Opiodhaltige Tabletten | Bildquelle: AP

Opioid-Krise in den USA "Die Sucht ist wie ein Vollzeitjob"

Stand: 19.03.2018 09:31 Uhr

Die Opioide haben die USA fest im Griff und sorgen jährlich für Tausende Tote. Viele Süchtige bekamen die Medikamente anfangs sogar vom Arzt verschrieben - mit verheerenden Folgen.

Von Marc Hoffmann, ARD-Studio Washington

Ein Autounfall verändert Donnas Leben: Der Arzt verschreibt ihr ein besonders starkes Schmerzmittel, von dem sie nicht mehr los kommt. Plötzlich dreht sich alles nur noch darum, Nachschub zu bekommen. Das sei wie ein Vollzeitjob, erzählt sie dem US-Fernsehsender PBS. "Ist der Tag überstanden, denkst du bereits darüber nach, wie du morgen die Sucht stillst."

Durch so genannte Opioide auf Rezept sind Millionen Amerikaner in die Abhängigkeit geschlittert. In den 1990er-Jahren drückten Pharmakonzerne neuartige, hochwirksame Schmerzmittel wie Oxycontin auf den Markt. Medikamente, die Ärzte und Apotheken zu leichtfertig herausgegeben haben. Die Risiken einer Sucht wurden heruntergespielt.

Lebenserwartung gesunken

Durch ihre Sucht verlor Donna ihren Job als Kellnerin, erzählt sie. Und sie begann systematisch zu klauen. Da ist sie - wie viele andere auch - längst umgestiegen: Von Schmerzmittel auf Heroin, das leichter zu besorgen ist. Die Rede ist nicht mehr nur von einer Schmerzmittel-Krise, sondern von einer umfassenden Drogenepidemie. Die US-Gesundheitsbehörde CDC zählte im Jahr 2016 über 63.000 Drogentote.

Die Lebenserwartung in den USA sei bereits im zweiten Jahr in Folge gesunken. Sie liegt nun den Angaben nach im Durchschnitt bei 78,6 Jahren. Das habe es seit den 1960er-Jahren nicht gegeben, so CDC-Direktorin Dr. Anne Schuchat. Die USA seien dabei, eine ganze Generation zu verlieren.

Regierung in der Kritik

Betroffen ist vor allem der Nordosten der USA. Notrufe wegen einer Überdosis seien leider normal geworden, klagt Jan Rader, Feuerwehrchefin in Huntington, West Virginia. Es seien bestimmt 50, 60 Tote im Jahr, sehr viele jüngere Opfer, sagt sie. "Familien werden zerrissen, ganze Ortschaften sterben aus."

US-Präsident Donald Trump rief im vergangenen Jahr den nationalen Gesundheitsnotstand aus. Dadurch erhalten die Behörden einen größeren Handlungsspielraum, um unbürokratisch helfen zu können. Doch mehr Geld gibt es dadurch nicht. Die Trump-Regierung steht in der Kritik, Amerikas Suchtproblem nicht richtig anzugehen. Noch immer fehle ein richtiges nationales Konzept, sagen Kritiker. Doch das Weiße Haus geht in die Offensive. Bei einem Besuch im besonders betroffenen Bundesstaat New Hampshire will Trump heute Einzelheiten eines Plans vorstellen, um die Opioid-Epidemie einzudämmen.

Entziehungsprogramme als wichtiger Baustein

Experten sind sich einig, dass vor allem Betreuungs- und Entziehungsprogramme ein wichtiger Baustein seien, um das Ruder überhaupt herumreißen zu können.

Die frühere Kellnerin Donna jedenfalls hatte Glück. Mithilfe eines solchen Angebots schaffte sie den Entzug. Sie hofft nun wieder auf ein geregeltes Leben mit einem neuen Job, ohne Heroin und Schmerzmittel, sagt sie. Aber die Angst eines Rückfalls bleibe: "Jederzeit, innerhalb von zwei Sekunden könnte es im Kopf umschlagen."

Opioid-Krise in den USA - kein Ende in Sicht
Marc Hoffmann, ARD Washington
19.03.2018 08:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. März 2018 um 8:38 Uhr.

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