Interview

Franz Ansprenger im Interview "Der ethnische Konflikt ist ein Klischee"

Stand: 29.08.2007 05:38 Uhr

Prof. Dr. Franz Ansprenger gilt als der bekannteste deutsche Forscher zur Politik Afrikas. Mit mehreren Werken über die Geschichte des afrikanischen Kontinents im 20. Jahrhundert brachte er die Politik Afrikas an deutsche Universitäten. Ansprenger sagt, die "Rekolonisierung" des Kongo sei notwendig, um wieder einen Staat aufbauen zu können.

tagesschau.de: Herr Ansprenger, hat Sie die gewaltsame Entwicklung in der Demokratischen Republik Kongo überrascht?

Ansprenger: Nein, natürlich nicht. In diesem Land ist Gewalt an der Tagesordnung. Mindestens seit der belgischen Kolonialherrschaft und nach der Unabhängigkeit ging es weiter bis heute.

tagesschau.de: Was sind Charakteristika des Kongo-Konflikts?

Ansprenger: Der Kongo-Konflikt wird bei uns immer als ein ethnischer Konflikt dargestellt. Es tauchen neue Volksgruppen auf, von denen Nicht-Spezialisten bis dato überhaupt nichts gehört hatten. Jetzt sind es die Hema und die Lendu in der Nordost-Region. Das halte ich alles für vorgeschobene Berichtsklischees. In Wirklichkeit sind viele Leute einfach begierig auf die reichen mineralischen Bodenschätze in Kongo. Das war schon so als das Gebiet von den Südeuropäern Ende des 19. Jahrhunderts erobert worden ist. Heute ist es immer noch so. Zum ersten Mal in der Geschichte des nachkolonialen Afrikas haben sich vor fünf Jahren die benachbarten Staaten und ihre Regierungen eingemischt. Sie versuchen auf diesem darniederliegenden, verfallenen – Staat kann man gar nicht mehr sagen – Gebiet der so genannten Demokratischen Republik Kongo, früher belgisch Kongo, die Bodenschätze in eigener Regie auszurauben. Das sind unter anderem Ruanda, Uganda und indirekt - über Vermittlung der offiziellen kongolesischen Regierung - auch Simbabwe.

tagesschau.de: Wo sehen Sie Parallelen zu anderen Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent?

Ansprenger: Gott sei Dank gibt es noch keine anderen, ähnliche Konflikte in anderen afrikanischen Ländern. Auch in vom Bürgerkrieg heimgesuchten Staaten wie Sierra Leone, Liberia oder Sudan sind entweder die Regierungen noch im Stande, die Begehrlichkeit von Nachbarregierungen abzuwehren. In Liberia beispielsweise sind auch gar keine derart leicht abbaubaren Bodenschätze wie in Kongo vorhanden. In Liberia müsste man mehr investieren, um an irgendwelche Güter aus dem Land heranzukommen.

tagesschau.de: Warum sind gerade afrikanische Staaten so anfällig für Putsche, Kriege und Bürgerkriege?

Ansprenger: Ich würde nicht einmal sagen, dass sie anfälliger sind als andere Regionen der Welt, wie beispielsweise Lateinamerika. In Afrika liegt es daran, dass der Staatsapparat der Kolonialherren vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren übernommen wurde. Und diese Apparate dienten ganz bestimmten Interessen - unter anderem auch dem Interesse, gerade so viel Frieden, Ordnung und Sicherheit herzustellen, wie für die Ausbeutung interessanter Bodenschätze erforderlich war. In der Kolonialzeit diente er nie einer wirklichen sozialen Entwicklung der gesamten Bevölkerung, sondern nur ganz enggefasster Sektoren der Bevölkerung, die für die Kolonialmacht von Interesse waren. Nach der Kolonialherrschaft hat sich das in Gestalt von diktatorischen oder populistischen Regimen leider weitgehend fortgesetzt. Ab 1985 gab es eine Welle von Demokratiebewegungen in ganz Afrika. Sie haben versucht, von den kleinen und schwachen städtischen Mittelschichten aus eine Demokratiebewegung in Gang zu bringen. Das ist nicht völlig gescheitert, aber es war eine sehr schwache Basis.

tagesschau.de: Wo liegen die Ursachen für dieses hohe Potenzial an Gewalt?

Ansprenger: Die liegen zum Teil in der Tradition. Aber das hohe Gewaltpotenzial hat Afrika gemeinsam mit anderen Regionen der Erde – bloß ein bißchen zeitversetzt. Denken Sie an unsere Weltkriege, denken Sie an den dreißigjährigen Krieg. Es liegt daran, dass die Menschen generell dazu neigen, Gewalt anzuwenden um Konflikte zu lösen. In Afrika kommen gegenwärtig einige Sonderdinge hinzu. Zum Beispiel der Zerfall der traditionellen Familien. Die haben eigentlich immer ihre vor allem jüngeren Mitglieder unter Kontrolle gehalten. Durch die grassierende AIDS-Epidemie fallen ganze Elterngenerationen weg. Damit bleiben die so genannten Kindersoldaten übrig – gerade im Kongo. Der Ursprung der AIDS-Epidemie ist gar nicht weit entfernt: In Uganda, Ruanda, und auch in der nordöstlichen Region Kongos. In Südafrika ist sie besonders ins Blickfeld gerückt, weil es dort einigermaßen verlässliche Statistiken gibt. Aber ich bin sicher, dass auch in der Region zwischen den großen ostafrikanischen Seen AIDS die Generationen auslichtet. AIDS rottet sie nicht aus, bringt aber viele Waisenkinder hervor, die kein traditionelles Netz mehr haben. Ein staatliches, soziales Netz, wie bei uns in Europa, gibt es dort nicht. Dann kommen irgendwelche Kriegsherren und versprechen Rauschgift und Kalaschnikows. Das erzeugt diese Gewaltsituation in besonderem Maße.

tagesschau.de:Glauben Sie an den Erfolg einer Friedensmission im Kongo, wie sie derzeit von den Vereinten Nationen und der EU geführt wird?

Ansprenger: Man darf das eigentlich nicht Friedensmission nennen. Es bedarf einer massiven militärischen Intervention. Ein großer Teil dieses Landes, das ungefähr sieben Mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland ist, und in dem 50 Millionen Menschen leben, muss unter eine längerfristige Verwaltung. Militärische Oberkontrolle reicht nicht. Das kann man, wenn man so will, Rekolonisierung nennen. Ich zögere nicht, das Wort zu benutzen. Es ist notwendig, dass von außen her wieder Herrschaft, Landfrieden und Ordnung im Kongo errichtet wird. Wenn sich die Großmächte in den Vereinten Nationen einigen können, diese Investitionen zu leisten, dann könnte man auf längere Sicht, das heißt über einen Zeitraum von etwa zehn bis fünfzehn Jahren, ein bißchen optimistisch sein.

Die Fragen stellte Hanno Christ, 13. Juni 2003