Ein Flüchtling schaut auf den Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn. Die ungarische Regierung lässt seit Dienstag alle Landesgrenzen durch Zäune abriegeln. | null

Flucht über den Balkan Abschottung an allen Grenzen

Stand: 19.09.2015 15:31 Uhr

Immer mehr setzen Kroatien, Ungarn und Slowenien angesichts des Flüchtlingsandrangs auf Abschottung - notfalls auch mit verstärktem Militäreinsatz. An den deutschen Grenzen hat sich die Lage hingegen zunächst etwas beruhigt.

Ungarn, Kroatien und Slowenien - sie alle fühlen sich von den Tausenden Flüchtlingen, die auf ihrem Weg Richtung Westen über die Grenzen strömen, überfordert. Sie versuchen daher, die Schutzsuchenden schnellstmöglich wieder aus dem eigenen Land herauszubringen.

In Ungarn wurden am Samstagmorgen Hunderte aus Kroatien ankommende Flüchtlinge weiter in Richtung Österreich gebracht. Bereits am Freitag hatten 8000 Flüchtlinge die Grenze von Kroatien aus überquert. Die ungarische Regierung kritisierte die Entscheidung des Nachbarlandes Kroatien scharf, die Migranten ohne Registrierung weiter nach Ungarn zu schicken. Von Regierungssprecher Zoltan Kovacs hieß es, sein Land werde vor vollendete Tatsachen gestellt. Zwar ließ Ungarn nach anfänglichem Zögern mehrere Busse mit Flüchtlingen einreisen, reagierte an anderer Stelle nach eigenen Angaben jedoch wesentlich heftiger: Wie die Regierung in Budapest angab, wurden am Freitag 40 kroatische Polizisten, die einen Flüchtlingszug ins ungarische Magyarboly eskortierten, entwaffnet. Der Zugführer sei sogar festgenommen worden. Kroatien dementierte diese Aussagen.

Angekommener Zug mit Flüchtlingen im ungarischen Bahnhof Magyarboly | null

Die Fahrt eines Zuges aus Kroatien mit 1000 Flüchtlingen zum ungarischen Bahnhof Magyarboly war nach Angaben der ungarischen Regierung nicht abgesprochen.

Ungarn mobilisiert Reservisten für Armee

Ungarn kündigte an, noch mehr auf die Unterstützung der Armee setzen zu wollen, um der Flüchtlingskrise Herr zu werden. Darum werden laut Verteidigungsminister Istvan Simicsko mittlerweile 500 freiwillige Reservisten mobilisiert. Sie sollen die Lücken in den Kasernen füllen und dort Soldaten ersetzen, die zum Einsatz an die Grenzen geschickt wurden.

Aber auch den direkten Einsatz der Reservisten an den Landesgrenzen schloss Simicsko nicht aus. Seit Dienstag hatte Ungarn seine Grenzen zu Serbien dicht gemacht, in der Nacht wurde nun auch der Zaun an der Grenze zu Kroatien fertiggestellt.

Neben Ungarn setzt auch Slowenien als Transitland auf Blockade. Der Zugverkehr mit Kroatien wurde am Freitag gestoppt, Hunderte Flüchtlinge wurden wieder in das Nachbarland zurückgeschickt. Am Abend eskalierte die Lage am slowenisch-kroatischen Grenzübergang Harmica. Dort setzten slowenische Polizisten Pfefferspray ein, um vordrängende und heftig protestierende Schutzsuchende zurückzuweisen.

Für den Fall, dass die Blockademaßnahmen den Flüchtlingsandrang nicht stoppen können, erwägt Sloweniens Ministerpräsident Miro Cerar, doch noch einmal mit den Nachbarstaaten über den Vorschlag eines Transitkorridors zu beraten. Das würde bedeuten, dass Flüchtlinge die Länder passieren dürfen, statt an den Grenzen aufgehalten und zurückgedrängt zu werden.

Fluchtwege nach Europa | null

Die Karte zeigt die alternative Route durch Kroatien und Slowenien nach Österreich nach der Schließung der ungarischen Grenze.

Durch die Abschottung der Grenzen von Ungarn und Slowenien sieht Kroatien die eigenen Aufnahmekapazitäten als erschöpft an. Binnen drei Tagen seien mehr als 17.000 Menschen über die Balkanroute in das Land gekommen, hieß es von der Landesregierung. Tausende sitzen nun fest und der Andrang lässt nicht nach. Kroatiens Ministerpräsident Zoran Milanovic betonte: "Kroatien wird nicht zum Zentrum der Flüchtlinge in Europa werden." Dem aus eigenen Regierungskreisen geforderten Einsatz des Militärs an den Grenzen Kroatiens erteilte Milanovic allerdings eine Absage: "Die Grenze kann man nur mit brutaler Gewalt schließen, beziehungsweise nur mit der Armee und indem man auf diese Leute schießt, und das hieße morden."

Tausende erreichen Österreich

Österreich bekommt die Bemühungen der südosteuropäischen Staaten, die Flüchtlinge schnellstmöglich Richtung Westen abzuschieben, zu spüren. Bis zum Morgen kamen an den zwei wichtigsten Grenzorten im Burgenland 6700 neue Flüchtlinge an, wie der Österreichische Rundfunk ORF berichtete. Die Behörden rechneten im Laufe des Tages mit der Ankunft Tausender weiterer Schutzsuchender.

In Bayern dagegen ließ der Flüchtlingsandrang deutlich nach. Rund 2000 Flüchtlinge überquerten die deutsch-österreichische Grenze - rund 1700 weniger als noch am Donnerstag. Auch für den Vormittag rechnete die Bundespolizei mit nur 150 weiteren Migranten. Flüchtlingszüge in Richtung München sollen durch den Auftakt des Oktoberfestes um die bayerische Hauptstadt herumgeleitet werden.

Etwa 800 Flüchtlinge erreichten in der Nacht in zwei Sonderzügen den Düsseldorfer Bahnhof. Etwa 100 von ihnen wurden in einer Messehalle einquartiert, weitere Flüchtlinge kamen in Unterkünften in Ennepetal, Monschau, Halva und Nordkirchen unter.

Weiteres Flüchtlingsboot auf Mittelmeer gekentert

Neben der Route über den Balkan versuchen Flüchtlinge auch nach wie vor über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. In der Ägäis kenterte vor der Insel Lesbos erneut ein Flüchtlingsboot, ein fünfjähriges Kind ertrank. Zwölf der insgesamt 26 Insassen konnten aus dem Meer gerettet werden, die restlichen Migranten werden nach Angaben der Küstenwache noch vermisst.

Südwestlich der griechische Halbinsel konnten Rettungskräfte unterdessen eine weitere Katastrophe verhindern. Sie entdeckten ein manövrierunfähiges Boot mit rund 200 Flüchtlingen an Bord. Einer der Migranten war schwer erkrankt und wurde per Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht. Das Boot war auf dem Weg nach Italien gewesen.

Auch die Besetzung der Fregatte "Schleswig-Holstein" konnte laut deren Sprecher Alexander Gottschalk 400 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten. Die Flüchtlinge trieben auf einem Boot etwa 35 Kilometer vor der libyschen Küste. Anschließend seien weitere Menschen von einem Schlauchboot gerettet worden. Die meisten der Geretteten stammen aus dem Sudan und aus Eritrea.

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Flüchtlingskrise in Europa