Ölförderung in Nigeria
Hintergrund

Nigeria Der Fluch des Öls

Stand: 16.11.2012 11:21 Uhr

Nigeria ist der sechstgrößte Ölproduzent weltweit. Seit Mitte der 1960er Jahre wird dort Öl gefördert, die Tagesproduktion liegt bei 2,2 Millionen Barrel Rohöl täglich. 97 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes stammen aus der Ölproduktion. Doch von dem Geld profitiert nur eine kleine nigerianische Minderheit. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung lebt trotz immenser Bodenschätze und großem Reichtum des Landes in absoluter Armut. Viele können nicht einmal ihre Grundbedürfnisse abdecken. Gewinner im Ölgeschäft sind die internationalen Ölkonzerne Shell, Chevron Texaco und TotalFinalElf.

Die Ölfelder Nigerias liegen im Süden des Landes, im bevölkerungsreichen Nigerdelta. Unter den vielen dort ansässigen Volksgruppen sind die Ijaw und Itsekiri die größten. Sie fordern seit langem eine gerechte Verteilung des Geldes aus dem Ölgeschäft.

Immense Umweltschäden im Nigerdelta

Die Bevölkerung ist der doppelte Verlierer im nigerianischen Ölgeschäft, denn sie muss auch mit den Folgen der Umweltverschmutzung leben, die durch die Ölförderung entsteht. Einstmals fischreiche Gewässer im Nigerdelta sind mit Öl verseucht, fruchtbares Ackerland ist zerstört, ebenso viele Mangrovenwälder. Oberirdisch verlegte Ölpipelines ziehen sich durch die Landschaft, die oft leck sind und so die Natur schwer schädigen.

Hinrichtung von Ken Saro-Wiwa schreckte Welt auf

Protest gegen diesen Raubbau der Natur gab es immer wieder.  Zu internationaler Aufmerksamkeit gelangten die Proteste im Jahr 1995. Einer der Umweltaktivisten war der nigerianische Schriftsteller Ken Saro-Wiwa. Auf Grund der Proteste und Unruhen im Nigerdelta ließ die Militärregierung unter General Sabi Abacha ihn und acht weitere Mitstreiter verhaften und nach einem mehrmonatigen Schauprozess hinrichten.

Nach dem Übergang zur Zivilregierung 1999 kamen die unter der Militärregierung gewaltsam unterdrückten Proteste schließlich offen zum Ausbruch. Der seit 1999 amtierende Präsident Olusegun Obasanjo hat mehrmals bekräftigt, sich für den Frieden im Nigerdelta einzusetzen. Eine kaum lösbare Aufgabe, denn seit Ende der 90er Jahre kommt es immer wieder zu blutigen Kämpfen verschiedener Volksgruppen um Macht und Einfluss auf die Regierung in der Hauptstadt Abuja und damit um mögliche zukünftige Einnahmen aus dem Erdölgeschäft. Einen Höhepunkt der Gewalt erlebte das Nigerdelta 1999. Bei Kämpfen in Warri wurden 300 Menschen getötet und 300.000 Nigerianer in die Flucht getrieben.

Vor den Wahlen kommt das Nigerdelta nicht zur Ruhe

Jüngste Auseinandersetzungen ließen die Region auch vor der Wahl nicht zur Ruhe kommen. Die Ijaw riefen Ende März 2003 zum "Krieg gegen Regierung und Ölkonzerne" auf. Einige Aktivisten drohten, auch Ölförderstationen in die Luft zu jagen. Daraufhin zogen die Konzerne Shell, Chevron Texaco und TotalFinalElf ihre Mitarbeiter aus dem Nigerdelta ab. Seither verliert allein Chevron Texaco täglich 440.000 Barrel Rohöl. Verluste, unter denen in letzter Konsequenz auch die Bevölkerung leidet. Nirgendwo sonst ist die Armut in Nigeria so groß wie im bevölkerungsreichen Nigerdelta.

Matthias Stelte, tagesschau.de