Afghanische Sicherheitskräfte umrunden auf den Weg nach Kundus ein ausgebranntes Fahrzeug. Für Hilfsorganisationen war es immer schwieriger geworden, Hilfsgüter in die Stadt zu bringen.

Afghanistan Hilfsorganisationen verlassen Kundus

Stand: 06.10.2015 14:48 Uhr

Seit Tagen toben neue Kämpfe in Kundus. Am Wochenende kam der Angriff auf eine Klinik von Ärzte ohne Grenzen hinzu. Hilfsorganisationen haben nun endgültig ihre Konsequenzen gezogen und die afghanische Provinzhauptstadt verlassen.

Seit etwa einer Woche liefern sich die Taliban und die Truppen der afghanischen Armee wieder Gefechte in der Stadt Kundus. Zunächst hatten Hilfsorganisationen vor Ort noch versucht, trotz der Kämpfe ihre Arbeit fortzusetzen. Doch spätestens der Angriff auf ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MSF) in der Nacht zu Samstag gab den entscheidenden Ausschlag - wie die Vereinten Nationen mitteilten, haben inzwischen sämtliche humanitären Organisationen Kundus verlassen.

Durch den Luftangriff, der von US-Kampfjets geflogen worden war, kamen 22 Menschen ums Leben, darunter zahlreiche MSF-Mitarbeiter. International brandete heftige Kritik auf. Ärzte ohne Grenzen selbst sprach sogar von einem Kriegsverbrechen und verlangte eine unabhängige Untersuchung. Kliniken sind nach der Genfer Konvention vor Angriffen geschützt.

Kämpfe erschwerten zunehmend Arbeit der Organisationen

Doch es ist nicht nur das Bombardement der Klinik, das die Organisationen veranlasst hat, sich aus Kundus zurückzuziehen. Nachdem die Stadt von den Taliban erobert worden war, startete die afghanische Armee eine Gegenoffensive. Seit Tagen toben wieder heftige Kämpfe in der Stadt. Dutzende Menschen sollen bisher getötet und Hunderte weitere verletzt worden sein.

Obwohl humanitäre Hilfe vor diesem Hintergrund umso wichtiger erscheint, fiel die Versorgung von Verletzten, Flüchtlingen und den Einwohnern zunehmend schwerer. In großen Teilen der 300.000-Einwohner-Stadt ist nach Angaben des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) die Wasser- und Stromversorgung zusammengebrochen. Und durch die anhaltenden Gefechte gelang es den Organisationen kaum noch, den benötigten Nachschub an Hilfsgütern in die Stadt zu bringen.

Die afghanische Regierung behauptet zwar seit Tagen, sie hätte die Taliban bereits wieder aus Kundus vertrieben. Doch Augenzeugen berichteten auch am Dienstag von erneuten Kämpfen in der Stadt. Zudem kontrollieren die Taliban wichtige Zufahrtsstraßen in die Provinzhauptstadt.

USA: Afghanische Regierung forderte Jets an

Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus
galerie

Nach dem Luftangriff stand die Klinik in Flammen.

Unterdessen gingen die Schuldzuweisungen um den Angriff auf die MSF-Klinik weiter. Am Montag hieß es von einem US-Kommandeur, die Kampfjets seien von den afghanischen Militärs angefordert worden. Die afghanischen Sicherheitskräfte hätten gemeldet, sie würden beschossen und die Amerikaner um Hilfe gebeten.

Ärzte ohne Grenzen kritisierte, die USA wollten Afghanistan die Schuld für den Angriff mit 22 Tote geben. "Die Beschreibung der Attacke verändert sich immer wieder - von Kollateralschaden, zu einem tragischen Zwischenfall oder jetzt mit dem Versuch, die Verantwortung auf die afghanische Regierung abzuschieben", erklärte MSF-Generaldirektor Christopher Stokes

Darstellung: