weiße Pillen auf orangenem Grund
Interview

Interview mit "Women on Waves"-Gründerin Gomperts "Abtreibungspillen sind eine Revolution"

Stand: 25.07.2015 11:00 Uhr

Jedes Jahr sterben Tausende Frauen, weil sie in Eigenregie versuchen, ihre Schwangerschaft zu beenden - oft mit Chemikalien, Stricknadeln oder Gewalt gegen sich selbst. Rebecca Gomperts will ihnen helfen - mit einem Schiff.

tagesschau.de: Frau Gomperts, Sie helfen Frauen, die ungewollt schwanger sind, bei der Abtreibung. Wie kam es dazu?

Rebecca Gomperts: In vielen Ländern steht Abtreibung unter Strafe, auch wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden ist oder die Schwangere noch ein Kind ist. Diese Frauen sind oft so verzweifelt, dass sie selbst Maßnahmen ergreifen, weil ihnen keiner hilft. Sie versuchen mit Stricknadeln oder giftigen Chemikalien wie Bleiche den Fötus zu töten. Andere stürzen sich die Treppe herunter oder schlagen sich sehr fest in den Bauch. Jedes Jahr sterben deshalb viele Frauen.

Schiff der Organisation "Women on Waves" 2004 in Portugal

Schiff der Organisation "Women on Waves" 2004 in Portugal

tagesschau.de: 2001 gründeten Sie die Organisation "Women on Waves", eine Art schwimmende Abtreibungsklinik. Wie genau funktioniert das?

Gomperts: Wir fahren mit einem Schiff in die Länder, in denen Abtreibungen verboten sind. In den Häfen nehmen wir dann die Frauen an Bord, die ungewollt schwanger sind. Wir fahren sie außerhalb der Landesgrenzen, reden mit ihnen über ihre Situation und klären sie auf. Wenn sie dann immer noch sicher sind, dass sie abtreiben wollen, geben wir ihnen auf hoher See die Abtreibungspillen und bringen sie anschließend wieder nach Hause. Es ist weniger eine schwimmende Abtreibungsklinik als vielmehr ein Ort, an dem Frauen die Pillen legal schlucken können. Wenn wir mit dem Schiff außerhalb der Ländergrenzen sind, gilt dort niederländisches Recht. Und das erlaubt Abtreibungen bis zur 24. Schwangerschaftswoche*, allerdings nur in Spezialkliniken. Auf dem Schiff dürfen wir die Pillen aus rechtlichen Gründen nur bis 6,5 Wochen nach dem ersten Tag der letzten Periode geben. Bei den Frauen ist die Periode bis zu dem Zeitpunkt erst zwei Wochen ausgeblieben.

tagesschau.de: Wie viele Einsätze hatten Sie schon mit dem Schiff?

Gomperts: Bisher hatten wir fünf Einsätze. In Irland, Polen, Portugal, Spanien und zuletzt in Marokko. Wir helfen den Frauen bei der Abtreibung, wollen aber auch öffentliche Aufmerksamkeit und Aufklärung. Die Einsätze sind also auch Kampagnen.

Amnesty Infografik

tagesschau.de: In Portugal ist nach ihrer Kampagne das Abtreibungsgesetz gelockert worden.

Gomperts: Ich glaube nicht, dass das nur aufgrund unserer Kampagne geschah. Aber wir hatten sehr viel mediale Aufmerksamkeit, als die portugiesische Regierung zwei Kriegsschiffe schickte, um unserem Schiff den Weg nach Portugal zu versperren. Das hat die Menschen sehr aufgeregt. Unsere Aktion im Jahre 2004 hat den Willen zur Veränderung in der portugiesischen Gesellschaft vielleicht beschleunigt. Wir legten Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein und hatten damit Erfolg. Zwei Jahre später wurde Abtreibung in Portugal jedenfalls legalisiert.

Viele wissen nicht, dass es die Pillen in Apotheken gibt

tagesschau.de: Wie viele Abtreibungen haben Sie auf dem Schiff schon vorgenommen?

Gomperts: In Portugal war es keine, denn da wurden wir ja gestoppt. Wir bekamen anschließend aber Hunderte Anrufe. In Polen konnten wir 15 Frauen helfen, in Spanien etwa fünf. Das sind eher wenige, wenn man bedenkt, wie viele Frauen betroffen sind. Aber das Schiff gibt uns Aufmerksamkeit. Wir informieren über die Möglichkeit der medikamentösen Abtreibung. Wir errichten lokale Hotlines und bieten Trainings an. Die Schiffskampagnen machen wir möglichst an Orten, an denen wir eine gesellschaftliche Diskussion anschieben können, wo das Thema zum Beispiel bereits im Parlament diskutiert wird. Dann kann eine Kampagne den Legalisierungsprozess beschleunigen. Bei unserer letzten Kampagne 2012 in Marokko war das Ziel, die Frauen darüber zu informieren, dass sie die Abtreibungspillen in Apotheken kaufen können. Das wussten sie nicht. Wir wollen aufklären.

Tagesschau.de: Das Medikament wird in Ländern verkauft, in denen Abtreibung verboten ist?

Amnesty Infografik

Gomperts: Ja, denn der Wirkstoff Misoprostol, mit dem man abtreiben kann, wird auch gegen Rheuma oder Arthritis genommen. Frauen können in der Apotheke sagen, sie besorgten das Medikament für ihre Großmutter, die das Medikament vergessen hat. Wenn sie das Medikament nicht bekommen, sollen sie in eine andere Apotheke gehen oder einen Mann schicken. Dem wird die Geschichte mit der Großmutter eher geglaubt. Eine medikamentöse Abtreibung wird optimalerweise mit einer Kombination aus den beiden Wirkstoffen Misoprostol und Mifepriston vorgenommen. Es geht aber auch nur mit Misoprostol. Beide Wirkstoffe wurden von der Weltgesundheitsorganisation auf die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel gesetzt.

Die Frauen bekommen die Pillen per Post geschickt

tagesschau.de: 2005 gründeten Sie „Women on Web“, eine Schwesterorganisation von “Women on Waves“. Was hat es damit auf sich?

Gomperts: Damit beraten wir Frauen online. Wir recherchieren für sie, ob es vor Ort Hilfe für sie gibt oder wie sie in ihrem Land an Misoprostol kommen, den Wirkstoff, mit dem sie abtreiben können. Ob es Apotheken gibt, die das Medikament verkaufen.

Tagesschau.de: Und was raten Sie Frauen, die das Medikament nicht bekommen?

Gomperts: Wir geben ihnen Tipps, in welchem Land ihnen geholfen werden könnte. Lateinamerikanern empfehlen wir häufig nach Mexiko City zu fahren. Es gibt auch Deutsche, denen wir raten, in die Niederlande oder nach Großbritannien zu reisen, wo Abtreibungen bis zur 24. Woche* möglich sind. Denn in Deutschland sind Abtreibungen nicht legal und nur bis zur 14. Woche* straffrei. Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, dann können die Frauen die Pillen auch zugeschickt bekommen.

tagesschau.de: Sie schicken die Pillen mit der Post?

Gomperts: Wir selbst verschicken die Pillen nicht, aber wir arbeiten mit einem pharmazeutischen Partner in Indien zusammen, der die Pillen mit der Post versendet. Das macht er bis zum Ende der 9. Woche, da ist eine Verzögerung durch die Post einkalkuliert.

Rebecca Gomperts
Zur Person

Rebecca Gomperts studierte Medizin und bildende Kunst in Amsterdam. Nach ihrem Abschluss spezialisierte sie sich auf Abtreibung und war auf dem Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrier“ als Ärztin und Umweltaktivistin. In Südamerika begegnete sie vielen Frauen, die darunter litten, dass sie keine Möglichkeit der sicheren und legalen Abtreibungen hatten. Diese Frauen inspirierten Gomperts zur Gründung von Women on Waves.

Tagesschau.de: Das heißt, eine Frau kann die Abtreibung ohne einen Arzt einfach so zu Hause vornehmen?

Gomperts: Ein Arzt beschäftigt sich online mit der Krankengeschichte. Wenn er nichts findet, was gegen eine Abtreibung spricht, gibt er grünes Licht. Die Frau führt die Abtreibung dann allein zu Hause durch. Bis zur 12. Woche* ist das sicher, das haben aktuelle Untersuchungen gezeigt. In der Regel braucht man dafür keine ärztliche Aufsicht. Eine medikamentöse Abtreibung ist wie eine Fehlgeburt und die geschieht schließlich immer ohne medizinische Aufsicht. Zu einem späteren Zeitpunkt muss die Abtreibung aber in einer Klinik vorgenommen werden.

Ärzte können nicht feststellen, ob nachgeholfen wurde

tagesschau.de: Und wenn eine Frau in einem Land lebt, in dem Abtreibung unter Strafe steht, ihr also keine Klinik bei der Abtreibung jenseits der 12. Woche* helfen kann?

Gomperts: Wir können ihr dann keine Medikamente mehr über unseren pharmazeutischen Partner zukommen lassen. Wenn sie an ihrem Land an die Tabletten kommen kann, raten wir ihr, sich nach der Pilleneinnahme ins Wartezimmer einer Klinik zu setzen und zu sagen, dass sie eine Fehlgeburt hat. Medizinisch macht das keinen Unterschied. Die Ärzte können nicht feststellen, ob der Fötus auf natürlichem Wege abgeht oder ob nachgeholfen wurde. Allerdings sollten die Frauen die Abtreibungspille unter die Zunge legen und nicht vaginal einführen, denn sonst könnte man Reste des Wirkstoffes nachweisen.

Amnesty Infografik

tagesschau.de: Und wie helfen sie Frauen, für die es zu spät für eine Abtreibung ist?

Gomperts: Wenn die Schwangerschaft schon weiter als bis zur 24sten Woche* fortgeschritten ist, dann informieren wir sie über Adoptionen.

Tagesschau.de: Wie viele Frauen suchen Hilfe über „Women on Web“?

Gomperts: Pro Jahr bekommen wir etwa 100.000 Mails. Sie sind auf Englisch, Arabisch, Farsi, Portugiesisch, Französisch. Frauen auf der ganzen Welt suchen unsere Hilfe.

Tagesschau.de: Wie finanziert sich Ihre Organisation?

Gomperts: Es ist eine Non-Profit-Organisation, die sich selbst tragen sollte. Die Frauen, die es sich leisten können, geben 70 bis 90 Euro. Wenn eine Frau gar kein Geld hat, dann geben wir ihr die Pillen so. Das sind etwa 20 Prozent. Wir bekommen auch private Spenden.

tagesschau.de: Bekommen Sie denn nicht häufig Probleme, wenn Sie Frauen in Ländern Abtreibungspillen schicken, in denen Schwangerschaftsabbrüche verboten sind?

Gomperts: Manchmal schon. Aber das Medikament Misoprostol wird ja in vielen Ländern verkauft, in manchen sogar ohne Rezept. Wir stellen sicher, dass die Frauen darüber Bescheid wissen. Und für den Fall, dass sie keinen Zugang haben, sorgen wir dafür, dass sie das Medikament bekommen. Heute ist es absolut unnötig, dass Frauen wegen einer Abtreibung sterben. Die Abtreibungspillen sind eine Revolution für Frauen.

Das Interview führte Friederike Ott, tagesschau.de.

*gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Periode