Interview

Interview mit ukrainischer Journalistin "Die Krise lässt Familien zerbrechen"

Stand: 17.03.2014 16:21 Uhr

Der Konflikt auf der Krim hat nicht nur politische Konsequenzen, berichtet die ukrainische Journalistin Anastasiia Magazova im Gespräch mit tagesschau.de. Er entzweit auch Familien und Freundschaften. Sie selbst wird in ihrer Heimat nicht mehr arbeiten können, sagt sie.

tagessschau.de: In den letzten Wochen gab es so viele politische und gesellschaftliche Umbrüche in der Ukraine. Wie hat das Ihr ganz persönliches Leben verändert?

Magazova: Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn auf den Straßen Ihrer eigenen Stadt auf einmal Soldaten in Uniformen und mit Kalaschnikows stehen würden - Soldaten aus einem anderen Land. Natürlich hat man Angst, und man kann nicht glauben, dass so etwas passiert. In der letzten Woche hatten zudem fast alle Banken geschlossen und wir konnten jeden Tag nur um die 100 Euro abheben. Die Menschen kaufen die Supermärkte leer, weil sie nicht wissen, was kommt.

alt Anastasiia Magazova

Zur Person

Die ukrainische Journalistin Anastasiia Magazova lebt und arbeitet in Simferopol. In ihren Artikeln berichtet die 25-Jährige kritisch über die politische Lage auf der Halbinsel und im ganzen Land.

tagessschau.de: Sie halten sich zurzeit in Berlin auf. Gab es Probleme für Sie, die Krim zu verlassen?

Magazova: Der Flughafen ist gesperrt. Züge, die die Krim verlassen oder in Richtung Krim unterwegs sind, werden kontrolliert. Vor einigen Tagen konnte ich die Halbinsel noch verlassen, weil ich ein Ticket für einen wirklich teuren Zug gekauft hatte. Diese Züge wurden nicht kontrolliert. Aber schon kurz darauf war auch das nicht mehr möglich. Alle Passagiere mussten sich ausweisen, und die Ausreise konnte ohne Grund untersagt werden. Dabei ging es nicht um Reisen ins Ausland, sondern um Reisen innerhalb der Ukraine.

"Sicher fühle ich mich nicht"

tagessschau.de: Sie sind Journalistin und sagen selbst, dass Sie kritisch berichten. Außerdem arbeiten Sie auch für deutsche Zeitungen. Haben Sie auf der Krim selbst Repressionen erfahren oder wurden bedroht?

Magazova: Es ist mir passiert, dass Menschen auf der Straße handgreiflich geworden sind, wenn sie mitbekommen haben, dass ich Ukrainerin bin. Sie denken, dass ich Faschistin bin, weil das auch das Bild ist, das die russischen Medien von Ukrainern verbreiten. Gegen diese Maschinerie kommt man auch dann nicht an, wenn man versucht, mit den Menschen zu sprechen. Sicher fühle ich mich nicht.

tagessschau.de: Haben Sie Erfahrungen mit den vermeintlich russischen Soldaten gemacht?

Magazova: Vor einigen Tagen war ich in einer Kleinstadt auf der Krim zu einem Termin unterwegs. Als ich aus dem Taxi steigen wollte, blickte ich plötzlich auf ein Gewehr, das ein maskierter Soldat auf mich richtete. "Wohin willst du?", fragte er. "Als Journalistin kommst du hier nicht rein." Ich habe nie gedacht, dass mir so etwas in meinem eigenen Land passieren würde. So etwas vergisst man nicht.

Uniformierte laufen in Formation nahe Simferopol
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Uniformierte prägen das Stadtbild der Krim-Hauptstadt Simferopol - offiziell geben sie sich aber nicht als russische Soldaten zu erkennen.

tagessschau.de: Welche Auswirkung haben die Ereignisse in letzter Zeit auf Ihre Arbeit gehabt?

Magazova: Bisher habe ich in meinen Artikeln die politische Situation in der Ukraine und auf der Krim analysiert. In letzter Zeit hingegen hat sich meine Aufgabe als Journalistin zwei Mal verändert. Als die Proteste in Kiew anfingen, begann ich, über die Situation der Menschen in der Ukraine insgesamt zu schreiben, fragte nach ihren Hoffnungen und Ängsten. Und die zweite große Veränderung war, als die Proteste auf der Krim begannen. Da habe ich alles mit meinen eigenen Augen gesehen. Es verändert einen, wenn man so nah dran ist. Und natürlich bin ich Zivilistin und Journalistin. Es ist schwer, das voneinander zu trennen, wenn es plötzlich um das eigene Land, die Heimat geht. Und trotzdem muss man objektiv bleiben, alle Seiten zeigen.

Keine Zukunft mehr auf der Krim

tagessschau.de: Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft auf einer russischen Krim?

Magazova: Ich spreche Ukrainisch, arbeite in der Sprache und, ja, ich fühle mich auch als Ukrainerin und vertrete europäische Werte. Deswegen wird es für mich unmöglich sein, auf der Krim zu leben, wenn sie zu Russland gehören wird. Das würde bedeuten, dass ich meine Freiheit aufgeben muss. Bisher habe ich politische und natürlich kritische Artikel geschrieben. Das würde ich nicht mehr machen können, denn für die Regierung wäre ich keine gute Journalistin. Ich stehe auch in Kontakt zu europäischen Organisationen, zu deutschen Medien. Das reicht schon, um in Russland unter Generalverdacht zu stehen. Dauerhaft auf die Krim zurückzukehren, kommt für mich nicht in Frage. Wahrscheinlich werde ich in den Westen der Ukraine ziehen, aber das bedeutet, meine Freunde und meine Familie zu verlassen.

tagessschau.de: Wie reagieren Ihre Freunde und Ihre Familie auf den politischen Umbruch und die Unruhen?

Magazova: Meiner Meinung nach ist das, was gerade passiert, eine Generationsfrage. Für junge Leute ist es eher untypisch, Russland zu unterstützen. Ich kenne viele junge Menschen, die sich die Frage, ob sie zu Russland gehören, nicht mehr stellen. Sie erinnern sich im Gegensatz zu den älteren Menschen nicht an das Leben in der Sowjetunion. Sie sprechen zwar eine gemeinsame Sprache, aber Russland ist nur der östliche Nachbar.

Aber schon mit meinen Eltern ist es etwas anderes. Sie sind 45, also nicht so alt, aber sie haben noch diese Nostalgie. Sie erinnern sich, dass die Lebensmittel in der Sowjetunion günstig waren, dass es umsonst Medikamente gab und jeder eine Ausbildung bekam. Deswegen hoffen sie, dass diese Zeiten wiederkommen. Aber ob das passieren wird? Und es ist nur eine Seite. Meine Eltern erinnern sich nicht daran, dass es damals zum Beispiel unmöglich war, zu verreisen. Sie waren aber auch noch nie im Ausland.

Ein Unterstützer Russlands vor der Lenin-Statue in Simferopol
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Ein Generationenkonflikt? Ein älterer Mann zeigt sich in Simferopol mit sowjetischer Fahne und Lenin-Porträt als Russland-Unterstützer.

tagessschau.de: Gab es deswegen Streit mit Ihren Eltern?

Magazova: Wir haben zu Hause viel diskutiert, und es hat lange gedauert, bis sie meine Einstellung verstanden haben. Jetzt akzeptieren sie es, aber meine Mutter sagte, sie werde ihre Meinung bezüglich Russland nicht ändern. Meine Mutter ist Ukrainerin, aber sie fühlt sich als Russin.

tagessschau.de: Wie war das gemeinsame Leben vor den Protesten und Unruhen?

Magazova: Es gab hin und wieder Konflikte, besonders allerdings zwischen den Krimtataren und den russischsprachigen Menschen. Damals ging es um die aus den Deportationen zurückgekehrten Krimtataren und die Entschädigungen. Aber gerade in den letzten fünf Jahren lebten alle normal miteinander. Meine Freunde sind Russen, Krimtataren, Ukrainer.

tagessschau.de: Glauben Sie, dass sich der jetzige politische Konflikt negativ auf das Miteinander auswirken kann?

Magazova: Es wirkt sich jetzt schon aus. Denn die Situation zwingt die Menschen, Stellung zu beziehen. Menschen, die eigentlich befreundet sind, fangen nun Diskussionen an, streiten sich. Die Meinungsverschiedenheiten finden innerhalb gemischter Freundeskreise und innerhalb von Familien statt. Das führt dazu, dass Freundschaften und Familien auseinanderbrechen. Und die Menschen haben nicht genug Distanz, um zu verstehen, dass bestimmte Kräfte genau das im Sinn haben.

"Ich weiß nicht, ob ich noch als legale Bürgerin gelte"

tagessschau.de: Seit ein paar Tagen befinden Sie sich in Deutschland. Wohin werden Sie nun zurückkehren?

Magazova: Ich weiß es nicht. Ich habe die ukrainische Staatsangehörigkeit, aber ich bin auf der Krim gemeldet. Das heißt, wenn die Krim nun zu Russland gehören soll, dann werde ich Russin werden müssen. Das will ich aber nicht, wobei es wahrscheinlich keine Alternative geben wird. Zunächst werde ich wohl nach Lemberg zurückgehen und dann werde ich herausfinden müssen, ob ich auf der Krim noch als legale Bürgerin gelte.

Das Interview führte Agata Wojcieszak, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. März 2014 um 20:00 Uhr.

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