Interview

Interview mit Ulrich Wickert "Sarkozy ist ist ein schwieriger Partner"

Stand: 22.10.2015 16:09 Uhr

Letztendlich haben sich die Umfragen bestätigt: Frankreichs neuer Präsident heißt Nicolas Sarkozy. Doch was ist von dem neuen Mann im Elysee-Palast zu erwarten und wie unterschied sich der Wahlkampf der beiden Stichwahl-Kandidaten? Darüber sprach tagesschau.de vor dem Wahltag mit dem früheren Frankreich-Korrespondenten Ulrich Wickert.

Letztendlich haben sich die Umfragen bestätigt: Frankreichs neuer Präsident heißt Nicolas Sarkozy. Doch was ist von dem neuen Mann im Elysee-Palast zu erwarten und wie unterschied sich der Wahlkampf der beiden Stichwahl-Kandidaten? Darüber sprach tagesschau.de vor dem Wahltag mit dem früheren Frankreich-Korrespondenten und langjährigem Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert.

tagesschau.de: Sarkozy oder Royal – was ist der entscheidende politische Unterschied zwischen den beiden Kandidaten?

Ulrich Wickert: Hier kommt wieder das alte Rechts-Links-Muster zum Tragen. Sarkozy ist ein Mann mit einem unglaublichen Machtbewusstsein, aber auch mit einem deutlichen Bewusstsein für eine klare Positionierung. Man kann ihn als einen Rechts-Konservativen bezeichnen. Royal ist zunächst angetreten als eine Politikerin mit einem neuen Zugang zum Wähler. Sie hat stark auf das Internet gesetzt, um ihr Wahlprogramm auszuarbeiten. Dann kam sie aber unter den Druck der alten Parteielefanten, die sie und ihr Programm stärker nach links gezogen haben.

tagesschau.de: Sarkozy hat anfangs einen Mentalitätswechsel im Land propagiert. Was hat er damit gemeint?

Wickert: In Frankreich sind die Wähler der Politiker überdrüssig, die das Land in den letzten 50 Jahren regiert haben. Sie wollen eine neue Politik, und in Frankreich spricht man dann immer gleich von einer neuen Republik. Das hat Sarkozy gemeint, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Er war seit Beginn seines Berufslebens Politiker, war mehrmals Minister unter Präsident Chirac und behauptet nun, er werde eine neue Politik machen. Er hat es aber geschafft, den Eindruck zu vermitteln, er sei ein Politiker neuer Art. Er hat sich rechtzeitig von Chirac abgesetzt und immer wieder laute Sprüche gemacht, die vermuten ließen, er wolle eine andere Politik machen.

"Royal hat kein wirkliches politisches Profil"

tagesschau.de: Royal hat am Anfang viel Aufmerksamkeit gewonnen, weil hier eine Frau Anspruch auf das höchste Staatsamt anmeldete. Wofür steht sie politisch?

Wickert: Sie hat kein wirklich politisches Profil, und das ist ihr Problem. Sie war auch unter Präsident Mitterand schon Ministerin, ist also auch keine wirklich neue Politikerin. Sie hat es aber vermocht, sich in Poitou in Westfrankreich eine Wahlbastion zu schaffen. Sie wirkt deshalb wie eine Politikerin, die nicht aus Paris, sondern vom Land kommt. Damit hat sie versucht, den Wähler anzusprechen. Man konnte sie aber nicht mit einem Inhalt identifizieren. Präsidentschaftskandidaten müssen in Frankreich ein gewisses Gewicht haben. Das haben viele Menschen bei ihr vermisst. Möglicherweise haben sich deshalb auch einige potentielle Royal-Wähler am Ende für den liberalen Kandidaten Bayrou entschieden.

tagesschau.de: Um dessen Wähler buhlen nun beide Kandidaten. Sarkozy hatte in der erster Runde gut fünf Prozent Vorsprung vor Royal. Macht ihn das zum Favoriten?

Wickert: Für mich ist er eindeutig der Favorit und es würde mich wundern, wenn er die Stichwahl nicht gewinnen würde. Er muss den Großteil der Bayrou-Wähler auf seine Seite ziehen. Das könnte ihm gelingen. Erste Umfragen deuten darauf hin. Wahlkreisanalysen zeigen an, dass es Sarkozy gelungen ist, die Macht des rechtsextremen Front National und dessen Kandidaten Le Pen zu brechen. Die Partei hat über eine Million Stimmen an Sarkozy verloren. Selbst im Elsass, wo der FN häufig gute Ergebnisse erzielt hat, steht Sarkozy vorne. Es ist zu vermuten, dass die Mehrheit der rechtsradikalen FN-Wähler im zweiten Wahlgang zu Sarkozy überschwenkt. Es gibt aber eine Gefahr für ihn. Es hat sich eine Bewegung gebildet, die „Alles außer Sarkozy“ fordert, und diese Bewegung hat zuletzt deutlich an Zulauf gewonnen. Wenn diese Gruppe weiter wächst, dann könnte es gefährlich für ihn werden. Aber ich nehme an, dass sein Vorsprung zu groß ist, um noch von Royal eingeholt zu werden.

"Sarkozy ist ein schwieriger Partner"

tagesschau.de: Was hätte Deutschland von einem Präsidenten Sarkozy zu erwarten?

Wickert: Ich glaube, dass er ein schwieriger Partner wäre. Er hat sich im Wahlkampf in einer Art und Weise über Deutschland geäußert, die inakzeptabel ist. Er hat mehrmals den Deutschen die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges vorgehalten und gesagt, dass Frankreich sich nicht vorwerfen müsse, eine „Endlösung“ durchgeführt zu haben. Das war ein bewusster Angriff auf Deutschland. Als Wirtschaftsminister hat er einige Fusionen zwischen deutschen und französischen Unternehmen verhindert – wie etwa zwischen Siemens und Alstom. Das wird kein angenehmer Kandidat für uns. Zwar steht er Angela Merkel in der Europapolitik näher. Aber er bleibt dennoch ein autoritärer und beratungsresistenter Mensch. Ich fürchte deshalb, dass es gerade am Anfang zu Auseinandersetzungen kommen kann.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de