Krankenwagen stehen vor einem Haus in Solingen | Bildquelle: dpa

Opfer von vorsätzlichen Delikten Zahl der getöteten Kinder stark gesunken

Stand: 07.09.2020 12:51 Uhr

Der Tod von fünf Kindern in Solingen hat großes Entsetzen ausgelöst. Dieser besonders grausame Fall sei allerdings eine Ausnahme, betonen Fachleute: Die Zahl der Kinder, die Opfer von vorsätzlichen Tötungsdelikten werden, sinkt.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

In Solingen haben am Wochenende Nachbarn mit einer Schweigeminute und einer Lichterkette der getöteten Kinder gedacht. Eine 27-Jährige steht unter Verdacht, fünf ihrer sechs Kinder umgebracht zu haben.

Die Tat erschüttert nicht nur Nordrhein-Westfalen, sondern sorgt bundesweit für großes Aufsehen. Forscherinnen und Forscher warnen allerdings, dass durch eine sehr große Aufmerksamkeit für einzelne Taten "schnell der Eindruck" entstehen könnte, dass es sich bei Tötungsdelikten an Kindern um ein quantitativ ansteigendes Phänomen handele. Bundesweit geht die Zahl der Kinder, die Opfer eines vorsätzlichen vollendeten Tötungsdelikts werden, aber seit Jahren zurück. Das zeigt unter anderem die Polizeiliche Kriminalstatistik: Während es im Jahr 1995 insgesamt noch 172 Opfer von vollendeten vorsätzlichen Tötungsdelikten im Alter von null bis 14 Jahren gegeben hatte, ist die Zahl seitdem kontinuierlich gesunken. Bei der Körperverletzung mit Todesfolge sogar von 49 auf vier Fälle.

Opfer von vollendeten vorsätzlichen Tötungsdelikten (0-14 Jahre)
JahrMordKörperverl. TodesfolgeTotschlag, Kindstötung u.a.Insgesamt
1995484975172
2000524167160
2005352545105
20102684577
20151683862
20191542746

Zwar hat die Polizeiliche Kriminalstatistik verschiedene Schwächen, was beispielsweise das Dunkelfeld bei bestimmten Delikten betrifft, doch lassen sich daraus durchaus Tendenzen ableiten.

Kriminologe: Ächtung von Gewalt wichtig

Christian Pfeiffer erforscht seit Jahrzehnten die Entwicklung der Kriminalität. Er betont im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder, die Zahl der vorsätzlichen Tötungsdelikte habe seit 1995 um 73 Prozent abgenommen.

Christian Pfeiffer | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Betont die Bedeutung von gewaltfreier Erziehung: Christian Pfeiffer.

Der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) beschäftigt sich auch im offiziellen Ruhestand weiter mit der Kriminalitätsentwicklung und hat dazu ein Buch veröffentlicht, in dem er diese positive Entwicklung analysiert. Seine These: Die Ächtung von Gewalt in der Erziehung sei ein zentraler Faktor. "Schon vor dem seit 2000 geltenden Verbot jeglichen Schlagens von Kindern hat sich der zivilgesellschaftliche Kinderschutz über den Kinderschutzbund stark entwickelt", so Pfeiffer.

"Auch die Medien haben stark dazu beigetragen, die Botschaft der Wissenschaft zu verbreiten, dass das Schlagen von Kindern deren Entwicklung massiv beeinträchtigt. Und schließlich hat auch die Politik erheblichen Anteil, weil sie das Kinderschutzgesetz mehrfach verbessert hat und weil zusätzlich die Jugendämter darin gestärkt wurden, sich besser um problembeladene Familien zu kümmern." Dies alles seien Einflussfaktoren, die auch das Tötungsrisiko von Kindern drastisch gesenkt hätten. Als weitere Faktoren gelten eine bessere medizinische Versorgung sowie bessere Hilfsangebote für Familien in der Krise.

Ermittlungen laufen weiter

Im Hinblick auf den Fall in Solingen fehlten aber noch Hintergrundinformationen, sagt Pfeiffer, so dass eine Bewertung der Umstände noch nicht möglich sei. Im Mittelpunkt der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft steht die mordverdächtige Mutter, die die Kinder erst betäubt und dann erstickt haben soll.

Der Psychotherapeut Christian Lüdke sagte dem WDR, Eltern töten ihre Kinder nicht im Affekt, eine Überforderung sei "kein Motiv, um seine Kinder zu töten, sondern höchstens Auslöser". Hinter solchen Taten stecke oft wesentlich mehr als eine Überforderung - nämlich "häufig massive Persönlichkeitsstörungen oder Beziehungsstörungen in der Partnerschaft. Oft bauen sich über viele Jahre Gefühle von Überforderung und Hilflosigkeit auf. Das Töten ist dann letztlich eine ganz primitive Form der Konfliktbewältigung: Diese Probleme sollen jetzt einfach aufhören."

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