Die "Scrap boys" suchen im Elektroschrott nach verwertbaren, Geld bringenden Metallen.

Elektroschrott in Ghana Die Gifthalde von Accra

Stand: 01.10.2019 16:10 Uhr

Agbogbloshie in Ghanas Hauptstadt Accra ist berüchtigt als "toxic city", giftige Stadt - wegen der riesigen illegalen Müllhalde. Dort sammelt sich seit Jahren Elektroschrott aus aller Welt. Die Deponie soll eigentlich geschlossen werden, doch das ist nicht so einfach.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Überall brennen Teile alter Elektrogeräte und anderer Abfälle: Kabel, Kühltruhen, Drucker, Computer, Autoreifen. In Agbogbloshie liegt die größte Müllhalde für Elektroschrott in Westafrika.

Kinder und Jugendliche schlachten oft den Schrott aus. Sie schmelzen Kabel und Platinen und verkaufen dann das Metall, dass darin verarbeitet ist: Kupfer, Aluminium, Zinn.

Peter, zwölf Jahre alt, verdient damit sein Geld. An guten Tagen bekommt er zwei Cedi für den Metallschrott, nicht einmal einen Euro. Peter zeigt seine Arme und Beine, von Glas und scharfen Metallkanten zerschnitten, die Wunden entzündet. Er klagt über Kopfschmerzen.

Vorwurf an Industrieländer

Wie giftig und krebserregend die Dämpfe tatsächlich sind, die er jeden Tag einatmet, weiß Peter überhaupt nicht. Der Umweltaktivist Mike Anane wirft den Industrieländern vor: Sie kippen hier ab, was sie selbst zuhause nicht haben wollen.

"Natürlich wissen sie, dass der Elektroschrott illegal hierher gebracht wird. Und sie sollten dagegen etwas unternehmen. Denn es ist ja nicht nur illegal und kriminell. Es ist auch unmoralisch, derart giftigen Abfall in ein anderes Land zu schicken. Umso mehr, weil ein Land wie Ghana weder die Einrichtungen noch die Kenntnisse hat, um Elektroschrott aus Industrieländern zu verarbeiten. Wenn Europa den Elektroschrott nicht haben will, dann sollte Ghana ihn auch nicht haben."

Aber Ghana hat diesen Schrott.  Die Verwaltung der Hauptstadt Accra würde die Deponie gerne schließen. Victor Kotey leitet die Abteilung für Abfallentsorgung im Großraum Accra. Er weiß: Verantwortungslose Geschäftemacher machen dicke Profite auf dem Rücken derjenigen, denen nichts anderes übrig bleibt, als im Müll von Agbogbloshie nach Verwertbarem zu suchen. Auf Kosten ihrer Gesundheit.

Deponie ist Arbeitsplatz

Aber das ist nur die eine Seite der Geschichte von Agbogbloshie. Die andere: Die Deponie ist für viele ein Arbeitsplatz. Gefährlich, gesundheitsschädlich - aber es ist ein Arbeitsplatz, sie verdienen hier mühsam Geld. 6.000 bis 10.000 Menschen arbeiten in diesem Geschäft mit Müll und Elektroschrott, so Schätzungen. Kotey von der Stadtverwaltung sieht das so: "Auch wenn das alles ohne Genehmigung läuft - diese Leute erbringen auch viele wichtige Dienstleistungen. In den Stadtteilen, in denen wir keinen Müll sammeln können - da gehen sie hin und sammeln." Sie füllten also gewissermaßen eine Lücke. Wenn die Stadt die Deponie Agbogbloshie schließe, müsste für diese Leute eine Alternative gefunden werden, so Kotey.

Rund um Agbogbloshie ist ein Netz von Geschäften gewachsen, in denen pfiffige Techniker den Elektroschrott ausschlachten. Und daraus neue Produkte bauen.

Unter dem Strich bleibt: Die wilde Elektroschrott-Deponie Agbogbloshie soll geschlossen werden. Aber niemand weiß, wie. Wer zahlt dafür, wer beseitigt die Schäden? Das Schicksal der Menschen, die von diesem Müllberg leben, ist ebenfalls ungeklärt. Deshalb passiert bisher nichts.  

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