Interview

Rettung einer Jugendfußballmannschaft aus Höhle | Bildquelle: AP

Höhle in Thailand "Tauchrettung wäre waghalsig"

Stand: 06.07.2018 18:01 Uhr

Wassermassen verhindern die schnelle Rettung von zwölf Jungen und ihrem Trainer aus einer Höhle in Thailand. Höhlenforscher Andreas Kücha erklärt im tagesschau.de-Interview, warum nur warten hilft.

tagesschau.de: Herr Kücha, Sie waren selbst schon in dieser Höhle in Thailand, in der die zwölf Jungen und ihr Fußballtrainer eingeschlossen sind. Sind Sie dort selbst auch getaucht?

Andreas Kücha: Eigentlich ist das keine Tauchhöhle, obwohl jeder meint, das sei eine Tauchhöhle. In der Trockenzeit kann man trockenen Fußes da hineinmarschieren.

Andreas Kücha | Bildquelle: Andreas Riedmiller
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Andreas Kücha gilt als einer der erfahrensten Höhlentauchforscher Deutschlands. Er hat viel zum Blauhöhlensystem in Baden-Württemberg geforscht und auch weltweit Höhlensysteme erkundet. Unter anderem war dazu er auf Hawaii, Kuba und in Thailand - dort auch in der Tham Luang-Höhle, in der die zwölf Jungen und ihr Trainer festsitzen.

tagesschau.de: Was ist für die Jungen und ihren Trainer zum Verhängnis geworden?

Kücha: Zum Verhängnis wurde ihnen, dass die Regenzeit begonnen hat und die Fußballmannschaft dort trotzdem reinmarschiert ist, mit dem Gedanken: Wir schauen nur mal kurz rein. Nach einem halben Kilometer kommen die ersten Stellen, wo man sich bücken muss. Da sind sie weitergegangen und dann muss von hinten diese Flutwelle gekommen sein. Nach draußen ging es nicht mehr. Also blieb nur noch die Flucht höhleneinwärts, um dort an Passagen zu kommen, die sich weit über dem Wasserspiegel befinden. Die hatten einfach Pech.

tagesschau.de: Warum ist es so schwer, die Kinder da wieder rauszuholen?

Kücha: In der Regenzeit kommen unvorstellbare Mengen von Wasser vom Himmel. Das fällt auf die Oberfläche, verschwindet in Schächten und Spalten und nimmt ganz viel Humus und Schlamm auf. Das Wasser wird kaffeebraun, man sieht nichts mehr unter Wasser. Stellen sie sich vor, sie gehen nachts in einen Baggersee, haben keine Lampe dabei und tauchen da unter Wasser. Da sehen sie nichts. Genau so ist die Situation dort. Und der zweite Punkt: Da ist eine starke Strömung. Es gibt enge Stellen in der Höhle, an denen sich diese ganzen Wassermassen sammeln, und da erhöht sich dann der Wasserdruck. Für Profis mag das Tauchen möglich sein. Rick Stanton, der die Kinder gefunden hat, war dafür auf jeden Fall der beste Mann. Aber das Militär setzt Navy-Seal-Taucher ein, die in meinen Augen nicht fürs Höhlentauchen ausgebildet sind.

tagesschau.de: Welches Vorgehen verspricht die besten Rettungschancen?

Kücha: Seit fast 40 Jahren mache ich Höhlenforschung. Meine Empfehlung ist: In der Ruhe liegt die Kraft. Die Kinder sind in meinen Augen da hinten in der Höhle sicher. Jetzt kommt zwar dieses Gerücht auf, dass der Sauerstoffgehalt nach unten gesunken ist. Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke, die Mutter Natur wird die Kinder wieder rausgeben, wenn man jetzt einfach abwartet. Das klingt jetzt makaber, aber spätestens im September, wenn die Regenzeit vorbei ist, fließt das Wasser ab und man kann die Kinder trockenen Fußes da rausholen.

tagesschau.de: Bis Ende September in der Höhle bleiben zu müssen, klingt nach einer schlimmen Situation.

Kücha: Das hört sich natürlich schlimm an, aber man muss auf die Kinder eingehen. Die brauchen Tagesaufgaben und einen Rhythmus, das kann man unter Tage schon gewährleisten. Die Versorgung durch Taucher wäre ja möglich. Man müsste den Kindern einfach gedanklich klar machen: "Wir kommen da wieder raus. Es dauert aber ein bisschen." Und man muss die Kinder aufpäppeln und stabilisieren.

Thailändische Jungs in der Höhle | Bildquelle: dpa
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Thailändische Jungs in der Höhle: Sie sind alle wohlauf.

Rettung einer Jugendfußballmannschaft aus Höhle | Bildquelle: AFP
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Angehörige der Jungs sind zu der Höhle gereist und warten auf die Rettung.

tagesschau.de: Taucher kommen ja zu den Kindern und ihrem Trainer rein. Warum ist es so schwierig, dass die Taucher sie auf dem Weg auch rausbringen?

Kücha: Diese Jugendlichen können nicht schwimmen und kennen sich mit dieser Materie überhaupt nicht aus. Und die sind jetzt schon bald zwei Wochen da drin. Deswegen ist diese Tauchrettung so extrem schwierig und in meinen Augen auch waghalsig. Und an erster Stelle steht die Sicherheit des Rettungstauchers, dann kommt erst das Kind. Sie müssen sich einmal vorstellen: Sie tauchen da in einem Wasser, in dem sie nichts sehen und das eine Strömung hat, und der Rettungstaucher muss das Kind am Arm festhalten. Aber das Kind kriegt dann Panik und schlägt wild um sich und gefährdet dann den Rettungstaucher. Es gab schon viele tödliche Unfälle, die genau durch solche Situationen bedingt wurden.

tagesschau.de: Welche Varianten außer einer Tauchrettung und Abwarten gibt es denn noch?

Kücha: Man spricht ja davon, dass man so eine Höhle anbohren könnte, dass man einen Schacht bohren könnte. Das halte ich für äußerst schwierig, weil das Gelände dort bergig ist. Da können sie nicht einfach einen Bohrer ansetzen und mehrere Hundert Meter tief bohren. Das halte ich für aussichtslos. Zweitens müsste man natürlich eine Punktlandung machen. Eine andere Möglichkeiten ist: Rettungskräfte und viele Leute versuchen ja, einen zweiten Zugang zu finden. Diese Möglichkeit besteht manchmal in großen Höhlensystemen wie diesem, dass es mehrere Eingänge gibt. Die Wahrscheinlichkeit ist aber relativ gering.

tagesschau.de: Was wäre das Schlimmste, was jetzt passieren könnte?

Kücha: Wenn das Militär in einer Hauruck-Aktion doch eine Tauchrettung umsetzen würde und da jemand zu Schaden kommen würde. Das wäre eine schlimme Sache. Ich plädiere dafür, die Ruhe zu bewahren.

Das Interview für tagesschau.de führte Julia Schumacher

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Juli 2018 um 17:00 Uhr.

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