Ein ukrainischer Panzer in Sjewjerodonezk | dpa

Ukraine-Krieg NATO stellt mehr schwere Waffen in Aussicht

Stand: 15.06.2022 13:11 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat erneut um moderne Raketenabwehrwaffen gebeten - mehrere NATO-Staaten sind zu einer Lieferung schwerer Waffen bereit. Russland hat einen zivilen Korridor aus dem belagerten Sjewjerodonezk zugesagt.

Staats- und Regierungschefs mehrerer NATO-Staaten haben der Ukraine eine weitere Lieferung schwerer Waffen in Aussicht gestellt. Partner und Verbündete der NATO würden dies nun forcieren, sagte deren Generalsekretär Jens Stoltenberg nach einem Treffen im Amtssitz des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte in Den Haag.

Nach der russischen Invasion in die Ukraine habe die Allianz zudem bereits ihre Fähigkeit ausgebaut, "jeden Zentimeter des NATO-Territoriums" zu verteidigen. Bei einem für Ende Juni geplanten NATO-Gipfel in Madrid werde man die nächsten Schritte ergreifen. Ins Detail ging Stoltenberg nicht.

Waffenlieferungen stehen auch im Mittelpunkt des Treffens der Ukraine-Kontaktgruppe am Nachmittag in Brüssel. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin hat die anderen NATO-Staaten sowie eine Reihe von Partnerländern ins Hauptquartier eingeladen. Auch Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht wird erwartet.

Morawiecki: Bisherige Unterstützung unzureichend

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki kritisierte den bisherigen Umfang der Unterstützung für die Ukraine. "Wir haben nicht genug getan, um die Ukraine zu verteidigen, um dem ukrainischen Volk zu helfen, seine Freiheit und Souveränität zu verteidigen", erklärte er. "Wo ist unsere Glaubwürdigkeit, wenn die Ukraine scheitert? Können wir uns vorstellen, dass die Ukraine scheitert und wir wieder zur normalen Tagesordnung zurückkehren? Ich hoffe nicht."

Die Ukraine forderte von ihren ausländischen Partnern erneut moderne Raketenabwehrwaffen an, um russische Angriffe aus der Distanz zurückschlagen zu können. Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte noch für diese Woche wichtige Gespräche über die Beschaffung solcher Systeme an. Er sagte nicht, mit wem er sprechen werde - es seien aber nicht nur europäische Politiker. "Wir wiederholen gegenüber unseren Partnern, dass die Ukraine moderne Raketenabwehrwaffen benötigt", sagte er.

Nach Angaben ihrer Militärführung hat die Ukraine aus dem Ausland bislang nur ein Zehntel der notwendigen Waffenhilfe bekommen. "Von dem, was die Ukraine gesagt hat, dass sie es braucht, haben wir bis heute etwa zehn Prozent", sagte Vizeverteidigungsministerin Hanna Maljar im ukrainischen Fernsehen. Russland sei an Rüstung und Zahl der Soldaten unendlich überlegen. "Egal wie die Ukraine sich anstrengt, egal wie professionell unsere Armee ist, ohne Hilfe von Partnern werden wir diesen Krieg nicht gewinnen können."

Kämpfe um Sjewjerodonezk gehen weiter

In der Ostukraine dauerten die erbitterten Kämpfe um die Großstadt Sjewjerodonezk an. Der Gouverneur der Region Luhansk, Sergij Hajdaj, schrieb im Messengerdienst Telegram: "Die Situation ist äußerst kompliziert. Ein Teil von Sjewjerodonezk wird von den Russen kontrolliert." Die russischen Soldaten könnten aber nicht ungehindert vorrücken, weil "immer noch" ukrainische Kämpfer in der Stadt seien.

Die Russen beschössen weiter Häuser und hätten erneut das Chemiewerk Azot angegriffen, sagte Hajdaj. "Der Gegner ist schwächer in den Straßenkämpfen, deshalb eröffnet er das Feuer aus Artillerie, wodurch unsere Häuser zerstört werden", sagte er. Auch in den umliegenden Ortschaften gebe es schwere Schäden. Vielerorts habe es zudem russische Luftschläge gegeben.

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste haben die Russen nach mehr als einem Monat erbitterter Gefechte den Großteil der ukrainischen Stadt Sjewjerodonezk unter ihre Kontrolle gebracht. Dabei seien durch heftigen Beschuss enorme Kollateralschäden verursacht worden, hieß es in der täglichen Lageeinschätzung des britischen Verteidigungsministeriums.

Evakuierung aus Chemiewerk offenbar gescheitert

Russland kündigte für Mittwoch die Schaffung eines "humanitären Korridors" an. Durch diesen sollen sich Zivilisten in Sicherheit bringen können, die im Chemiewerk Azot Zuflucht gesucht haben.

Pro-russische Separatisten machen allerdings das ukrainische Militär dafür verantwortlich, dass der humanitäre Korridor nicht zustande gekommen sei. Etwa 500 Menschen hätten das Azot-Werk nicht verlassen können. Hajdaj wollte diese Angaben gegenüber der Nachrichtenagentur AP nicht kommentieren, sagte aber, dass auch heute in der Stadt heftig gekämpft werde. Die Lage in Sjewjerodonezk verschlechtere sich immer weiter, weil die Russen über mehr Soldaten und Waffen verfügten, sagte er.

Der Fluchtweg sollte in nördlicher Richtung in die Stadt Swatowe führen, sagte General Michail Misinzew vom russischen Verteidigungsministerium. Swatowe liegt in der von prorussischen Separatisten kontrollierten und von Russland als Staat anerkannten Volksrepublik Luhansk. Moskau lehnte den ukrainischen Vorschlag ab, die Menschen auf von Kiew kontrolliertes Gebiet fliehen zu lassen. Die Ukraine wolle nur ihre Bewaffneten aus Sjewjerodonezk herausschleusen wie zuletzt beim Stahlwerk Asowstal in der Hafenstadt Mariupol, sagte Misinzew. Er forderte die ukrainischen Soldaten auf, sich zu ergeben.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/14.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/14.06.2022

Selenskyj rief dagegen angesichts der verlustreichen Abwehrschlacht im Osten seine Truppen zum Durchhalten auf. "Das ist unser Staat. Dort im Donbass durchzuhalten ist lebenswichtig", sagte er. "Es gibt Verluste, und sie sind schmerzhaft." Doch an der Front im Osten entscheide sich, welche Seite in den kommenden Wochen dominieren werde.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

In der westukrainischen Region Lwiw zerstörten nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau russische Truppen ein Waffenlager. Dort seien von NATO-Staaten gelieferte Rüstungsgüter untergebracht gewesen. Zum Teil habe es sich um Munition für US-Haubitzen vom Typ M777 gehandelt.

Absage an mögliches neues Minsker Abkommen

Der ukrainische Präsidentenberater Oleksiy Arestovych wies unterdessen einen möglichen Friedensplan nach dem Vorbild der Minsker Vereinbarung zur Befriedung der Ost-Ukraine zurück. "Ich fürchte, sie werden versuchen, ein Minsk III zu erreichen. Sie werden sagen, dass wir den Krieg beenden müssen, der Ernährungsprobleme und wirtschaftliche Probleme verursacht, dass Russen und Ukrainer sterben, dass wir das Gesicht von Herrn Putin wahren müssen, dass die Russen Fehler gemacht haben, dass wir ihnen verzeihen müssen und ihnen eine Chance geben müssen, in die Weltgesellschaft zurückzukehren", sagt Arestovych der "Bild". Das sei ein Problem für die Ukraine. Putin habe Menschen in Butscha getötet "und der Westen sagt, wir sollten sein Gesicht wahren."

Das Minsker Friedensabkommen wurde 2015 in der Hauptstadt von Belarus im sogenannten Normandie-Format von Russland, Ukraine, Frankreich und Deutschland unterzeichnet. Im Wesentlichen ging es darum, den Bürgerkrieg in Luhansk und Donezk zu beenden. Die Ukraine und Russland werfen sich gegenseitig vor, das Abkommen nicht zu respektieren.