Weizensäcke werden in Gurdaspur (Indien) für den Weitertransport verpackt. | AP

Extremwetter in Indien "Der heißeste Sommer aller Zeiten"

Stand: 30.04.2022 10:46 Uhr

Wassermangel, drohende Ernteausfälle und eine gefährdete Infrastruktur: Die Folgen der anhaltenden Hitzewelle in Nordindien sind jetzt schon dramatisch - und die Häufigkeit der Extremtemperaturen nimmt zu.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie sind nur ungefähr ein Dutzend, aber sie geben nicht auf. Das Feuer sei ganz schwer zu löschen, sagt ein Feuerwehrmann am Schlauch. Sie füllten jetzt schon das zweite Mal Wasser nach.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Ein riesiger Müllberg im Norden von Delhi. Er hat schon vor Tagen angefangen zu brennen, wegen der extremen Hitze. Die Feuerwehr versucht mit Wasser zu löschen, aber viel ausrichten kann sie nicht. Es sind ohnehin nur drei Löschfahrzeuge - viel zu wenige für die zahllosen Brandherde. Der Feuerwehrmann Kuldeep steht an einem der Fahrzeuge, steuert die Wasserzufuhr. Er ist wütend auf die Stadtregierung.

Hitze und Gestank

Es dauere viel zu lange, beklagt er. Die Feuerwehr von Delhi arbeite nicht richtig. Man habe zwar Roboter, aber sie würden nicht hierher gebracht. Die könnten das Feuer schnell löschen. Es scheine, als ob Chief Minister Kejriwal keine Erlaubnis gibt. "Wie sollen wir dann das Feuer löschen? Wäre der Roboter gekommen, wäre das Feuer schon vorgestern unter Kontrolle gewesen", so Kuldeep.

Lange hält man es hier nicht aus. Es herrscht eine unvorstellbare Gluthitze, hier in unmittelbarer Nähe des Müllbergs. Und es stinkt ganz furchtbar: süßlich, chemisch, giftig. Kuldeep und seine Kollegen tragen sandfarbene Schutzanzüge und Helme, darunter muss es noch heißer sein. Kuldeep hat Glück, dass er unten bleiben kann. Einer seiner Kollegen steht mit dem Schlauch weiter oben in dem stinkenden, glühend heißen Müllberg.

Warnstufe Orange

"Es ist offiziell", berichtet der Nachrichtensender India Today, dies sei in Indien der heißeste Sommer aller Zeiten. Indien erlebe seinen grausamsten Sommer mit der schlimmsten Hitzewelle.

Die Meteorologin Jayati Singh erklärt am Bildschirm, welche Regionen es am meisten trifft. Im gesamten Nordwesten Indiens herrsche die Warnstufe Orange - auch in Zentralindien, Teilen von Ostindien und des Bundesstaats Gujarat. Es sei eine Hitzewelle für die nächsten fünf Tage angekündigt. Die Hitze habe dieses Jahr ungewöhnlich früh angefangen, sagt ihr Kollege Rajendra Jenamani.

Nicht die erste Hitzewelle dieses Jahr

Diese Hitzewelle, die noch stärker geworden ist, ist eigentlich schon die dritte dieses Jahr. Ende März bis Mitte April gab es eine sehr lange Periode, danach noch eine kurze. Diese Hitzewelle hat vor zwei, drei Tagen begonnen, erst in Ostindien, und seit gestern sind der Nordwesten und Zentralindien betroffen. Diese Hitzewelle wird wohl auch am 1. oder 2. Mai anhalten.

Die Folgen sind dramatisch: Die Infrastruktur ist extrem belastet, mancherorts wird das Wasser knapp, und die Stromnetze brechen in manchen Orten regelmäßig zusammen. Strom kommt vor allem aus Kohlekraftwerken, und gerade denen geht nun die Kohle aus.

Neu-Delhi droht zu kollabieren

Zwei für Neu-Delhi wichtige Kraftwerke hätten noch für ein, zwei Tage Kohle, warnte die Regionalregierung - und forderte Unterstützung von der Zentralregierung. Sonst könne die U-Bahn in der 20-Millionen-Stadt nicht mehr arbeiten und auch Krankenhäuser seien gefährdet. Um den Kohlemangel in den Griff zu bekommen, werden jetzt Personenzüge aus dem Fahrplan genommen, um Güterzügen Platz zu machen, die Kohle quer durchs Land transportieren.

Schlimm hat es auch die Landwirtschaft getroffen. Denn die Hitzewelle wird auch von einem Regenmangel begleitet. In manchen Regionen Nordindiens gab es in den vergangenen Wochen 80 Prozent weniger Niederschlag als in den Vorjahren.

Auch die Landwirtschaft leidet

Der Bauer Suresh Singh ist ratlos. Wegen der Hitzewelle habe die Ernte gelitten, berichtet er. Durch den plötzlichen Temperaturanstieg sei der Wasserspiegel gesunken. Die große Hitze habe seinen Ernteertrag um die Hälfte dezimiert.

Sein Neffe Satbir macht den Klimawandel für die große Dürre verantwortlich. Das größte Problem des Klimawandels sei, dass man demnächst nicht mehr in der Lage sein werde, Landwirtschaft zu betreiben. Der Wasserspiegel sinke immer weiter. Die meisten Wasserquellen des Dorfes seien bereits versiegt, so Satbir.

Die Häufigkeit nimmt zu

Früher habe es solche Hitzewellen alle 50 Jahre gegeben, nun gebe es sie alle vier Jahre, sagt eine Forscherin. Doch diskutiert wird verhältnismäßig wenig darüber in diesen Tagen. Premier Narendra Modi hatte vergangenes Jahr beim Glasgower Klimagipfel gesagt, die Klimaneutralität sei für Indien erst 2070 zu erreichen - und damit 20 Jahre später als vorgesehen. Denn Indien brauche Energie zum Wachstum und dafür, seine Menschen zu ernähren. Und diese Energie kommt derzeit noch hauptsächlich aus der Kohle.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. April 2022 um 15:22 Uhr und 19:48 Uhr.