Hintergrund

NASA-Strategie in der Kritik Outsourcing im All

Stand: 29.10.2014 14:38 Uhr

Die Explosion beim Start des Frachters "Cygnus" ist ein schwerer Schlag für die US-Raumfahrt. Rächt sich jetzt die Entscheidung, das Shuttle-Programm einzustellen und auf unbemannte Raumfrachter von privaten Firmen sowie auf Russland zu setzen?

Von Oliver Rabieh, tagesschau.de

Im Sommer 2011 ist die Ära der Space Shuttles zu Ende gegangen. Die NASA hatte sich auf Druck der Regierung in Washington entschieden, das Programm wegen der hohen Kosten einzustellen. Seitdem übernehmen unbemannte Frachter von privaten Firmen die Versorgung der Crew auf der Raumstation ISS. Eigene Astronauten lassen die Amerikaner mit den russischen Sojus-Kapseln ins All befördern. Rund viermal im Jahr fliegt das "Weltraum-Taxi" - für umgerechnet 50 Millionen Euro pro Flug.

Private Anbieter ersetzen die Space Shuttles

Im Auftrag der NASA führt die Firma SpaceX seit 2012 Versorgungsflüge zur Internationalen Raumstation aus. Zuletzt brachte ihr Transporter "Dragon" Ende September etwa 2300 Kilogramm Lebensmittel und Ausrüstungsgegenstände ins All. Viermal gelang bisher der Flug des "Drachen."

Dragon
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Der Raumfrachter Dragon nähert sich der Internationalen Raumstation ISS.

Den jetzt verunglückten Frachter "Cygnus" entwickelt die Firma Orbital Sciences für die NASA. Umgerechnet knapp 1,6 Milliarden Euro ist der Vertrag mit der Firma aus Dulles im US-Bundesstaat Virginia schwer. Den ersten erfolgreichen Flug absolvierte "Cygnus" im September 2013, zwei weitere folgten. Bei einem letzten Flug im September wurden 1500 Kilogramm zur ISS gebracht. Doch dieses Mal endete der Flug in einer Katastrophe. Noch ist die Unglücksursache unklar. Was der Unfall für die bisher relativ reibungslose Zusammenarbeit der NASA mit den Privatfirmen bedeutet, lässt sich bisher nicht abschätzen. Der Sinn der Kooperation könnte aber schnell in Frage gestellt werden, sollten sich Fehlschläge häufen.

Cygnus-Transport-Kapsel
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Der Raumtransporter "Cygnus" der Firma Orbital Sciences in einem Labor der NASA.

Kritik am "Outsourcing" der Weltraumflüge

Die Explosion der "Cygnus" ist Wasser auf den Mühlen der Kritiker von US-Präsident Barack Obama. Viele Republikaner und Raumfahrt-Enthusiasten hielten die Entscheidung seiner Regierung für falsch, das Shuttle-Programm einzustellen und den Bau von Transportern vollständig an private Anbieter outzusourcen. Und auf die Russen angewiesen zu sein, um Menschen ins All zu transportieren, verletzte den Stolz vieler Amerikaner. Ein weiteres Problem: Das russische Raumfahrtprogramm hatte in den vergangenen vier Jahren mit Rückschlägen zu kämpfen. Satelliten wiesen Fehlfunktionen auf oder erreichten die vorgesehene Umlaufbahn nicht, mehrere Male verunglückten Trägerraketen vom Typ Sojus und Proton-M. Alles Fälle, die Zweifel an der Zuverlässigkeit der russischen Raumfahrttechnik nährten.

Amerikaner wollen wieder ohne russische Hilfe ins All

Charles Bolden
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Die NASA und ihr Chef Charles Bolden wollen ab 2017 wieder selbst Astronauten ins All schießen - ohne russische Hilfe

In den USA verstummte die Kritik an der Einstellung des Shuttle-Programms nicht und zeigte offenbar Wirkung. Die NASA kündigte vor wenigen Wochen an, ab 2017 wieder selbst Astronauten zur Internationalen Raumstation zu fliegen - allerdings nicht mit eigenentwickelten Shuttles. Die US-Firmen Boeing und SpaceX seien mit der Entwicklung von Transportern beauftragt worden, teilte die NASA mit.

NASA-Chef Charles Bolden erklärte damals, die bedeutendste Nation der Welt sollte bei Raumfahrt nicht auf andere Nationen angewiesen. Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, dass sich die Beziehungen zwischen Amerikanern und Russen im Zuge der Ukraine-Krise verschlechtert hatten.

Neue Transporter für bemannte Weltraumflüge

Für umgerechnet 5,2 Milliarden Euro arbeiten Boeing und SpaceX bereits an den neuen Raumfahrzeugen. Das von Boeing heißt "CST-100" und startet mit einer Atlas 5-Rakete, die Variante von SpaceX ist eine Weiterentwicklung des bereits jetzt genutzten Dragon-Frachters namens "Dragon V2". Langfristig will die NASA aber die Entwicklung von eigenen Raumfahrzeugen nicht völlig aufgeben. Das neue Prestigeobjekt der US-Weltraumbehörde namens "Orion" befindet sich bereits in der Entwicklung. Damit sollen eines Tages sogar Menschen zum Mars gebracht werden. Bis dahin setzt die NASA trotz aller Kritik auf die Zusammenarbeit mit den privaten Firmen. Denn, so NASA-Chef, Bolden: "Die Vergabe dieser Transporte an private Firmen erlaubt der NASA, sich auf eine noch ehrgeizigere Mission zu konzentrieren - Menschen zum Mars zu schießen."

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