Olympische Spiele in Sotschi 2014
FAQ

IAAF-Entscheidung Schlussakt im russischen Doping-Skandal

Stand: 17.06.2016 05:02 Uhr

Es ist eine sporthistorische Entscheidung: Dürfen russische Leichtathleten trotz des Dopingskandals zu Olympia? Um diese Frage geht es heute in Wien. tagesschau.de präsentiert die wichtigsten Fakten und wagt einen Ausblick.

Von Florian Pretz, tagesschau.de

Worum geht es?

Der Internationale Leichtathletikverband IAAF entscheidet, ob die derzeitige Sperre aller russischen Leichtathleten aufgehoben wird oder nicht. Die Sportler sind seit November von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Nun geht es um ihre Olympia-Teilnahme. In London 2012 holten russische Leichtathleten alleine acht Goldmedaillen. Für das Land geht es also um eine Menge Prestige.

Wie lauten die Vorwürfe?

Im Dezember 2014 enthüllte die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping", dass russische Athleten systematisch gedopt wurden. Den Vorwürfen des Filmemachers Hajo Seppelt ging die Welt-Anti-Doping-Kommission (WADA) nach.

Das Ergebnis: Die WADA bestätigte das systematische Doping. In einem 323-seitigen Report vom November 2015 zeigte Chefermittler Richard Pound, dass Doping und Bestechung im russischen Spitzensport bis in die höchsten Führungszirkel hinein bekannt waren. Im Moskauer Anti-Doping-Labor wurden mindestens 1400 verdächtige Proben vernichtet.

Blut-Proben in einem Anti-Doping-Labor der IAAF

Dank neuer Methoden können verbotene Substanzen auch in Proben aus früheren Jahren nachgewiesen werden.

Weitere Berichte der WADA folgten: Zwei Tage vor der Entscheidung über den Olympia-Ausschluss erhoben die Ermittler neue Vorwürfe. Demnach konnten in den vergangenen Monaten insgesamt 736 geplante Dopingkontrollen nicht durchgeführt werden. Athleten und sogar Geheimdienstmitarbeiter behinderten die Arbeit der Kontrolleure. Eine weitere ARD-Doku brachte ans Licht: Bekannte Strippenzieher im russischen Doping-System wie Geher-Coach Viktor Tschegin sind offenbar weiter im Einsatz. Trotz gegenteiliger Beteuerungen von russischer Seite.

Was unterscheidet das russische Doping-System von früheren Fällen?

Systematisches Doping gab es auch schon in der Vergangenheit: In den 1970er- und 1980er-Jahren nahmen etwa viele DDR-Sportler leistungssteigernde Mittel. Diese Manipulationen mit teilweise massiven Gesundheitsschäden bei den Athleten waren staatlich organisiert.

Gerd Bonk im Jahr 1976

Der Gewichtheber Gerd Bonk gilt als eines der prominentesten Opfer des DDR-Staatsdopings. Er starb 2014.

Anders gelagert war der Dopingskandal im Radsport. Hier manipulierte nicht ein Land, sondern praktisch eine ganze Sportart. Ex-Sportler berichteten von flächendeckendem Doping in den 1990er-Jahren.

Neu wäre eine kollektive Dopingsperre für alle Athleten eines Landes in einer Sportart nicht. Im November 2015 entschied der Gewichtheber-Weltverband IWF, Bulgarien wegen zahlreicher Doping-Fälle von den Spielen in Rio auszuschließen.

Wer trifft die Entscheidung über eine Sperre?

Über eine Sperre der russischen Leichtathleten entscheidet der IAAF-Council. 27 Mitglieder sitzen in dem höchsten Gremium des Weltverbands der Leichtathleten. 25 nehmen an der Abstimmung im Ballsaal Quadrille des noblen Wiener Grand Hotels teil. Ob sie den Daumen heben oder senken - das machen sie vom Bericht einer von ihnen eingesetzten Task Force abhängig.

Wenn die Reformen in Russland aus ihrer Sicht ausreichend sind, können sie die Sperre aufheben. Doch spätestens seit den jüngsten WADA-Vorwürfen bestehen Zweifel am Reformwillen in Russland.

IAAF-Präsident Sebastian Coe

IAAF-Chef Sebastian Coe will um 17 Uhr die Entscheidung verkünden.

Bei der Wiener Entscheidung steht besonders IAAF-Präsident Sebastian Coe im Fokus. Der ehemalige Sportler führt den Verband erst seit wenigen Monaten. Eine "big decision" nannte der Brite seine erste Bewährungsprobe. Wie ernst meint es die IAAF mit dem Kampf gegen Doping? Die Frage ist umso brisanter, als dass interne Dokumente aus der IAAF-Zentrale, die der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurden, zeigen: Der Weltverband wusste seit 2009 vom massiven Doping in Russland.

Würde eine Sperre das endgültige Olympia-Aus bedeuten?

Nein. Ein Olympia-Ausschluss kann nur vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) beschlossen werden. Sollte die IAAF Russland jedoch weiterhin sperren, müsste das IOC eigentlich folgen. IOC-Chef Thomas Bach hat angekündigt, dass die Entscheidung über ein Startrecht russischer Leichtathleten bei Olympia in der Hand des Weltverbandes IAAF liege. Das ist deshalb interessant, weil Bach seit Jahren als enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt.

Über einen Umweg für russische Leichtathleten zu Olympia wird bereits spekuliert: Nachweislich saubere Sportler könnten in Rio unter olympischer Flagge starten. Diesen Weg hält etwa David Müller von NADA Austria für möglich: "Eine Kollektivstrafe ist problematisch", sagte er tagesschau.de.

Das wäre eine "inakzeptable Lösung", meint der renommierte Sportjournalist Jens Weinreich. Unwahrscheinlich sei sie jedoch nicht, weil Bach "zu sehr mit Putin verbandelt ist und ihn immer verteidigt hat", meint Weinreich gegenüber tagesschau.de.

Könnte man nachweislich saubere russische Sportler nicht trotzdem bei Olympia starten lassen?

Könnte man natürlich. Doch die Differenzierung zwischen "sauber" und "gedopt" ist schwer. Weil sich die Vorwürfe auch gegen das russische Anti-Doping-Labor richten, ist fraglich, wie aussagekräftig negative Proben der Vergangenheit wirklich sind.

Darauf weist auch Clemens Prokop, Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hin: "Nach den bekannten Fakten über die Wirkung entfaltet Doping seinen größten Nutzen, wenn es in den Zeiten der höchsten Trainingsbelastung genommen wird, im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 also im Herbst 2015 und im Frühjahr 2016", erklärte Prokop. Nur wenn in diesen Zeiträumen vergleichbare Kontrollbedingungen bestanden hätten, bestünde in Rio auch Chancengleichheit im Wettkampf.

Auch die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) warnt: "Jetzt Leichtathleten im Schnellverfahren noch zu kontrollieren, bringt nichts", erklärte NADA-Vorstand Lars Mortsiefer. "Die Hochdopingphase ist längst vorbei."

Was würde ein Olympia-Ausschluss der Russen bedeuten?

Auf jeden Fall Klagen russischer Athleten. Denn schon vor der IAAF-Entscheidung haben Sportler wie die Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa angekündigt, notfalls vor Gericht eine Olympia-Teilnahme zu erstreiten. "Seit 20 Jahren sind meine Dopingproben negativ, und jetzt soll ich wegen der Verstöße anderer gesperrt werden", kritisierte Issinbajewa. Dabei werde auch im Westen gedopt, sagte die 34-Jährige und nannte unter anderem Deutschland und die USA.

Jelena Issinbajewa nach ihrem gescheiterten Versuch über 4,80 Meter

Jelena Issinbajewa will in Rio ihre dritte Goldmedaille holen.

In einem offenen Brief an das IOC forderten russische Sportler ihre Starterlaubnis: "Es wäre unfair, wenn saubere russische Athleten von den Olympischen Spielen ausgeschlossen würden, während manche Athleten aus anderen Ländern mit einer Doping-Vergangenheit ohne Beschränkung teilnehmen könnten", heißt es in dem Brief, den mehrere russische Olympiasieger unterzeichneten.

Ausblick: Wie entscheidet die IAAF?

Im für Russland besten Fall gibt es eine letzte Gnadenfrist bis zur EM in Amsterdam Anfang Juli. Das wahrscheinlichste Szenario ist aber: Die IAAF teilt mit, dass die Russen auf unbestimmte Zeit suspendiert bleiben. Das hält auch Sportjournalist Weinreich für wahrscheinlich. "Alles andere, als eine Verlängerung der Sperre würde den Fakten nicht gerecht werden", sagt er im tagesschau.de-Interview.

"Wenn die Beweiswürdigung präzise erfolgt ist, halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass die IAAF den russischen Leichtathleten den Olympiastart gestattet", sagt ARD-Doping-Experte Seppelt. Sauberen russischen Athleten rät er, sich bei ihrem Verband zu beschweren.

Auch in Russland rechnet man mit einer Sperre: "Das schlimmste Szenario ist leider denkbar", räumte der russische Sportminister Witali Mutko ein. Allerdings hält er einen kollektiven Olympia-Ausschluss für "unfair und unverhältnismäßig".

Viele deutsche Leichtathleten sprechen sich für einen Ausschluss aus. Hammerwurf-Weltrekordlerin Betty Heidler forderte die Suspendierung des russischen Verbandes, "um die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik wieder herzustellen".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. Juni 2016 um 10:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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zoro1963 17.06.2016 • 12:23 Uhr

@DDG885

Eigentlich wollte ich auf Trolle nicht Antworten. Sie haben es immer noch nicht verstanden. Wenn jetzt Test stattfinden sind diese nutzlos. Diese hätten in den ersten drei Monaten diese Jahres stattfinden müssen. Da Russische Ahtleten schon länger von Wettbewerben ausgeschlossen sind und mit dem Risiko eines Ausschlusses Leben musten, hätten Sie im Ausland trainieren können, wo sie auch getestet würden. Das hätte den Verdacht des Dopings ausgeräumt.