Hintergrund

Menschen in Schutzanzügen untersuchen einen Tatort in Salisbury | Bildquelle: AFP

Spuren bei Nawalny nachgewiesen Was ist Nowitschok?

Stand: 02.09.2020 18:56 Uhr

Hochgiftig und schwer nachzuweisen: Die in der Sowjetunion entwickelten Nowitschok-Kampfstoffe gelten als besonders gefährliche Chemiewaffe. Auch bei Nawalny wurden entsprechende Spuren gefunden. Was ist über Nowitschok bekannt?

Die Substanz, mit der der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny nach Angaben der Bundesregierung vergiftet wurde, stammt aus der sogenannten Nowitschok-Gruppe. Der Name der chemischen Waffe bedeutet auf Russisch "Neuankömmling". Die rund 100 Varianten gehören zu den berüchtigsten Nervenkampfstoffen, die jemals hergestellt wurden.

Tod durch Ersticken oder Herzversagen

Der Kampfstoff, meist in Pulverform verwendet, wird über die Haut oder die Atemwege aufgenommen. Ralf Trapp, Toxikologe und Chemiewaffenexperte, beschrieb bereits 2018, wie das Gift wirkt: Erst würden Krampfzustände ausgelöst, dann funktionierten die Muskeln nicht mehr richtig, der Herzschlag werde verlangsamt, die Augen schmerzten, auch das Gehirn sei angegriffen. Ohne Gegenmaßnahmen drohe der Tod durch Ersticken oder Herzversagen.

Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen sind gering. Selbst bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel wie Atropin können meist nur wenig ausrichten. Nowitschok-Gifte sollen fünf bis zehn Mal stärker wirken als der chemische Kampfstoff VX. Mit diesem war im Februar 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden.

Entwickelt von sowjetischen Wissenschaftlern

Sowjetische Wissenschaftler entwickelten das Nervengift zwischen 1970 und 1980 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in einem geheimen staatlichen Forschungsinstitut.

Anfang der 1990er-Jahre veröffentlichte der russische Chemiker Wil Mirsajanow einen Artikel mit Informationen über die Existenz von Nowitschok. Mirsajanow hatte für das Nervenkampfstoffprogramm der Sowjetunion gearbeitet, wurde kurz nach der Veröffentlichung im Januar 1992 entlassen. Nowitschok sei in der Sowjetunion als Reaktion auf das Chemiewaffenprogramm der USA entwickelt worden, erklärte der Chemiker, der 1995 in die USA auswanderte. Später veröffentlichte er ein Buch, das technische Einzelheiten des Nowitschok-Programms enthält.

Mirsajanow zufolge wurde Nowitschok nicht offiziell als chemischer Kampfstoff geführt. Deshalb wurden mögliche Bestände in Russland nicht von der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) erfasst. Diese hatte im September 2017 mitgeteilt, dass das Land alle Chemiewaffen vernichtet habe.

Nowitschok und der Fall Skripal

Neben Mirsajanow berichteten auch andere Chemiker über das Nowitschok-Programm. Sie widersprachen damit der Behauptung der russischen Regierung, Nowitschok sei nie entwickelt worden. Zu dem Nervengift sind nur wenige Details bekannt. Vermutlich besteht es aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die ihre tödliche Gefahr erst beim Mischen entfalten. Hergestellt werden kann es nicht nur in Russland. Auch andere Labors sind laut Toxikologe Trapp in der Lage, den Kampfstoff herzustellen.

Nowitschok kam auch bei dem Anschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal im März 2018 im englischen Salisbury zum Einsatz. Skripal und seine Tochter wurden dem Nervengift ausgesetzt und entgingen nur knapp dem Tod.

Über dieses Thema berichtete am 02. September 2020 Deutschlandfunk Nova um 18:31 Uhr und die tagesschau um 20:00 Uhr.

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