Interview

Interview zur Gewalt in Syrien "Assad ist kein Schlächter"

Stand: 29.04.2011 11:00 Uhr

Als Baschar al Assad vor elf Jahren syrischer Präsident wurde, versprach er seinem Volk Reformen. Doch daraus wurde nichts. Die Umsetzung sei großteils an seiner einflussreichen Verwandtschaft gescheitert, sagt der Islamwissenschaftler und Journalist Daniel Gerlach. Im Gespräch mit tagesschau.de erklärt er, wie das System Assad funktioniert.

tagesschau.de: Herr Gerlach, sind die Proteste in Syrien vergleichbar mit denen in Tunesien, Ägypten oder Libyen?

Daniel Gerlach: Anfangs gab es in Syrien zwar Aufrufe zu Protesten, es ging aber keiner hin. Inzwischen ähnelt die Eskalation in Syrien tatsächlich der in anderen Ländern. Zum einen schätzte Präsident Assad die Lage nicht ganz richtig ein und glaubte, er könne mit Reformversprechen und ein wenig Ausmisten seiner Entourage das Ruder herumreißen. Zum anderen hat er, wie es auch Ben Ali in Tunesien versucht hat, die Armee gegen Demonstranten eingesetzt.

Syrische Soldaten neben einem Poster von Präsident al Assad (Archivbild)
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"Die Armee einzubeziehen ist immer ein Risiko" - syrische Soldaten neben einem Plakat des Präsidenten.

Assad hat aber nicht dieses Image des Blutsaugers, der das ganze Land ausplündert und sich die Taschen vollstopft. Deshalb haben sich die Proteste nicht explizit gegen den Präsidenten gerichtet, es ging eher gegen seine Entourage, gegen das System, gegen Korruption, gegen den Ausnahmezustand, für Transparenz. Aber wenn bei der Bevölkerung der Eindruck entsteht, der Präsident stünde hinter den Massakern - die es ja zweifellos gegeben hat - kann das schnell kippen.

tagesschau.de: Die syrische Armee gehört mit 200.000 Mann zu den größten in der arabischen Welt. Steht die denn fest hinter Assad?

Gerlach: Die Armee einzubeziehen ist immer ein Risiko, weil man sie zwingt, sich zu positionieren. Entweder muss sie sich die Hände blutig machen oder den Befehl verweigern. Das kann für den Präsidenten gefährlich werden, denn natürlich könnte sich die Armee auch gegen ihn wenden – obwohl seine Familie die Armee, anders als etwa in Tunesien, maßgeblich kontrolliert. Und wenn es nur kleinste Anzeichen für Befehlsverweigerung in der Armee gäbe, dann fiele das ganze System zusammen.

alt Daniel Gerlach

Zur Person

Daniel Gerlach (Jahrgang 1977), Islamwissenschaftler und Historiker, ist Mitherausgeber und Redakteur des Magazins "zenith - Zeitschrift für den Orient". Für seine Berichte reist er regelmäßig in die arabische Welt und beobachtet die gesellschaftlichen Entwicklungen im Nahen Osten. Außerdem arbeitet Gerlach als freier Journalist und Fernsehautor, ebenfalls zu politischen und gesellschaftlichen Themen des Orients.

tagesschau.de: Weshalb hat Assad denn diese Strategie gewählt? In Libyen sieht man ja zurzeit, zu welchem Ausmaß an Gewalt das führen kann.

Gerlach: In Libyen ist die Situation eine andere: Das Land ist schon lange zwiegespalten, es hat schon immer eine unterschwellige Opposition gegeben, die Gaddafi misstraute und unterdrückt wurde. In Syrien hingegen hat der Zentralstaat besser funktioniert: Dieses System war so lange stabil, weil viele verschiedene Religionsgruppen, vor allem religiöse Minderheiten, in dem Diktator eine Überlebensgarantie gesehen haben – und das Regime hat keine Gelegenheit ausgelassen, das auch immer wieder zu betonen, und zu sagen: „Schaut her, hier leben die Religionen einträchtig nebeneinander.“

tagesschau.de: Assad selbst ist Nusairier. Die sind zwar eine Minderheit in Syrien, fast alle Regierungsposten aber werden von Anhängern dieser Religion besetzt. Welche Rolle spielt seine Religionszugehörigkeit für ihn?

Gerlach: Die Mentalität der Nusairier ist davon geprägt, dass sie über Jahrhunderte verfolgt und an den Rand gedrängt wurden. Diese Mentalität „Wir müssen uns verteidigen, wenigstens in diesem einen Land“, sie prägt auch die Politik der syrischen Regierung.

tagesschau.de: Richtet sich der Protest gegen die Bevorzugung dieser einen Glaubensgruppe?

Demonstration im syrischen Deraa (Screenshot eines Amateurvideos)
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Sie sind frustriert von ihrer wirtschaftlichen Situation: Demonstranten in Deraa.

Gerlach: Nein, es sind offensichtlich keine ethnischen oder religiösen Proteste. Die Gründe für die Proteste sind sicher ähnlich wie in anderen arabischen Staaten: Nur sehr wenige Menschen haben von der wirtschaftlichen Öffnung profitiert. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Menschen, die nichts zu tun haben, junge Männer vor allem, die arbeitslos sind oder sehr wenig Geld verdienen. Der syrische Durchschnittslohn im offiziellen Sektor gehört zu den niedrigsten in der gesamten arabischen Welt. Ein großer Teil der jungen Bevölkerung ist extrem frustriert. Als man dann gesehen hat, was in den anderen Ländern passiert ist, und Mubarak tatsächlich gegangen ist - das hat bei vielen den Wunsch geweckt, gegenüber anderen Ländern nicht abgehängt zu werden.

"Organisierte Islamisten gibt es in Syrien kaum"

tagesschau.de: Spielen Islamisten eine Rolle?

Gerlach: Den Eindruck habe ich nicht. Zunächst halten sie sich zurück, denn sie wissen, dass sie mit einem zu starken Engagement die Proteste sofort diskreditieren würden. Vor allem aber gibt es seit den Achtzigerjahren kaum mehr organisierte Islamisten in Syrien. Natürlich gibt es ein paar salafistische, also etwas radikalere Gruppen, aber organisiert, wie zum Beispiel die Muslimbrüder in Ägypten, existieren sie hier nicht.

tagesschau.de: Rechnen Sie damit, dass der syrische Konflikt Auswirkungen auf die Region hat?

Gerlach: Syrien ist auf kuriose Weise schon lange mit sich selbst beschäftigt, dabei aber verlässlich stabil. Nehmen Sie die syrisch-israelische Grenze: Obwohl es nie einen Friedensvertrag oder ähnliches gab, ist sie eine der stabilsten Grenzen des Nahen Ostens. Man wusste immer, auch im Westen: Die Syrer bewegen sich nicht, aber auf die kann man zählen.

tagesschau.de: Welche Konsequenzen hätte ein Machtwechsel in Syrien für das freundschaftliche Verhältnis zum Iran?

Treffen von Assad und Ahmadinedschad 2005
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Schon lange verbündet: Assad und Ahmadinedschad bei einem Staatsbesuch 2005

Gerlach: Für die Iraner steht viel auf dem Spiel. Es war immer klar: Wenn es zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und Iran kommt, dann ist Syrien auf irgendeine Weise betroffen – und sei es, weil der syrische Luftraum auch zwischen Israel und Iran liegt. Man musste damit rechnen, dass die Israelis als erstes, wenn es gegen den Iran ginge, die syrische Luftabwehr ausschalten würden. Syrien ist neben Libanon und der irakischen Regierung derzeit der einzige Verbündete Irans im Nahen Osten, ein Verbündeter mit einer Grenze zu Israel und einer Küste am Mittelmeer. Wenn dieser Verbündete wegfällt, bedeutet das ein Risiko für den Iran.

tagesschau.de: Wie geht es weiter? Greift der Westen ein, ähnlich wie in Libyen?

Gerlach: Nein, der Westen wird nicht eingreifen. Der Versuch einer UN-Resolution, der ja diesmal von Deutschland vorangetrieben wurde, musste scheitern, das war von Anfang an klar. Man wusste genau, dass die Russen nach dem libyschen Abenteuer, wo sie nur mit sehr großen Bauchschmerzen kein Veto eingelegt haben, einer Resolution gegen Syrien nicht zustimmen würden. Außerdem sitzt Libanon derzeit im Sicherheitsrat, es war klar, dass sich die derzeitige, von der Hisbollah gestützte libanesische Regierung nicht gegen Syrien stellen wird.

tagesschau.de: Wie wird sich die Situation entwickeln, wird Assad noch heftiger zuschlagen, oder trauen Sie ihm zu, dass er irgendwann aufgibt?

Straßen von Damaskus
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"Assad wird immer Anhänger haben" - Plakate und Souvenirs mit dem Porträt des Präsidenten in den Straßen von Damaskus.

Gerlach: Ja, ihm selbst traue ich zu, dass er irgendwann aufgeben würde. Im Gegensatz zu einigen seiner Verwandten ist er nach meinem Eindruck kein Schlächter, und weniger machtbesessen. Aber ich glaube, dass er von seinem Clan sehr stark unter Druck gesetzt wird, dass man ihm immer den Eindruck vermittelt hat: Wir kriegen das noch hin. Dazu kommt: Leider ist davon auszugehen, dass es, selbst wenn Assad weitere Städte plattmachen ließe, noch eine Masse geben wird, die ihn unterstützt.

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