Die Einsatzkräfte kümmern sich um ein Feuer in der Nähe brennender Trümmer, nachdem im Dorf Bilogriwka ein Schulgebäude durch Beschuss getroffen worden war. | via REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Bis zu 60 Tote nach Angriff auf Schule befürchtet

Stand: 08.05.2022 09:39 Uhr

Nach einem Luftangriff auf eine Schule im Gebiet Luhansk sprechen örtliche Behörden von bis zu 60 Toten. Im Donbass kann die russische Armee offenbar Geländegewinne verzeichnen, aus dem belagerten Asowstal-Werk kommt ein Hilferuf.

Nach einem russischen Luftangriff auf eine Schule im Gebiet Luhansk befürchten die ukrainischen Behörden viele Tote - von möglicherweise bis zu 60 Toten ist die Rede. In dem Schulgebäude in Bilohoriwka hatten 90 Menschen vor den Angriffen Schutz gesucht. Durch den Bombenabwurf am Samstagnachmittag brach ein Feuer aus und das Gebäude stürzte zusammen.

Bisher seien zwei Leichen geborgen worden, teilte der Gouverneur der Region Serhij Hajdaj auf seinem Telegram-Kanal mit. 30 Menschen konnten die Einsatzkräfte demnach retten - sieben davon waren verletzt. "Wahrscheinlich sind alle 60 Menschen, die noch unter den Trümmern des Gebäudes liegen, tot", schrieb der Gouverneur weiter. Bilohoriwka ist eine städtische Siedlung etwa zehn Kilometer westlich von Lyssytschansk. Die Ortschaft ist schwer umkämpft.

Alarm auch in Lwiw und Kiew

In der Nacht ist in weiten Teilen der Ukraine Luftalarm ausgelöst worden. Betroffen waren nach Angaben der Agentur Unian die Hauptstadt Kiew und ihr Umland, aber auch Lwiw im Westen, Charkiw und Donezk im Osten, Odessa im Süden und andere Gebiete des Landes.

In Odessa waren nach Berichten von vor Ort Explosionen zu hören. Dabei blieb zunächst unklar, ob es sich um russische Raketentreffer handelte oder um Abwehrfeuer der ukrainischen Luftverteidigung. Auch in der Stadt Mykolajiw im Süden gab es Explosionen.

Russische Bodenangriffe im Donbass

Nach mehreren Tagen ohne nennenswerte Fortschritte haben die russischen Truppen bei ihren Angriffen im Donbass-Gebiet nach ukrainischen Angaben nun wieder Geländegewinne erzielt. "In Richtung Liman hat der Feind durch Angriffe den Nordrand von Schandrigolowe erobert", teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht mit. Schandrigolowe liegt rund 20 Kilometer nördlich der Großstadt Slowjansk, die Teilziel der russischen Operation im Donbass ist.

Darüber hinaus griffen die russischen Truppen weiterhin auch in Richtung Sjewjerodonezk, Popasna, und Awdijiwka an. "In Richtung Kurachowe versucht der Feind seine Offensive auf Nowomychajliwka mit Unterstützung der Artillerie wieder aufzunehmen", hieß es. Insgesamt spricht die ukrainische Militärführung von neun abgewehrten russischen Angriffen. Dabei seien unter anderem ein Hubschrauber vom Typ Mi-28, 19 Panzer und 20 gepanzerte Militärfahrzeuge abgeschossen worden.

In die Defensive seien die russischen Streitkräfte demnach im Norden des Gebiets Charkiw geraten. Dort habe "der Gegner seine Anstrengungen darauf konzentriert, den Vormarsch unserer Truppen in Richtung Grenze nördlich und nordöstlich von Charkiw zu stoppen", teilte der Generalstab mit.

Panzerartillerie des Typs "2S1 Gvozdika" der ukrainischen Armee in der Nähe von Charkiw, Ukraine. | REUTERS

"2S1 Gvozdika" in der Nähe von Charkiw: Im Osten der Ukraine können die ukrainischen Streitkräfte nach eigenen Angaben den Vormarsch der russischen Truppen bremsen. Bild: REUTERS

Kadyrow: Ostukrainische Stadt Poposna eingenommen

Nach Angaben des Machthabers der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, fiel inzwischen die ostukrainische Stadt Popasna in der Region Luhansk. "Kämpfer der tschetschenischen Spezialeinheiten haben den größten Teil von Popasna unter Kontrolle gebracht", schrieb er bei Telegram. Die zentralen Bezirke seien geräumt.

Die Ukraine meldete hingegen, dass die schweren Kämpfe um die Stadt weiter andauern. "Russische Propagandisten haben freudig berichtet, dass sie die Stadt bereits eingenommen haben, aber das ist nicht ganz richtig. Dies ist die 117. 'Einnahme von Popasna', die sie allein in dieser Woche behauptet haben", teilte ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit. Die tschetschenischen Truppen würden nicht kämpfen, sondern plündern und Videos aufnehmen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ukraine setzt auf Rückeroberung von Cherson

Die ukrainische Führung setzt unterdessen auf eine Rückeroberung der von russischen Truppen besetzten Stadt Cherson im Süden des Landes. "Es wird keine Volksrepublik Cherson geben", sagte Mychajlo Podoljak, Berater von Präsident Selenskyj, im ukrainischen Radio. Das Gebiet werde vollständig befreit werden, was viele russische Soldaten das Leben kosten werde, so Podoljak.

Er reagierte damit auf Äußerungen Moskauer Politiker und der Besatzungsmacht, die Cherson für russisch erklären wollen. "Russland ist für immer hier", hatte der Generalsekretär der Kremlpartei Geeintes Russland, Andrej Turtschak gesagt. Auch sollen in Cherson russische Pässe ausgegeben und der Rubel soll einziges Zahlungsmittel werden. Dies wäre eine Entwicklung wie in den 2014 begründeten Volksrepubliken der prorussischen Separatisten in Donezk und Luhansk in der Ostukraine.

Asowstal-Kämpfer senden Hilferuf

Nach der Evakuierung der letzten Zivilisten aus dem belagerten Asow-Stahlwerk in Mariupol befürchtet Kiew nun gnadenlose Kämpfe zwischen den eingeschlossenen ukrainischen Soldaten und russischen Truppen. Mit Luft- und Artillerieunterstützung setzen die russischen Truppen nach ukrainischen Angaben dort ihre Sturmversuche fort.

Die ukrainischen Kämpfer sendeten einen eindringlichen Hilferuf aus dem Industriekomplex. Er könne nur noch auf ein Wunder hoffen, schrieb der Kommandeur der 36. Marineinfanteriebrigade, Serhij Wolynskyj, bei Facebook. "Darauf, dass höhere Kräfte eine Lösung für unsere Rettung finden!"

"In irgendeiner höllischen Reality-Show gelandet"

Mariupol ist seit Wochen praktisch vollständig unter russischer Kontrolle. Ukrainische Truppen sind rund 100 Kilometer entfernt und nicht in der Lage, den verbliebenen Soldaten in der zu großen Teilen zerstörten Stadt zu helfen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte Verhandlungen über eine Evakuierung von Verwundeten, Medizinern sowie der verbliebenen Soldaten an. Moskau hat jedoch mehrfach angekündigt, die ukrainischen Kämpfer selbst im Falle einer Kapitulation in Gefangenschaft nehmen zu wollen.

Übereinstimmenden Angaben aus Kiew und Moskau zufolge wurden die letzten Frauen und Kinder sowie ältere Zivilisten vom Werksgelände in Sicherheit gebracht. Im Zuge der Evakuierung seien drei ukrainische Soldaten getötet und sechs verwundet worden, schrieb Wolynskyj. "Es scheint so, als ob ich in irgendeiner höllischen Reality-Show gelandet bin, in der wir Militärs um unser Leben kämpfen, und die ganze Welt schaut dem interessanten Stück zu."

Kiew bittet Ärzte ohne Grenzen um Asow-Evakuierung

Die Ukraine bat die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), die im Asow-Stahlwerk Soldaten zu evakuieren und medizinisch zu versorgen. Wie Kiew mitteilte, schrieb die stellvertretende Regierungschefin Iryna Wereschtschuk einen entsprechenden Brief an die MSF-Führung.

Die Verteidiger des riesigen Industriekomplexes befänden sich seit 72 Tagen "unter den ständigen Bombardierungen und Angriffen der russischen Armee" und aus "Mangel an Medikamenten, Wasser und Nahrung sterben die verwundeten Soldaten an Wundbrand und Blutvergiftung", hieß es in der vom Ministerium veröffentlichten Erklärung. Die Organisation solle den Soldaten helfen, deren "Menschenrechte von der Russischen Föderation verletzt werden".

Selenskyj: Das Böse ist nicht ein für alle Mal besiegt

In seiner allabendlichen Videoansprache beklagte Präsident Selenskyj die Zerstörung von Kulturgütern in der Ukraine durch russische Truppen. In dem seit zweieinhalb Monaten dauernden Angriffskrieg seien 200 Kulturerbestätten getroffen worden, sagte er. Als ein Beispiel nannte er den Raketentreffer auf das Museum des bedeutenden ukrainischen Dichters und Philosophen Hryhorij Skoworoda im Gebiet Charkiw. "Leider kehrt das Böse zurück, wenn Menschen die Rechte anderer Menschen missachten, das Gesetz missachten und die Kultur zerstören", sagte Selenskyj.

Deshalb verteidige die Ukraine ihr Volk, ihre Städte und ihre Museen gegen Russland. Dieser Tage gedenke die Welt des Sieges über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg. Doch das russische Vorgehen zeige, "dass es unmöglich ist, das Böse ein für alle Mal zu besiegen".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Mai 2022 um 09:59 Uhr.