Französische Stimmen zur Einheit "Berlin strahlt auf Rest-Deutschland aus"

Stand: 02.10.2010 05:06 Uhr

Große Skepsis herrschte 1990 in Frankreich, als Deutschland mit der Wiedervereinigung auf einen Schlag 20 Millionen Einwohner mehr hatte. Doch die Sorge weicht immer mehr einer positiven Haltung, ja sogar Begeisterung für deutsche Musiker, Filme und vor allem Berlin.

Von Christoph Wöß, ARD-Hörfunkstudio Paris

Francois Mauriac
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Der französische Schriftsteller Francois Mauriac (1885 - 1970)

"Ich liebe Deutschland. Ich liebe es so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt", hat François Mauriac 1966 gesagt, fünf Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung haben nur noch die wenigsten Franzosen Angst vor Deutschland, stellt die französische Chefin des deutsch-französischen Jugendwerks, Béatrice Angrand fest. "Ausnahmen", fügt sie mit charmantem Lächeln hinzu, "bestätigen die Regel.

"Vor ein paar Jahren", erklärt Angrand, "hat mir eine gute Freundin aus Deutschland erzählt: Als ihr Sohn zum Schüleraustausch nach Frankreich gefahren ist, wurde er in der französischen Klasse als erstes gefragt: Und, bist Du auch ein Nazi?" Solche Vorurteile gingen oft aufs Elternhaus zurück, meint Angrand. Die weitaus meisten Franzosen, für die sie Deutschlandaufenthalte organisiert, sprechen mit großem Respekt darüber, wie offen und selbstkritisch sich Deutschland mit seiner Geschichte auseinandergesetzt hat.

Verstörend: Auf Schlag 20 Millionen mehr Deutsche

Dass Deutschland durch die Einheit mit einem Schlag 20 Millionen Einwohner mehr hatte als Frankreich, das hat nicht nur François Mitterrand lange verstört. Doch 20 Jahre danach ist die Skepsis verflogen. Vor allem Berlin sehen viele Franzosen als Beispiel dafür, wie modern und weltoffen Deutschland geworden ist, sagt die Co-Chefin des Jugendwerks, Eva Sabine Kuntz. "Es gibt schöne Stellen in Berlin, es gibt hässliche Stellen in Berlin. Aber vor allem hat man das Gefühl: Da tut sich was, da ist etwas in Bewegung. Und das ist das, was die jungen Franzosen an Berlin so begeistert."

Adventsbeleuchtung in Berlin
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Berlin hat Strahlkraft für viele Franzosen, nicht nur wenn im Spätherbst die Straße Unter den Linden festlich erleuchtet wird.

Interessierter Blick auf die deutsche Filme und Musik

Bei den Franzosen, die sie nach Berlin brächten, hätten sie Schwierigkeiten, dass sie danach wieder abreisten. "Die kommen alle irgendwann nach Deutschland zurück. Und dabei strahlt Berlin auf Rest-Deutschland aus," fügt Kuntz hinzu.

Kultur spielt in Frankreich traditionell eine große Rolle im Leben. Dass sich in Deutschland kulturell im Moment besonders viel tut - mehr als in Frankreich, sagen viele - das beeindruckt Franzosen zutiefst. "Wir stellen fest, dass die neue deutsche Musik - ob Lena, Silbermond, 'Wir sind Helden' - und auch das neue deutsche Kino – von 'Goodbye Lenin' bis hin zum 'Leben der Anderen' - viele interessiert, weil diese Filme einen leichteren Zugang zu Deutschland bieten, weil darin Geschichten aus dem alltäglichen Leben erzählt werden, mit denen man sich gut identifizieren kann."

Die Band "Wir sind Helden"
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Deutsche Bands wie "Wir sind Helden" sind auch bei den Franzosen beliebt.

Aggressive Deutsche und elitäre Franzosen?

Nichts auszusetzen also am großen Nachbarn im Osten? "Oh doch", sagt Béatrice Angrand, und setzt wieder ihr charmantes Lächeln auf. "Ihr Deutschen habt etwas an Euch, womit wir Franzosen manchmal nur sehr schwer umgehen können. Die Franzosen sagen: 'Ach, die Deutschen. Die sind immer so direkt. Und wie aggressiv die sind.'" Aber da liege ein Missverständnis vor, meint sie. "Wir Franzosen verstehen die deutsche Direktheit manchmal als Aggressivität. Das hängt mit unserer Mentalität zusammen: In Frankreich hat der Adel jahrhundertelang den Ton angegeben. Da haben wir gelernt, dass man alles nur ganz indirekt ausdrückt. Wenn ein Franzose nur Anspielungen macht, dann deshalb, weil er zur Elite gehören will."

"Für eine Französin", meint Béatrice Angrand und schaut besorgt, "war diese Kritik eigentlich schon viel zu direkt". Es färbt offenbar ab, wenn man sich jahrelang mit Deutschland beschäftigt.

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