Ein Arbeiter trägt eine Leiter vor dem mehrfach abgezäunten Kapitol in Washington. | AFP

Vor Bidens Amtseinführung Washington im Ausnahmezustand

Stand: 19.01.2021 19:59 Uhr

Bald wird Joe Biden 46. Präsident der USA. Eine Amtseinführung unter schwierigen Bedingungen: Das Land befindet sich im Griff der Pandemie und ist tief gespalten. Das zeigt sich auch an den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten.

 Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Ein CNN-Reporter steht am frühen Dienstagmorgen Ortszeit in der komplett gesperrten Innenstadt von Washington. Hinter sich ein meterhoher Zaun, Betonblöcke, ein gepanzertes Fahrzeug und Soldaten mit Maschinengewehr. Gerade sei die Polizei dabei, auch die meisten Brücken in die Hauptstadt zu sperren, erzählt der Reporter.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

25.000 Nationalgardisten im Einsatz

Washington ist eine Stadt im Ausnahmezustand. 25.000 Nationalgardisten sind im Einsatz - zweieinhalb Mal so viele wie vor vier Jahren. Aber auch unter diesen Sicherheitskräften könnte es militante Trump-Anhänger mit bösen Absichten geben, fürchten die Behörden. Und haben deshalb eine zusätzliche Überprüfung auf extremistische Tendenzen angeordnet.

Marc Sasseville, Vize-Chef der Nationalgarde, versucht im Sender NPR zu beschwichtigen: "Wir überprüfen noch mal extra, um Sicherheit zu haben. Wir haben keinerlei Hinweise auf irgendwelche Probleme. Wir wollen nur auf der sicheren Seite sein."

Nationalgardisten auf der National Mall, der Parademeile in Washington.  | AFP

Nationalgardisten auf der National Mall, der Parademeile in Washington. 25.000 Soldaten sind rund um die Amtseinführung von Joe Biden im Einsatz. Bild: AFP

Trump bleibt fern und fliegt nach Florida

Normalerweise würde der Tag der Amtseinführung mit einem Treffen des scheidenden und des neuen Präsidenten im Weißen Haus beginnen. Diesmal ist nichts normal. Donald Trump will nicht mal an der Feier selbst teilnehmen. Er plant stattdessen für sich gerade einen Abschied mit militärischen Ehren am frühen Morgen, bevor er dann - ein letztes Mal an Bord der Air Force One - nach Florida entschwindet.

Dabei weiß der scheidende Präsident genau, wie wichtig es für das Land wäre, dabei zu sein. Bei seiner eigenen Amtseinführung hatte er die Tradition gepriesen: "Alle vier Jahre versammeln wir uns hier auf diesen Stufen, um den friedlichen Machtwechsel zu vollziehen. Und wir danken Präsident Obama und First Lady Michelle für ihre freundliche Hilfe bei diesem Übergang", so Trump damals.

Ein Fahnenmeer als Ersatz für das Publikum

Nicht nur Trump wird nicht dabei sein: Die gut 500 Mitglieder des Kongresses, die sich auf der Tribüne an der Westseite des Kapitols versammeln, dürfen diesmal nur je einen Gast mitbringen. Und die Mall, die Parademeile, auf der sich sonst hunderttausende Zuschauer drängeln, ist schon seit Tagen für Publikum gesperrt. Stattdessen weht dort seit Montag ein Meer aus über 200.000 US-Flaggen.

Für den neuen Präsidenten sind die besonderen Umstände nur Ansporn, behauptet sein enger Vertrauter, Senator Chris Coons, bei CNN: "Er wird auf eine Mall ohne Amerikaner, aber stattdessen hunderttausende Flaggen schauen. Wegen der Pandemie und wegen der vergangenen Gewalt und des Chaos. Und an seinem ersten Tag im Amt wird er per Exekutiv-Order versuchen, einen Teil des Schadens und der Spaltung zu kitten, der in den letzten vier Jahren angerichtet wurde."

"Er muss die Amerikaner zusammenbringen"

Die Zeremonie selbst dauert nur eine gute Stunde: Gemeinsames Gebet, ein Gedicht, Vereidigung - und natürlich die erste Rede. "America united" - "Amerika vereint" wird Biden's Motto sein. Seit Monaten verspricht der 78-Jährige, der Präsident aller Amerikaner zu sein.

Aber 74 Millionen US-Bürger haben ihn nicht gewählt - und sehr viele glauben, dass er die Wahl gestohlen hat. Vor allem diese Menschen muss Biden erreichen, sagt Jeff Shesol, ehemaliger Redenschreiber von Bill Clinton, dem Sender NPR: "Er muss die Amerikaner zusammenbringen. Aber er muss auch zeigen, dass er nicht naiv ist. Und ich glaube, die bei Amtseinführungen üblichen dünnen Beschwörungen der Einheit werden hier nicht reichen."

Ein Zeichen der Eintracht soll das Musikprogramm bieten: Lady Gaga singt die Nationalhymne, Jennifer Lopez tritt auf. Und: Bidens Frau Jill hat in letzter Minute den Countrystar Garth Brooks überredet, der schon bei fast allen Amtseinführungen seit Jimmy Carter gesungen hat.

Er sei vielleicht der einzige Republikaner bei der Veranstaltung, scherzte Brooks bei einer virtuellen Pressekonferenz. Aber es gehe darum, die Hand auszustrecken und sich lieb zu haben. Denn nur so würden die USA die wohl schlimmste Spaltung in ihrer Geschichte durchstehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Januar 2021 um 20:00 Uhr.