Antigentests für die Pilotphase des COVID-19-Massentests sind auf dem Flughafen Bratislava (Slowakei) zu sehen

Corona-Pandemie Slowakei startet mit Massentests

Stand: 23.10.2020 15:21 Uhr

Die slowakische Regierung will den großen Wurf in der Corona-Bekämpfung. Fünf Millionen Bürger sollen getestet werden. Doch es kommen viele Fragen auf.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Es war nicht zu überhören, dass sich Zuzana Caputova, die slowakische Präsidentin, über Ministepräsident Igor Matovic geärgert hatte. "Ich halte das für nicht richtig, das sage ich ganz offen. Auch deswegen, weil vor der eigenen Staatschefin die Premierministerin eines anderen EU-Landes informiert wurde", so Caputova. Womit dem Vernehmen nach Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeint war. Ihr soll Matovic bereits beim EU-Gipfel erzählt haben, was er in Sachen Corona in der Slowakei plante.

Seine Landsleute erfuhren es am vergangenen Samstag. "Die letzten drei Wochen haben wir im Stillen die größte logistische Operation vorbereitet, die je in der Slowakei durchgeführt wurde: ein flächendeckendes Testen aller Einwohner auf Corona an zwei Wochenenden hintereinander", so der Regierungschef.

Fünf Millionen Tests in zwei Wochen

Alle fünf Millionen Menschen über zehn Jahre sollen in den nächsten zwei Wochen mit Antigen-Tests auf eine Corona-Infektion untersucht werden. Die Armee soll dafür landesweit 5000 Testlokale einrichten - wie bei den Wahlen überwiegend in Schulen und Gemeindeämtern. Oberbefehlshaberin ist dabei die nicht informierte Präsidentin, auch daher ihr Ärger.

Das lässt Matovic aber nicht gelten. "Das ist doch eine zeremonielle Funktion. Es stimmt doch nicht, dass die Frau Präsidentin in diesen Zeiten automatisch über alle Schritte der Armee informiert sein muss."

Epidemiologische Gesellschaft sieht Personal-Engpässe

Aber abgesehen von Zweifeln, ob die Armee die Aktion mit so kurzem Vorlauf organisieren kann, stellen sich seit der Ankündigung des Premiers viele andere Fragen. Pavel Jarcuska, Präsident der epidemiologischen Gesellschaft, sieht mehrere Risiken. "Das größte ist wohl das Personal-Risiko, da nur Gesundheitsmitarbeiter testen können. Die aber sind damit beschäftigt, den Kampf um das Leben schwer erkrankter Corona-Infizierter zu meistern."

Gabelstabler in der Slowakei transportieren zahlreiche Pakete mit Corona-Antigen-Tests für die slowakische Bevölkerung | Bildquelle: REUTERS
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Fünf Millionen Tests will die slowakische Regierung durchführen lassen, um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen - ein großer logistischer Aufwand.

Kann man das medizinische Personal aus den Kliniken abziehen, ohne den Betrieb dort zu gefährden? Was ist, wenn sich viele von ihnen anstecken? Und was passiert, wenn viele Tests positiv ausfallen? Und ist es klug, die Testlokale in Schulen einzurichten?

Was, wenn Zehntausende in Quarantäne gehen?

"Wenn wir eine hohe Zahl positiver Patienten feststellen, die in Quarantäne müssen und dann auch ihre Kontaktpersonen - das werden sehr viele Menschen sein. Die werden aber in der Wirtschaft gebraucht", erklärt der Präsident der epidemiologischen Gesellschaft.

Das sieht der Unternehmerverband ganz genauso, zumal nach dem Willen von Matovic diejenigen, die an dem - an sich freiwilligen - Test nicht teilnehmen, auch in Quarantäne gehen sollen. Und wer sich nicht daran hält, muss mit einer saftigen Geldstrafe rechnen.

Einspruch dagegen erhebt Caputova. "Meine Position in dieser Frage ist ganz klar. Ich denke, das Testen sollte freiwillig sein. Und wenn jemand sanktioniert wird, kann von Freiwilligkeit keine Rede sein."

Antigen-Tests laut Experten nur eine Momentaufnahme

Aber Matovic und seine Regierung haben bislang keine Einwände gelten lassen, auch nicht den von Fachleuten, dass die Antigen-Tests nur eine Momentaufnahme bieten. Für den Regierungschef ist nur mit der landesweiten Testaktion zu vermeiden, dass die Slowakei den Weg von Tschechien geht. "Ich sehe das als letzte Möglichkeit. Dies ist der Weg aus der Hölle, in die wir rasen."

Am späten Abend beschloss der Krisenstab der slowakischen Regierung zudem einen Lockdown, der am Samstag in Kraft treten soll. Eine Woche lang dürfen die Menschen ihre Wohnung nur noch verlassen, um sich zur Arbeit zu begeben oder das Nötigste einzukaufen. Die Geschäfte bleiben geöffnet. Die Schulen müssen ab Klasse fünf auf Online-Unterricht umstellen.

In vier Bezirken mit besonders hohen Infektionszahlen dürfen die Bewohner nur zur Arbeit, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen können. In diesen Bezirken beginnt am Wochenende das landesweite Testprojekt, mit dem die ganze Bevölkerung auf das Coronavirus untersucht werden soll. Wer negativ getestet ist, für den sollen die Auflagen des Lockdowns gemildert werden. In der Slowakei kamen auf 100.000 Einwohner zuletzt im Schnitt von 14 Tagen 347 Infektionen, im benachbarten Tschechien waren es 1066.

Baldiger Corona-Lockdown in der Slowakei
Peter Lange, ARD Prag
23.10.2020 10:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Oktober 2020 um 06:42 Uhr.

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