Menschen warten in einer Reihe, um ihre Sauerstoffbehälter wieder aufzufüllen. | Bildquelle: AFP

Peru Sauerstoffmangel im Corona-Brennpunkt

Stand: 15.09.2020 04:18 Uhr

Gemessen an der Bevölkerungszahl hat kein Land so viele Corona-Tote zu beklagen wie Peru. Und es fehlt an Sauerstoff, um die Erkrankten zu behandeln. Die Schwarzmarktpreise sind horrend.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Südamerika

Nur ganz langsam bewegt sich die Schlange weiter. Es ist schwierig, die schweren grünen Stahlzylinder ohne Helfer ein Stück weiter zu rollen. Und manche warten schon zwei Tage hier in der Sauerstoff-Schlange. So wie Claudia. "Zwei Tage und Zwei Nächte warten wir hier, ohne Frühstück, ohne Mahlzeiten. Erst heute füllen sie unsere Flasche. Aber wir wissen ja nicht, wann wir dran kommen."

Sie braucht Sauerstoff für ihren Onkel, der an Covid-19 erkrankt ist. Weil die Krankenhäuser keine Patienten mehr aufnehmen, ist er zu Hause.

Nur wenige Staaten sind stärker betroffen

Peru gehört zu den Ländern, die weltweit am schlimmsten von der Krankheit betroffen sind. Mit mehr als 700.000 bestätigten Fällen steht das Land weltweit auf dem fünften Platz der Corona-Statistik, auf die Bevölkerung heruntergerechnet hat kein Flächenland so viele Corona-Tote zu beklagen.

Und seit Monaten gibt es Engpässe bei der Versorgung mit Sauerstoff. Selbst in den Krankenhäusern fehlt das medizinische Gas, die Kliniken fordern Angehörige auf, Sauerstoffflaschen in die Klinik zu bringen.

Familien werden in den Ruin getrieben

Es hat sich ein regelrechter Schwarzmarkt gebildet. Für das Auffüllen einer Sauerstoffflasche werden völlig absurde Preise verlangt. Hier in San Juan de Lurigancho, einem armen Vorort von Lima, wird jetzt Sauerstoff aus einer mobilen Abfüllanlage kostenlos abgegeben. Die Schwarzmarkt-Preise haben ganze Familien ruiniert. Roxana könnte das gar nicht bezahlen, dabei braucht sie Sauerstoff mit einer hohen Sättigung für ihre Mutter, die an Atemnot leidet. Sie ist dankbar für die Hilfe, seit dem Vortag steht sie dafür an.

Der peruanische Gemeindeverband hat die Initiative ergriffen und eine Luft-Trennanlage, die Sauerstoff produziert, auf einen Lastwagen montiert. Treibende Kraft dahinter war Alvaro Paz de la Barra, der Vorsitzende des Gemeindeverbands. "Wir Bürgermeister mussten einfach etwas machen" sagt er und ergänzt, dass das ja eigentlich Aufgabe der Landesregierung sei. Also hätten die Kommunen ein "nachhaltiges Modell" entwickelt, um medizinischen Sauerstoff kostenlos zu verteilen.

Menschen warten in langen Schlangen auf mehr Sauerstoff. | Bildquelle: REUTERS
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Menschen warten in langen Schlangen auf mehr Sauerstoff.

 Freiwillige helfen bei der Verteilung

Diese Anlage fährt jetzt durch die Vororte von Lima und gibt dort kostenlos das medizinische Gas ab. Zwischen 70 und 80 Flaschen kann sie pro Tag auffüllen, sie läuft 24 Stunden ununterbrochen. Und: "Alle hier arbeiten freiwillig", sagt de la Barra, "weil es ihnen wie mir geht. Mein Vater ist vor gut einem Monat an Covid-19 verstorben. Und jeden Tag schließen sich mehr Freiwillige an, damit wir alle Orte im Raum Lima erreichen."

Und der Politiker hat sogar eine Idee, wie man im ganzen Land genügend Sauerstoff für die Kranken organisieren könnte. In Peru, überlegt er, spiele illegaler Bergbau eine große Rolle - und die haben auch Sauerstoffanlagen. "Ich fordere seit Wochen, dass man den politischen Willen aufbringt, die Anlagen der illegalen Minen zu beschlagnahmen und sie den Menschen zur Verfügung zu stellen.

 Aber bis jetzt hat sich noch niemand getraut, sich mit der mächtigen Bergbau-Mafia anzulegen.

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Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
15.09.2020 10:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 14. September 2020 um 00:16 Uhr.

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