Russische Panzer mit dem sogenannten Z-Sybmol bemalt | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Krieg gegen die Ukraine Moldaus Sorge nach Äußerungen in Moskau

Stand: 23.04.2022 09:25 Uhr

Nach den Äußerungen eines russischen Kommandeurs zu Moskaus Ambitionen in der Ukraine wächst die Sorge in der Republik Moldau. In Chisinau muss sich nun der russische Botschafter erklären. Aus Mariupol gibt es Berichte über ein neues Massengrab.

Die Andeutungen eines hochrangigen russischen Militärkommandeurs, dass die russischen Truppen bis an die südwestliche Grenze der Ukraine vorstoßen wollten, hat die Regierung der Republik Moldau auf den Plan gerufen. Als erste Reaktion bestellte das Außenministerium in Chisinau den russischen Botschafter ein. Man wolle seine "tiefe Besorgnis" über die Äußerungen von Rustam Minnekajew zum Ausdruck zu bringen, teilte das Außenministerium auf seiner Internetseite mit.

Minnekajew war von russischen staatlichen Nachrichtenagenturen mit den Worten zitiert worden, die vollständige Kontrolle über die Südukraine würde ihm Zugang zu Transnistrien verschaffen, einem abtrünnigen, von Russland besetzten Teil Moldaus im Westen. Das würde die gesamte Küstenlinie der Ukraine abschneiden und dazu führen, dass russische Streitkräfte Hunderte von Kilometern weiter nach Westen vordringen, vorbei an den großen ukrainischen Küstenstädten Mykolajiw und Odessa.

Die Erklärung war eine der ausführlichsten zu Moskaus Ambitionen in der Ukraine und deutet an, dass Russland nicht plant, seine Offensive dort in absehbarer Zeit einzustellen. Minnekajew hatte in den russischen Medien zudem gesagt, in Moldau werde die russischsprachige Bevölkerung unterdrückt - eine Argumentation, die der Kreml auch als Rechtfertigung für die Invasion in der Ukraine anbringt.

Die Aussagen Minnekajews seien unbegründet, erklärte das Außenministerium in Chisinau. "Moldau ist ein neutraler Staat, und dieser Grundsatz muss von allen internationalen Akteuren, einschließlich der Russischen Föderation, respektiert werden."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/21.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/21.04.2022

"Wer wird als nächstes kommen?"

Der ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyj warnte davor, dass Russlands Invasion in der Ukraine nur der Anfang sei und dass Moskau Pläne habe, andere Länder zu erobern. "Alle Nationen, die wie wir an den Sieg des Lebens über den Tod glauben, müssen mit uns kämpfen. Sie müssen uns helfen, denn wir sind die Ersten in der Reihe. Und wer wird als nächstes kommen?" sagte Selenskyj am späten Freitag in einer Videoansprache.

Das Verteidigungsministerium der Ukraine sagte, Minnekajews Äußerungen zeigten, dass Russland seine Absichten nicht länger verheimliche. Moskau, hieß es auf Twitter, habe nun "anerkannt, dass das Ziel der 'zweiten Phase' des Krieges nicht der Sieg über die mythischen Nazis ist, sondern einfach die Besetzung der Ost- und Südukraine."

Russland nennt die Invasion in der Ukraine eine "spezielle Militäroperation" mit dem Ziel, das Land zu entmilitarisieren und die Bevölkerung von gefährlichen Nationalisten zu befreien. Die Ukraine und ihre westlichen Verbündeten sprechen von einem ungerechtfertigten Angriffskrieg.

Angriffe im Donbass

Die russischen Truppen führen ihre Angriffe im Donbass-Gebiet laut ukrainischen Angaben unvermindert fort. "In Richtung Donezk führt der Feind Angriffshandlungen entlang der gesamten Frontlinie durch", teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht am Morgen mit. Die stärksten russischen Angriffe zielen demnach auf die Großstadt Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk. Daneben berichtet der Generalstab von anhaltenden Sturmversuchen in Rubischne, Popasna und Marjinka. Die Angriffe seien abgewehrt worden. Nördlich davon versuchten die russischen Truppen bei der Stadt Isjum im Gebiet Charkiw weiter nach Süden vorzustoßen, um die ukrainischen Truppen einzukesseln.

Nach ukrainischen Angaben ist an den Angriffen auch die russische 64. motorisierte Schützenbrigade beteiligt, die in der Kiewer Vorstadt Butscha im Einsatz war. Bilder von Hunderten getöteten Zivilisten dort hatten weltweit Entsetzen ausgelöst. Kiew hatte den russischen Soldaten daher Kriegsverbrechen vorgeworfen, Moskau bestreitet, etwas mit den Gräueltaten zu tun zu haben. Russlands Präsident Wladimir Putin zeichnete die Brigade aus.

An den südlichen Frontabschnitten verstärken die Russen demnach ebenfalls den Druck. Während es in Mariupol keine Lageveränderungen gibt, sollen die russischen Truppen im Gebiet Saporischja um Kämpfer der Söldnereinheit Wagner verstärkt worden sein. Kiew spricht von etwa 200 Wagner-Kämpfern. Unabhängig konnten die Berichte nicht überprüft werden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Möglicherweise weiteres Massengrab entdeckt

Die Lage in der von russischen Truppen besetzten und weitgehend zerstörten Hafenstadt Mariupol ist derweil weiter kritisch. Im Laufe des Tages soll ein neuer Evakuierungsversuch gestartet werden. Die Busse in die von der Ukraine kontrollierte Großstadt Saporischschja seien für Frauen, Kinder und Alte gedacht, teilte der Stadtrat mit. In den vergangenen Tagen gab es immer wieder Versuche, Zivilisten aus der Stadt zu evakuieren. Allerdings scheiterten diese Bemühungen mehrfach. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig vor, für das Scheitern verantwortlich zu sein.

Unweit von Mariupol deuten Satellitenbilder auf ein mögliches weiteres Massengrab hin. "Dieses Mal im linksufrigen Stadtbezirk beim Friedhof von Wynohradne", teilte der Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko im Nachrichtendienst Telegram mit. Die Besatzungskräfte würden so versuchen, Kriegsverbrechen zu verschleiern.

Die vom US-Satellitenfotodienst Maxar verbreiteten Aufnahmen aus dem Zeitraum vom 22. März bis 15. April sollen einen Friedhof bei Wynohradne vor, während und nach einer Erweiterung der Gräber zeigen. Wynohradne befindet sich am Ostrand der Hafenstadt am Asowschen Meer.

Am Vortag hatten ukrainische Behördenvertreter, gestützt auf Satellitenbilder, bereits ein mögliches Massengrab in Manhusch circa 15 Kilometer westlich des Stadtrands vermutet. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Stadtverwaltung: Mindestens 20.000 getötete Einwohner

Bereits kurz nach der kompletten Einschließung von Mariupol durch russische Truppen Anfang März waren mehrere Fotos mit Toten in Massengräbern mutmaßlich aus Mariupol aufgetaucht. Vertreter der ukrainischen Stadtverwaltung gehen infolge der schweren Kämpfe und Bombardierungen von mindestens 20.000 getöteten Einwohnern aus.

Die Großstadt hatte vor dem Beginn des russischen Angriffskrieges vor knapp zwei Monaten rund 440.000 Einwohner. Jetzt sollen sich noch mehr als 100.000 in der zu großen Teilen zerstörten Stadt aufhalten. Russland hat Mariupol trotz ukrainischen Widerstands um das Stahlwerk Asowstal für komplett erobert erklärt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. April 2022 um 09:40 Uhr.