Eine 15-jährige schwangere Frau Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik | AFP

Rechte von Mädchen und Frauen Fast jede zweite Schwangerschaft unbeabsichtigt

Stand: 30.03.2022 17:10 Uhr

121 Millionen unbeabsichtigte Schwangerschaften soll es nach Angaben der UN jährlich geben. Gründe dafür seien zum Beispiel die Benachteiligung von Frauen, Armut und sexuelle Gewalt - und Kriege wie in der Ukraine.

Fast die Hälfte aller Schwangerschaften weltweit sind unbeabsichtigt. Das geht aus dem Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen hervor. Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften wird mit 121 Millionen jährlich angegeben, das entspreche einem Anteil von 48 Prozent aller Schwangerschaften. Davon würden laut UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) mehr als 60 Prozent durch Abtreibung abgebrochen - die Hälfte davon unter unsicheren Bedingungen.

Weil sich die Versorgung mit Verhütungsmitteln in humanitären Krisen verschlechtere, seien diese auch ein Treiber von unbeabsichtigten Schwangerschaften. 257 Millionen Mädchen und Frauen, die eine Schwangerschaft verhüten möchten, hätten einen ungedeckten Bedarf an Verhütungsmitteln, heißt es in dem Weltbevölkerungsbericht 2022 weiter.

Mischung aus Benachteiligung, Armut und sexueller Gewalt

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) stellte den Bericht gemeinsam mit UNFPA und Entwicklungsministerin Svenja Schulze vor. Der Bericht stützt sich auf neue Daten des Guttmacher-Instituts aus 150 Ländern aus den Jahren 2015 bis 2019. Das Institut setzt sich für das Recht auf Abtreibung ein.

Als Hauptursachen für unbeabsichtigte Schwangerschaften nennen die Autoren die Benachteiligung von Frauen, Armut, sexuelle Gewalt sowie einen mangelnden Zugang zu Verhütungsmitteln.

In dem Bericht geht es den Autoren zufolge nicht um "ungewollte Babys oder glückliche Missgeschicke", sondern darum, wie ein Zusammenspiel aus Geschlechterungerechtigkeit, Armut, sexueller Gewalt und eingeschränktem Zugang zu Verhütungsmitteln und Abtreibungen Frauen "die lebensverändernste Entscheidung - ob sie schwanger werden oder nicht", nehme.

Eine schwangere Frau geht in Rio de Janeiro eine Straße entlang. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Laut Bericht wird Frauen "die lebensverändernste Entscheidung - ob sie schwanger werden oder nicht" genommen. Eine Schwangere in Rio de Janeiro. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Konflikte lassen das Problem wachsen

Die Studienautoren warnten, Konflikte wie der Ukraine-Krieg könnten die Zahl ungewollter Schwangerschaften in "schwindelerregende" Höhen treiben. Denn sexuelle Gewalt nehme zu und der Zugang zu Verhütungsmitteln sei eingeschränkt. UNFPA-Direktorin Natalia Kanem nannte bei der Vorstellung des Berichts Fälle schwangerer Frauen in der Ukraine, "die wussten, dass sie ernährungstechnisch nicht in der Lage sein würden, ihre Schwangerschaft durchzuhalten". Es gebe auch Beispiele von Kriminellen, "die die Tragödie des Krieges als eine Gelegenheit sehen, Frauen und Mädchen ins Visier zu nehmen".

Vertriebene Frauen erleben sexuelle Gewalt

Studien zufolge erleben mehr als 20 Prozent der vertriebenen Frauen weltweit sexuelle Gewalt. Kanem warnte, dass die offiziellen Zahlen wegen des mit der Gewalt verbundenen sozialen "Stigmas" vermutlich zu niedrig angesetzt seien.

Die UNFPA-Direktorin schätzte, dass allein der Konflikt in Afghanistan bis 2025 voraussichtlich zu 4,8 Millionen ungewollten Schwangerschaften führen werde. Auch die Corona-Krise führte UNFPA zufolge allein im ersten Jahr der Pandemie zu bis zu 1,4 Millionen ungewollten Schwangerschaften, weil Frauen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder Verhütungsmitteln hatten.

Abtreibungen mit Stricknadeln

Jedes Jahr müssten dem Bericht zufolge sieben Millionen Frauen nach unsicheren Abtreibungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Diese Schwangerschaftsabbrüche seien eine der Hauptursachen für die Müttersterblichkeit. Die türkische Ärztin Ayse Akin berichtete bei der Vorstellung des Berichts, dass sie "verzweifelte Frauen" behandelt habe, die versucht hätten, mit "Stricknadeln und Streichhölzern" abzutreiben.

Feministische Entwicklungspolitik als Lösung?

Die Autoren raten zu einer feministischen Entwicklungspolitik, die mehr selbstbestimmte Entscheidungen möglich machen solle. Auch müsse eine breite Auswahl an modernen Verhütungsmitteln zur Verfügung gestellt werden. "Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist ein Menschenrecht und muss allen Mädchen und Frauen gewährt werden. Nur wenn Mädchen und Frauen Entscheidungen über ihre Gesundheit und ihre Lebensplanung selbst treffen können, haben sie eine faire Chance auf soziale und wirtschaftliche Teilhabe", erklärte Entwicklungsministerin Schulze.

UNFPA-Exekutivdirektorin Kanem bezeichnete den Bericht als "Weckruf". "Die erschütternde Zahl unbeabsichtigter Schwangerschaften ist ein weltweites Versagen bei der Wahrung der grundlegenden Menschenrechte von Frauen und Mädchen", so Kanem.