."

Das neue an dieser Studie sei, so Riese weiter, "dass jetzt gezeigt wurde, das nicht nur Lebendimpfstoffe, sondern auch mRNA-Impfstoffe einen Einfluss auf die angeborene Immunantwort haben". Daraus könne man aber nicht ableiten, dass die mRNA-Impfstoffe für Kinder gefährlich seien oder dass diese dadurch anfälliger für andere Virusinfektionen würden. Es sei "völlig normal, dass eine Impfung, aber auch eine Infektion, einen Einfluss nicht nur auf das erworbene, sondern auch das angeborene Immunsystem hat und es zu einer Verschiebung von Immunanworten kommt". Es sei "sogar angestrebt, dass die Immunanworten in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, abhängig von Erreger und der benötigten schützenden Immunantwort".

Die Autoren der erwähnten Studie machen auch deutlich, dass es sich zwar um interessante Ergebnisse handele, aber man noch keine Rückschlüsse ziehen könne und es weiterer Studien bedürfe.

Der "Cicero", auf den Lafontaine sich bezog, hatte in seinem Bericht ("Fundstück") geschrieben, dass die Studie lediglich Hinweise liefere, an einer "relativ kleinen Kohorte von Menschen mittleren Alters kleinen Zahl" durchgeführt und noch nicht wissenschaftlich begutachtet wurde. Lafontaine erwähnte das nicht.

Sensibles Thema

Impfungen für Kinder sind ein besonders sensibles Thema - und Lafontaine findet mit seinem Standpunkt dazu großen Anklang: Tausende Profile auf Facebook teilten seinen Kommentar und stimmten diesem zu. Doch eine einzelne Studie, die überhaupt keine Aussage zu Langzeitfolgen bei Kindern trifft, taugt nicht als Basis, um Impfungen für Kinder pauschal als "verantwortungslos" zu diskreditieren.

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sagte im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, es sei wenig hilfreich, einzelne Studienergebnisse als Basis für pauschale Aussagen zu nehmen. Die Ergebnisse müssten erst in der wissenschaftlichen Community diskutiert und im Kontext betrachtet werden. Wenn einzelne Untersuchungen herausgepickt würden, könne dies viele Menschen zusätzlich verunsichern, warnte Schmidt-Chanasit. Dies gelte nicht nur bei Impfungen, sondern beispielsweise auch für Erkenntnisse zu neuen Virusvarianten.

Nicht nur Politikerinnen und Politiker, sondern auch Medien können durch verkürzte Berichterstattung über einzelne Studien deren Aussagekraft verzerren und so einen falschen Eindruck erwecken. Diese Gefahr verstärkt sich noch, da es zur Corona-Pandemie eine wahre Flut von Untersuchungen und Studien gibt, die sogar die wissenschaftlichen Prüfsysteme an ihre Grenzen bringt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. August 2021 um 12:00 Uhr.