Angeklagte werden in Ankara zum Gericht geführt | AFP

Putschversuch in Türkei Mammutprozess gegen Gülen und Co.

Stand: 01.08.2017 15:17 Uhr

Die Türkei stellt die angeblichen Anführer des Putschversuchs von 2016 vor Gericht. In einem eigens gebauten Saal begann der Prozess gegen fast 500 Verdächtige - darunter auch der Prediger Gülen, gegen den in Abwesenheit verhandelt wird.

In der Türkei hat der bislang größte Prozess zu dem gescheiterten Militärputsch vor einem Jahr begonnen. 486 Verdächtige müssen sich vor Gericht verantworten. Konkret geht es um die Ereignisse auf dem Luftwaffenstützpunkt Akinci - dem damaligen Hauptquartier der Aufständischen.

Der Prozess findet unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen in einem speziell erbauten Gerichtssaal des Gefängnisses von Sincan statt. Als die Angeklagten dorthin gebracht wurden, trugen sie Handschellen, wurden an jedem Arm von paramilitärischen Polizisten gehalten und von bewaffneten Spezialsicherheitskräften beschützt. Bei ihrer Ankunft wurden sie von einer aufgebrachten Menge empfangen. Die Zuschauer beschimpften die Angeklagten und riefen: "Märtyrer sterben nicht, die Nation wird nicht gespalten werden!"

Demonstranten fordern die Todesstrafe

Einige Demonstranten warfen auch Seile mit Henkersknoten nach den Angeklagten und riefen "wir wollen die Todesstrafe" und "ihr alle werdet bezahlen". Auf Bannern der Regierungspartei AKP wurde zudem gefordert, dass die Angeklagten vor Gericht eine Uniform tragen. Bei einem früheren Prozess hatte ein mutmaßlicher Putschistenführer mit einem T-Shirt und der Aufschrift "Held" für Empörung gesorgt.

Vielen der 486 Verdächtigen drohen lebenslange Haftstrafen. Ihnen wird unter anderem Verfassungsbruch, Mord und der Versuch vorgeworfen, ein Attentat auf Präsident Recep Tayyip Erdogan zu verüben und die Regierung zu stürzen. Von den Angeklagten sind 18 auf freiem Fuß und sieben flüchtig.

Demonstranten protestieren am Rande eines Prozesses gegen fast 500 mutmaßliche Putschisten in der Türkei. | dpa

Familienangehörige von Opfern, die während des Putschversuchs getötet wurden, machten ihrer Wut Luft, als die Angeklagten zum Gerichtsgebäude gebracht wurden. Bild: dpa

Gegen Gülen wird in Abwesenheit verhandelt

Unter den Beschuldigten, denen in Abwesenheit der Prozess gemacht wird, sind auch der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen und der Theologiedozent Adil Öksüz. Die türkische Führung macht die Gülen-Bewegung für den Putschversuch verantwortlich. Dieser bestreitet das. Öksüz soll in der Putschnacht auf der Akinci-Basis das Kommando geführt haben.

Viele der Angeklagten sind auch in anderen Prozessen angeklagt. Bereits im Februar und im Mai hatten in demselben Gerichtssaal zwei Verfahren gegen hunderte mutmaßliche Putschbeteiligte begonnen.

50.000 angebliche Putschisten im Gefängnis

Die Putschisten hatten am Abend des 15. Juli Generalstabschef Hulusi Akar in Akinci festgesetzt, während F-16-Kampfflugzeuge das Parlament und Regierungsgebäude bombardierten. Rund 250 Menschen wurden getötet. Der Putschversuch scheiterte jedoch, als sich zehntausende Menschen auf den Straßen den Putschisten entgegenstellten.

Seitdem geht Erdogan rigide gegen Oppositionelle vor. Türkeiweit sitzen mehr als 50.000 Menschen im Gefängnis, denen Verbindungen zur Gülen-Bewegung vorgeworfen werden. Außerdem wurden mehr als 110.000 Staatsbedienstete entlassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. August 2017 um 15:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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zyklop 01.08.2017 • 21:06 Uhr

@ rainer 4528

"Aber ihn mit Stalin zu vergleichen? Ist doch wohl abwegig." Ich habe ihn nicht mit Stalin verglichen, sondern nur diese Art Schauprozesse. Und warten wir mal ab. Auch Stalin hat klein angefangen und dann über 25 Jahre lang geherrscht. "Todesstrafe! Es soll da ein paar Länder geben die diese haben." Ja, aber Todesstrafe und dann eine Justiz, die der Regierung Untertan ist, das ist gefährlich. Letztlich ist die Zahl der Hinrichtungen eine charakteristische Größe. In Japan kann man nur wegen mindestens 3-fachen Mordes hingerichtet werden. Warten wir mal ab, was dazu in der Türkei genügen wird. Im Iran gehören (nach unserem Gefühl) lächerliche Dinge wie Ehebruch, homosexuelle Handlungen und unkeusches Verhalten von Mädchen. So wie es (angeblich) die Scharia befiehlt, das göttliche Recht.