Ali Sadrzadeh

Irans neuer Präsident Rohani Wolf im Schafspelz? Hoffnungsträger?

Stand: 03.08.2013 12:22 Uhr

Rohani übernimmt sein Amt. tagesschau.de sprach mit dem Iran-Experten Ali Sadrzadeh darüber, was von dem neuen Präsidenten zu halten ist, ob das Land bald eine Atombombe hat - und dass Rohanis Geheimnisse für seine Gegner zum Problem werden könnten.

tagesschau.de: "Wolf im Schafspelz" oder "bärtiger Hoffnungsträger mit Herz" - die Beschreibungen des neuen iranischen Präsidenten Hassan Rohani gehen weit auseinander. Welches Bild stimmt Ihrer Ansicht nach am ehesten?

Der neue iranische Präsident Hassan Rohani

Der Westen setzt große Hoffnungen auf Irans neuen Präsidenten Rohani - doch sind sie gerechtfertigt?

Ali Sadrzadeh: Ein Wolf ist er nicht. Dann schon eher ein Hoffnungsträger, denn er hat versprochen, vieles anders zu machen als sein Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad. Die Fähigkeit dazu hat er. Aber was tatsächlich passiert, hängt davon ab, wie stark er sich gegen die anderen Mächtigen im Land durchsetzen kann. So hat beispielsweise der Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei viel mehr zu bestimmen als Rohani - und wenn Chamenei nicht will, wird Rohani enorme Schwierigkeiten haben.

Ali Sadrzadeh
Zur Person

Ali Sadrzadeh wurde 1945 in Estahbanat im Iran geboren. Nach Abitur und Lehrerausbildung arbeitete er als Lehrer in Teheran. 1970 kam Sadrzadeh nach Deutschland, um dort zu studieren, 1980 kehrte er in den Iran zurück. Sadrzadeh arbeitete für DPA, "Frankfurter Rundschau" und den Hessischen Rundfunk, von 1990 bis 1994 war er ARD-Korrespondent in Nordafrika. Inzwischen ist er im Ruhestand.

tagesschau.de: Rohani hat ja im Wahlkampf stark mit innenpolitischen Themen gepunktet: Lockerung der Zensur, Ausbau von Frauenrechten, Reform der maroden Wirtschaft. Was davon kann er denn ihrer Meinung nach durchsetzen?

Sadrzadeh: Rohani ist Chef der Exekutive und verfügt deshalb schon über eine gewisse Macht. Er könnte zum Beispiel ein Frauenministerium einrichten, eine gewisse Öffnung der Gesellschaft zulassen oder den Druck auf die Intellektuellen des Landes mindern.

Rohani kennt viele Geheimnisse - ein Problem für seine Gegner

tagesschau.de: Rechnen Sie ernsthaft damit, dass Rohani ein Frauenministerium einrichtet?

Sadrzadeh: Er wird Schwierigkeiten haben, das durchzusetzen. Aber Rohani ist ein sehr versierter und diplomatisch geschulter Mensch. Wenn er mit gewisser Vorsicht vorangeht, kann er die etablierten Machtinstitutionen wie Revolutionsgarden, Wächterrat und auch Chamenei auf seine Seite ziehen. Er hat dafür gute Chancen, weil er selbst aus dem Inneren des Machtzirkels stammt. Man darf nicht vergessen, dass er 20 Jahre lang der Präsident des nationalen Sicherheitsrats war. Das bedeutet auch, dass er alle möglichen Staatsgeheimnisse kennt. Es wird also für seine Gegner nicht leicht sein, ihn zu sabotieren oder zu entmachten. Aber er wird einen schwierigen Stand haben.

tagesschau.de: Halten Sie ihn denn wirklich für einen Reformer?

Sadrzadeh: Nein. Er bezeichnet sich selber auch nicht als Reformer. Er sagt, er sei gemäßigt. Auch die jetzt präsentierte Kabinettsliste zeigt, dass er versucht hat, Vertreter aller Richtungen zu integrieren und nicht ausschließlich aus dem Reformlager. Rohani ist sehr pragmatisch.

tagesschau.de: Laut der Kabinettsliste wird der frühere Verteidigungsminister Mohammed Forusandeh neuer Chefunterhändler bei den Atomgesprächen. Welchen Kurs lässt diese Personalauswahl denn für die zukünftigen Verhandlungen erwarten?

Sadrzadeh: Forusandeh ist ein erfahrener Politiker, er ist auf Linie von Rohani. Beide wollen den Revolutionsführer Chamenei davon überzeugen, dass der Iran dem Westen in der Atomfrage entgegenkommen muss. Die internationalen Sanktionen haben auf den Alltag der Menschen im Iran solch enormen Auswirkungen, dass sich die Probleme des Landes nicht anders lösen lassen.

tagesschau.de: Geben Sie mal eine Prognose ab, wie die Atomverhandlungen künftig verlaufen. Was wird passieren?

Sadrzadeh: Ich glaube, dass der Iran auf sein Recht zur Urananreicherung nicht verzichtet. Doch vermutlich wird man sich auf niedrig angereichertes Uran beschränken. Auch eine Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde könnte das Land wieder zulassen. Der Iran verfügt jedoch auch bereits über eine Riesenmenge höher angereichertes Uran. Eine sehr komplizierte Frage in den Verhandlungen wird sein, was damit passieren soll. Wahrscheinlich wird man sich darauf verständigen, es ins Ausland zu transportieren.

tagesschau.de: Ist es wirklich wahrscheinlich, dass das Land bereit sein könnte, dieses in jahrelanger Arbeit beschaffte Atommaterial ins Ausland zu transportieren?

Sadrzadeh: Das wissen wir nicht. Fest steht aber: Um eine Atombombe zu bauen, benötigt man nicht nur angereichertes Uran, sondern man muss auch einen Sprengkopf bauen. Nach Meinung vieler Experten ist der Iran dazu noch sehr lange Zeit nicht in der Lage. Aber: Um bei den westlichen Ländern Vertrauen zu bilden, muss der Iran sich bereit erklären, das angereicherte Uran ins Ausland zu transportieren oder irgendwie unter Aufsicht zu stellen. Davon bin ich überzeugt.

Sollten Rohani und Forusandeh bei den Atomverhandlungen weitgehend freie Hand bekommen, dann bin ich ziemlich zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird. Vor einigen Jahren war Rohani ja selbst noch Chefunterhändler in dieser Frage. Damals erreichte er eine gewisse Einigung und brachte fünf EU-Außenminister nach Teheran, die einen Vertrag unterschrieben. Revolutionsführer Chamenei hat dann jedoch alles rückgängig gemacht. Ähnliches kann jetzt wieder passieren. Alles hängt davon ab, wie sich die Kräfteverhältnisse im Iran entwickeln. Momentan sind die Radikalen auf dem Rückzug.

"Wenn es um Machterhalt geht, sind die Mullahs plötzlich flexibel"

tagesschau.de: Nachdem die Einigung im Atomstreit vor rund zehn Jahren in greifbarer Nähe war, hat Rohani anschließend einen Vortrag vor dem Obersten Rat der Kulturrevolution gehalten. Da hat er gesagt, es sei ihm hauptsächlich darum gegangen, Zeit zu gewinnen um den Atombombenbau weiter voranzutreiben. Das klingt für mich nach "Wolf im Schafspelz".

Sadrzadeh: Ja, das sagen viele. Und man hat Rohani auch darauf angesprochen und er hat nicht darauf geantwortet. Aber einige Experten gehen davon aus, dass dieser Vortrag den Machtverhältnissen im Iran geschuldet war. Demnach hat er sich den Radikalen gegenüber so geäußert, weil sie ihm vorwarfen, er sei zu kompromissbereit gewesen. Aber man muss sich nicht täuschen: Rohani ist ja auch derjenige, der von vornherein hinter dem Atomprogramm gestanden hat. Das bedeutet, wenn er eine Einigung erreichen will, dann muss er auch von seiner bisherigen Überzeugung Abstand nehmen.

tagesschau.de: Und Sie gehen davon aus, dass er das tun wird, weil er sonst die Wirtschaft im Iran nicht wieder in Schwung bringen kann?

Sadrzadeh: Ja. Erstens kann er angesichts der Sanktionen sonst die Wirtschaft nicht wieder auf die Beine bringen und zweitens ist der Druck aus dem Ausland enorm. Viele rechnen damit, dass es ohne ein Einlenken zu einer militärischen Konfrontation zwischen dem Iran auf der einen und Israel oder den USA auf der anderen Seite kommen könnte. Um diese Gefahren abzuwehren, ist Rohani gezwungen, eine Einigung zu erreichen. Und man darf auch nicht vergessen: Die Mullahs geben sich zwar prinzipientreu. Aber wenn es um den Machterhalt geht, sind sie manchmal überraschend flexibel.

Und was wird aus Ahmadinedschad?

tagesschau.de: Was wird jetzt eigentlich aus Rohanis Vorgänger Ahmadinedschad? Es kursieren ja Gerüchte, dass er ins Gefängnis wandern könnte.

Sadrzadeh: Ahmadinedschad hat in seiner letzten Rede gesagt, dass er eine Privatuniversität gründen will. Das hat für viel Spott gesorgt. Es ist aber durchaus möglich, dass er ins Gefängnis kommt, weil es während seiner achtjährigen Amtszeit viel Korruption gegeben hat. Aber im Iran werden die Gerichte erst dann ein Verfahren eröffnen, wenn die Mächtigen es wollen. Und ob die das jetzt wollen oder später, ist völlig unklar. Fest steht: Ahmadinedschad hat ausgedient und er wird wahrscheinlich in drei Monaten in totale Vergessenheit geraten sein.

Das Interview führte Sarah Welk, tagesschau.de