Sanna Marin, Ministerpräsidentin Finnlands | Bildquelle: AP

Vier-Tage-Woche in Finnland Eine Idee wird zu Fake News

Stand: 08.01.2020 16:06 Uhr

Sechs Stunden am Tag, vier Tage in der Woche arbeiten - dieser angebliche Plan der finnischen Regierung sorgte für weltweite Schlagzeilen. Eine Spurensuche wie eine Idee zum angeblichen Fakt und zur Falschmeldung wurde.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

"Finnland führt unter der jüngsten Premierministerin der Welt, Sanna Marin, eine Vier-Tage-Arbeitswoche und den Sechs-Stunden-Arbeitstag ein", vermeldete die britische Zeitung "The Sun". Auch die "Daily Mail" sowie weitere Medien in verschiedenen Staaten berichteten über die vermeintlichen Regierungspläne.

In Deutschland schrieb die "Bild" von einem "Job-Hammer im Norden", die "Finnen-Chefin (34)" wolle die "Vier-Tage einführen" und zudem die Arbeitszeit pro Tag auf sechs Stunden verkürzen. Auch die "Welt" und der Deutschlandfunk berichteten über das angebliche Vorhaben. Die tagesschau griff das Thema in den sozialen Netzwerken auf.

Einkaufsstraße Aleksanterinkatu in Helsinki | Bildquelle: imago images / Frank Sorge
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Die angebliche finnische Arbeitszeitverkürzung sorgte nicht nur in den Straßen von Helsinki für Gesprächsstoff.

Überraschte finnische Regierung

Doch in dem Regierungsprogramm gibt es diesen Plan gar nicht. Das stellte die finnische Regierung mittlerweile klar - und zeigte sich überrascht von den weltweiten Schlagzeilen. Tatsächlich habe die Regierungschefin die Idee für eine Vier-Tage-Woche in ihrer Funktion als Verkehrsministerin lediglich kurz erwähnt - und zwar bereits im August 2019.

Das ist zutreffend, wie ein Blick ins Archiv zeigt; die Äußerungen fielen bei einer Feier zum 120-jährigen Bestehen der Arbeiterpartei Finnlands. Der Vorstoß hatte damals aber keine größere Aufmerksamkeit ausgelöst.

Sogar die "India-Times" berichtet

Warum diese Idee nun plötzlich weltweit für Schlagzeilen gesorgt habe, sei ein Rätsel, schreibt die finnische Regierung weiter. Ein Journalist von "News Now Finland" versuchte, den Ursprung der irreführenden Meldung zu finden. Den Recherchen zufolge war es eine Zeitung aus Brüssel, die die Äußerungen aus dem August 2019 in einen aktuellen Kontext stellte: "Finnische Premierministerin fordert Vier-Tage-Woche und Sechs-Stunden-Tag" lautete die Überschrift, die es in ähnlicher Form sogar bis nach Indien schaffte.

Die "Bild"-Zeitung berichtet mittlerweile, die Regierung "rudert" jetzt zurück und fragt: "Kriegt die Regierungschefin kalte Füße?" In dem Beitrag selbst wird dann aber klar, dass Marin nie als Ministerpräsidentin einen Plan vorgestellt hat, eine Vier-Tage-Woche und einen Sechs-Stunden-Tag einzuführen. 

Kürzere Woche oder kürzerer Tag wurden diskutiert

Ohnehin hatte sie im August 2019 bei der Diskussionsrunde nicht davon gesprochen, beides einzuführen - sondern entweder eine verkürzte Arbeitswoche oder einen kürzeren Arbeitstag.

In Finnland wird die Arbeitszeit also vorerst nicht reduziert, doch die irreführenden Berichte über die angeblichen Pläne haben dennoch eine Debatte angestoßen. So heißt es beispielsweise im Blog der SPD-Zeitung "Vorwärts" in einem Debattenbeitrag: "Zweifelsohne polarisiert die Idee der Vier-Tage-Woche zwischen Wirtschaft, Sozialpartner*innen und Arbeitnehmer*innen. Das ist jedoch genau das, was eine Politik tun sollte, die die Zukunft und nicht die Vergangenheit im Blick hat."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 08. Januar 2020 um 13:22 Uhr.

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