Blick auf die International Raumstation ISS | Bildquelle: dpa

ISS-Jubiläum 20 Jahre menschlicher Außenposten im All 

Stand: 02.11.2020 01:34 Uhr

Seit dem 2. November 2000 ist die ISS dauerhaft von Raumfahrern bewohnt. Forscher preisen das multinationale Projekt. Doch die ISS wird nur noch ein paar Jahre der Menschheit als Außenposten dienen.

Von Ute Spangenberger, SWR

In wolkenfreien Nächten kann man die ISS mit bloßem Auge am Himmel fliegen sehen: ein leuchtender Punkt, der etwa alle 90 Minuten einmal um den Planeten Erde fliegt. Mit seinen Solarpanels ist das fliegende Labor ungefähr so groß wie ein Fußballplatz.  

Vor 20 Jahren koppelte die erste Langzeitbesatzung an der ISS an, zwei russische Kosmonauten und ein US-Astronaut. Seitdem folgten viele multinationale Teams; für die ESA ist die ISS zu "einem echten Außenposten der Menschheit" geworden. Sie wird gemeinsam von den Weltraumagenturen der USA, Russlands, Kanadas, Japans und der Europäischen Weltraumagentur (ESA) betrieben und finanziert.

Fotos von der ISS: A. Gerst putzt in der ISS | Bildquelle: Alexander Gerst/ISS/ESA
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Kehrwoche in der ISS: Der Schwabe Alexander Gerst war der erste Deutsche, der das Kommando auf der ISS hatte - putzen musste er dennoch.

Deutsche Astronauten auf der ISS 

Unter den ISS-Raumfahrern aus 21 Nationen waren bislang auch drei Deutsche: Thomas Reiter, Hans Schlegel und Alexander Gerst. Sowohl Reiter als auch Gerst gehörten zu Langzeitbesatzungen, verbrachten also mehrere Monate auf der ISS. Reiter war 2006 auch der erste europäische Langzeitflieger. Er erinnert sich: 

"Auf der ISS zu leben und zusammen zu arbeiten - an vorderster wissenschaftlicher Front in Vertretung der wissenschaftlichen Teams auf der Erde - ist schon fantastisch. Aber dann rausgehen zu dürfen und da draußen an der ISS zu arbeiten, ist unvergleichbar. Die Außenbordeinsätze sind der Höhepunkt." 

Was die MIR nicht zu bieten hatte

Für Reiter war der Aufenthalt auf der ISS schon der zweite Besuch einer Raumstation. 1995 war der ESA-Astronaut bereits zur russischen Raumstation MIR geflogen, eine von der Sowjetunion gebaute Raumstation. Sie umkreiste die Erde von 1986 bis 2001. Er vergleicht:

"Der größte Unterschied zur MIR ist einfach der Raum, den man dort oben zur Verfügung hat. Die ISS ist schon wesentlich geräumiger, technisch moderner und erlaubt es, effizienter zu forschen. Bei der MIR-Station war alles sehr eng. Da mussten wir die Geräte, die wir zur Durchführung der Experimente benötigt haben, erst zusammenbauen und nach der Arbeit wieder wegräumen."

Sowjetische Raumstation MIR
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Nicht ganz so geräumig wie die ISS: die sowjetische Raumstation MIR

Noch zehn Jahre in Betrieb

Die ISS könnte, wenn sie technisch einwandfrei läuft, mindestens weitere zehn Jahre in Betrieb bleiben. In dieser Zeit wird sie zunehmend kommerzieller genutzt werden und etwa der Privatindustrie in eigenen Modulen die Möglichkeit geben, Experimente in der Schwerelosigkeit durchzuführen.

Mit vielen industriellen Partnern könne man die Forschungskapazitäten auf der ISS optimal ausnutzen und sogar erweitern, erklärt ESA-Astronaut Matthias Maurer, der 2021 als nächster Deutscher zur ISS fliegen soll. Aber, sagt Maurer: "Das ist immer nur eine Ergänzung zu dem jetzigen Programm. Ich denke nicht, dass wir die klassischen Anbieter, also die Weltraumagenturen, verschwinden sehen." 

Die Nachfolgerin steht schon fest

Spätestens 2030 wird die ISS außer Betrieb genommen, dann soll bereits eine neue Raumstation am Start sein: die Lunar Orbital Platform-Gateway. ESA-Astronaut Alexander Gerst erklärt: "Das ist eine kleine Raumstation, welche die Menschheit jetzt plant und baut. Sie soll um den Mond herum kreisen."

Die Station, die ebenfalls von den ISS-Partnern betrieben werden soll, wird nicht ständig bemannt sein. Sie soll unter anderem als Zwischenstation für neue, bemannte Mondmissionen dienen, eine Art Bushaltestelle im All.

Eugene Cernan auf dem Mond | Bildquelle: AP
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Irgendwann will die Menschheit auf den Mond zurückkehren - so wie die US-Astronauten in den 1970er-Jahren.

Gerst freut sich, dass das neue Projekt auf den Weg geführt ist und glaubt, dass in den vergangenen Jahren Verständnis und die Akzeptanz für die Raumfahrt gewachsen sind:

"Ich denke, inzwischen ist wirklich vielen Leuten klar, was wir da draußen tun: Wir erforschen unsere kosmische Umgebung und bringen wissenschaftliche Erkenntnisse mit zurück zur Erde, um das Leben hier unten besser zu machen, etwa Krankheiten zu erforschen oder neue Materialien."  

China möchte in den nächsten Jahren ebenfalls eine Raumstation in den Orbit bringen. Am Veto der USA war in den Neunzigerjahren eine Zusammenarbeit mit China bei der ISS gescheitert. 

Die Weltpolitik hinterlässt ihre Spuren

Während die internationalen Astronautenteams auf der ISS gut zusammengearbeitet haben, rumpelte es unten auf der Erde bisweilen gewaltig. Im Verlauf der Ukraine-Krise 2014 etwa stellten die USA ihre Raumfahrt-Zusammenarbeit mit Russland teilweise ein. Beim Betrieb der ISS aber, das hatte die NASA betont, sollte es keine Abstriche geben.

Dies war sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass die USA selbst zu dem Zeitpunkt keine Astronauten ins All befördern konnten. Nach dem Aus des Space Shuttle-Programms 2011 waren die US-Amerikaner auf die russischen Sojus-Kapseln angewiesen. 

Das veranlasste den damaligen russischen Vize-Regierungschef Dmitri Rogosin zum Seitenhieb, die USA müssten ihre Astronauten ohne Russland "mit dem Trampolin zur ISS" bringen. 

Vor einem halben Jahr dann eine späte Retourkutsche aus den USA Richtung Moskau: Nach dem gelungenen Flug des privaten US-Unternehmens SpaceX zur ISS formulierte SpaceX-Chef Elon Musk spitz: "Das Trampolin funktioniert." 

Die SpaceX-Raumkapsel dockt an der ISS an, wie dieses NASA-Bild zeigt. | Bildquelle: AP
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Auch private Unternehmen wie SpaceX fliegen inzwischen zur ISS.

Korrespondent

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Ute Spangenberger, SWR

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