Interview

Vandalismus in Minneapolis | Bildquelle: CRAIG LASSIG/EPA-EFE/Shutterstoc

Gewalt in Minneapolis "Professionell organisierte Gruppen"

Stand: 30.05.2020 15:51 Uhr

Geschäfte von Schwarzen seien bei den Krawallen zunächst verschont geblieben. Das sei jetzt anders, sagt Berit Talan. Die Deutsche lebt im Großraum Minneapolis und berichtet von gezielter Unterwanderung der Proteste durch weiße Rassisten.

tagesschau.de: Sie leben in St. Paul, der Hauptstadt von Minnesota, die mit Minneapolis eine große Metropolregion bildet. Nach dem Tod des Schwarzen George Floyd nach einem brutalen Polizeieinsatz gehen Menschen dort seit Tagen auf die Straße, es kommt zu Gewaltausbrüchen und Plünderungen. Wie erleben Sie die Situation dort?

Berit Talan: In meiner Nachbarschaft ist es heute ziemlich ruhig. Das sieht in Minneapolis natürlich anders aus. Die Situation ist aber momentan noch sehr unübersichtlich. Freunde von mir und Aktivisten beschützen momentan Geschäfte von Schwarzen und Minderheiten. Es gibt Berichte, dass diese Läden gezielt angegriffen werden. Die Menschen haben Angst.

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Die Deutsche Berit Talan lebt seit zehn Jahren in den USA, momentan in der Metropolregion Minneapolis-St. Paul.

tagesschau.de: Sie sagen, Gewalt geht auch von Weißen aus?

Talan: Bei den Protesten in der Nacht zum Freitag wurden Geschäfte von Schwarzen offenbar weitgehend ausgelassen. Die Menschen hängten Schilder in die Fenster mit der Aufschrift: "black owned business". Heute Nacht war das anders.

tagesschau.de: Wer ist da - mal abgesehen von vielen friedlichen Menschen aller Hautfarben - noch alles auf den Straßen unterwegs?

Talan: Der Gouverneur von Minnesota hat von professionell organisierten Gruppen gesprochen, die gezielt Chaos stiften wollten. Er ist nach einer Beteiligung von "White Supremacy"-Anhängern gefragt worden (Rassistische Ideologie von einer "weißen Überlegenheit", Anm. d.Red.) und hat bestätigt, dass es diese Gerüchte gebe. Es kursieren Fotos von Pickup-Trucks, die bei den Protesten gesichtet wurden, auf denen Sticker dieser rassistischen Bewegung klebten. Diese Fahrzeuge kamen auch aus anderen Bundesstaaten. Es gibt Berichte von einer Unterwanderung der Proteste.

Aktivisten posteten zudem ein Video von einem der ersten Fälle von Vandalismus in Minneapolis. Zu sehen ist ein weißer Mann mit Gasmaske und militärischer Kleidung, der ein Geschäft beschädigt. Er wird von einem Schwarzen zur Rede gestellt und entfernt sich, als er merkt, dass er gefilmt wird.

tagesschau.de: Wie reagieren die Einsatzkräfte seit dem Beginn der Proteste?

Talan: Mein Eindruck ist, sie waren überrascht, wie groß die Menge an Menschen ist, die demonstrieren, und wie professionell die zum Teil vorgegangen sind. Es wirkte, als seien die Einsatzkräfte in erster Linie angewiesen worden, die kritische Infrastruktur zu schützen, und das deswegen niemand mehr da war, um die Geschäfte in der Nachbarschaft zu sichern.

tagesschau.de: Fühlen Sie sich momentan noch sicher? Gehen Sie noch hinaus?

Talan: Hier gilt ja eine nächtliche Ausgangssperre, wir sind deshalb zu Hause. Da alle Läden im direkten Umkreis geschlossen sind, musste ich zum Einkaufen fahren. Wir haben organisiert, dass Menschen in der Nachbarschaft, die kein Auto haben, genug zu Essen haben. Auch der öffentliche Nahverkehr ist ja ausgesetzt. Nachbarn halfen sich gegenseitig beim Aufräumen.

tagesschau.de: Sie leben seit zehn Jahren in den USA. Wie erleben Sie den Rassismus im Land?

Talan: Rassismus ist ein bestehendes Element in den USA seit ihrer Gründung, sie zeigt sich in verschiedenen Facetten. Nach der Wahl von Barack Obama haben sich da wohl viele blenden lassen, doch es hat sich schnell gezeigt, dass es einen Backlash gegeben hat. Vieles kommt jetzt an die Oberfläche. Die Menschen sprechen es jetzt eher aus.

Die Fragen stellte Susanne Bründel, tagesschau.de

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Mai 2020 um 19:10 Uhr in der Sendung "Kommentare und Themen der Woche" und am 30. Mai 2020 die tagesschau um 15:05 Uhr.

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