Sonnenaufgang in Skala auf der griechischen Insel Lesbos.

Griechenland Inseln in der Krise

Stand: 04.10.2019 22:27 Uhr

Die griechischen Inseln in der Ägäis leben vom Tourismus. Doch mit der Flüchtlingskrise 2015 kam auch eine Tourismuskrise.

Von Ellen Trapp, ARD-Studio Athen

Hochbetrieb an griechischen Flughäfen: Koffer rollen, Gedrängel und Geschubse - der erste Eindruck: Griechenland mit seinen unzählig vielen Inseln ist immer eine Reise wert. Doch nicht alle Inseln verzeichnen einen Boom. Im Gegenteil, gerade die der Ägäis - dazu zählen Lesbos, Samos, Chios oder Kos - kämpfen um jeden Besucher, der sich von den dramatischen Bildern, die unter anderem vom Hotspot Moria auf Lesbos um die Welt gehen, nicht abschrecken lässt. Hier versuchen Flüchtlinge im vierten Jahr in Folge, die EU zu erreichen.

Früh am Morgen, um 7.30 Uhr, öffnet das erste Café in Skala, einem Dorf auf der Insel Lesbos. Ältere Herren treffen sich dort. Ihre erste Frage: War es ruhig vergangene Nacht oder war das Rettungsschiff draußen?

Skala ist ein kleiner idyllischer Ort, direkt am Meer, der Weg bis zur türkischen Küste ist von dort aus am Kürzesten. Nichtregierungsorganisationen (NGO) haben sich hier angesiedelt. Seit 2015 ist in dem Ort nie wieder Normalität eingekehrt. Damals haben die Einheimischen geholfen, wo sie nur konnten. Aber sie stoßen inzwischen eben auch an ihre Grenzen.

Die Insel lebt eigentlich vom Tourismus. Über Jahre hat er sich prächtig entwickelt, doch mit den Flüchtlingen kam die Krise. Niemand wollte hier mehr Ferien machen. Das hat sich jetzt wieder etwas erholt, aber richtig gut läuft es noch lange nicht.

Migranten im Lager Moria | Bildquelle: AFP
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Das Lager Moria auf der Insel Lesbos ist überfüllt - und es werden immer mehr Flüchtlinge dort untergebracht.

Direktverbindungen gestrichen

Weiter Richtung Norden auf Lesbos - nach Molivos: Hier lebte und arbeitete Karin Knörnschild aus Bad Kissingen in der Sommersaison. Sie war zwölf Jahre lang als Reiseleiterin auf Lesbos tätig. Sie liebt die Insel. Im September hat Knörnschild hier ihren Urlaub verbracht, denn sie weiß, wie wichtig es ist, dass Touristen im Sommer kommen. Das Saisongeschäft muss boomen, wovon sollen die Einwohner sonst leben? Aber: "Die Saison 2019 war schlecht", sagt Knörnschild.

Seit 2015 erlebt Lesbos eine Tourismuskrise. Die Germania-Pleite hat der Tourismusbranche neben der Flüchtlingskrise zusätzlich zugesetzt. Germania war die einzige Airline, die Lesbos noch direkt anflog. Immer mehr Fluggesellschaften strichen zudem ihre Direktverbindungen auf die Insel. Zwar baut Fraport gerade einen neuen Flughafen auf Lesbos, dennoch: Es muss sich was ändern in Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge. Auf Lesbos leben allein in Moria statt wie ursprünglich geplant 3000, mittlerweile 13.000 geflüchtete Menschen. Und es werden immer mehr. Sollte in naher Zukunft nichts passieren, nimmt man auch den Bewohnern ihre Lebensgrundlage, klagen hier viele.

Wenn Knörnschild hört, dass die Leute sagen, die Politiker ließen die Situation in Moria eskalieren, um Flüchtlinge auf türkischer Seite abzuschrecken, wird sie wütend. "Wo bleibt denn die Menschlichkeit - gegenüber Flüchtlingen und auch den Einheimischen auf den Inseln?" Hier im Norden von Lesbos kommen die Flüchtlinge nur an. Sie werden dann gleich Richtung Süden, in die Hauptstadt Mytilini gebracht. Doch dort bleiben viele von ihnen förmlich hängen.

Menschenunwürdige Bedingungen

Fast 80 Prozent derjenigen, die auf Lesbos sind, kommen aus Afghanistan. Mehrere Jahre ohne verdientes Geld, ohne Arbeit - sie leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Da wundern sich auch die Einheimischen nicht, dass manche der Flüchtlinge stehlen, Olivenbäume für Feuer schlagen oder die Zahl der Einbrüche steigt. Die Politik müsse doch was tun, heißt es in den Straßen von Mytilini. Europa zeige sich von seiner ekligsten Seite, das erlebten sie nicht zum ersten Mal. Wer könne, der schütze sich und sein Haus mit hohen Zäunen oder Gittern vor den Fenstern.

Ursula Hasenburg leitet den Milelja-Inselgarten auf Lesbos. Sie hat keine Einbußen zu verzeichnen, denn in ihr Seminarhaus kommen Gruppenleiter, die für Hasenburg fast Freunde sind - es besteht eine langjährige Verbindung. Aber gerade hatte sie eine Gruppe, die von Warnungen sprachen, die sie von Freunden und Familie bekommen hatten "Bist du verrückt? Du fährst auf diese Flüchtlingsinsel?" Die Folge: Nicht jeder möchte im nächsten Jahr wiederkommen und legt vielleicht dann doch einmal eine Pause ein.

Migranten aus Afghanistan kommen mit einem Schlauchboot auf der griechischen Insel Lesbos an. | Bildquelle: STRATIS BALASKAS/EPA-EFE/REX
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Migranten aus Afghanistan kommen mit einem Schlauchboot auf der griechischen Insel Lesbos an.

Gefährliche Überfahrt

Antonia Karpenstein hat gerade Urlaub auf Kos gemacht. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter wollte sie nur die Schönheit der griechischen Inseln genießen. Sie hatte sich im Vorfeld keine Gedanken gemacht, was passieren könnte. Auf Kos hatte sie das Gefühl, dass auf der Insel viele Urlauber sind, Flüchtlinge sind ihr bei den zahlreichen Ausflügen auf der Insel keine begegnet. Sie erzählt, dass sie geplant hatten, einen Tag mit der Fähre ins türkische Bodrum zu fahren. Am Ende haben sie den Ausflug nicht gemacht, aber sie beschreibt, wie ihr durch den Kopf ging: "Für uns kein Problem. Ticket kaufen und in 20 Minuten dort sein für einen netten Ausflug. Für andere Menschen ein tödliches Unterfangen mit der Aussicht auf Nichts."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Oktober 2019 um 06:13 Uhr.

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