Pflegerinnen mit Leihmütter-Babys in einem Keller in Kiew, in dem sie eine Not-Kinderstation eingerichtet haben | AP

Leihmütter-Babys in der Ukraine Im Krieg geboren, im Keller gestrandet

Stand: 11.04.2022 16:48 Uhr

Etwa 2000 Kinder jährlich werden in der Ukraine von Leihmüttern geboren. Im Krieg ist es für die ausländischen Eltern schwierig, die Babys abzuholen - und auch die Leihmütter stehen vor komplizierten Fragen.

Von Mareike Aden, NDR, und Anastasiia Obratszova, Kiew

"Mein kleines Häschen! Ja, du bist mein kleines Häschen", flüstert Krankenschwester Swetlana einem Baby mit sanfter Stimme ins Ohr. In dem hellgefliesten Raum in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind mehrere Kinderwagen verteilt, Kinderbettchen stehen an der Wand. Fenster gibt es nicht. Sieben Babys, die meisten nur einige Wochen alt, gurren und krakeelen in diesen Kellerräumen. Aus Sicherheitsgründen soll der genaue Ort geheim bleiben. Ukrainische Frauen haben die Babys als Leihmütter ausgetragen. Die meisten Kinder sind nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine geboren worden. Ihre Eltern leben in China, Deutschland oder Italien - bisher hat der Krieg ihnen aber den Weg zu den Kindern versperrt. Ein Junge, den sie hier Valeriy nennen, kann schon seit einigen Monaten nicht von seinen chinesischen Eltern abgeholt werden: Erst kam die Corona-Krise, dann der Krieg.

Stattdessen kümmern sich zum Beispiel Krankenschwester Swetlana und Pflegerin Irina um die Kinder. Beide wollen nur ihre Vornamen veröffentlicht sehen. Seit Wochen sind die beiden rund um die Uhr bei den Babys, arbeiten mit anderen Pflegerinnen im Schichtdienst. "Wir versuchen ihnen die Wärme zu geben, die sie sonst von Mama und Papa bekommen würden“, sagt Swetlana. Sie und Irina entschieden sich gegen eine Flucht - auch, als es draußen Explosionen und Raketenalarm gab. "Meine Kolleginnen sind jünger und haben selbst kleine Kinder", sagt Swetlana, eine Frau in den Fünfzigern. "Würde ich mich nicht um die Babys kümmern, wer dann?"

"Ich hatte Angst, dem Kind zu schaden"

Zeitweise warteten allein in diesem Keller mehr als 20 Babys auf ihre Abholung - und die Leihmutter-Agentur betreibt noch einen weiteren Keller, um die Kinder in Sicherheit unterzubringen. Seit die russische Armee zumindest von Kiew abgerückt ist, schaffen jetzt immer mehr Eltern den Weg zu ihrem Kind und es kehrt wieder etwas Routine ein in der ukrainischen Leihmutter-Industrie.

In einer Kiewer Klinik stehen am gleichen Morgen Untersuchungen für Leihmütter an - zum zweiten Mal seit der russischen Invasion. Die Klinik gehört der Firma BioTexCom, der landesweit größten in der Branche. Gegen den Gründer Albert Totschilowskyj liefen in der Ukraine bereits Ermittlungen, unter anderem wegen Menschenhandel und Steuerhinterziehung. Die Geschäfte laufen jedoch seit Jahren gut.

An diesem Vormittag kommen mehr als ein Dutzend Frauen zur Ultraschalluntersuchung, darunter auch Anastasia. Ihren Nachnamen möchte sie nicht sagen, aber sie erzählt, dass sie zwei Kinder allein großziehe und als Friseurin arbeite. Mit dem Geld, das sie für die Leihmutterschaft für eine bulgarische Familie bekommt, möchte sie den Grundstein für eine Wohnung legen. Als sie von den ersten Tagen nach dem Angriff Russlands erzählt, fängt sie an zu weinen: "Meine Mutter wollte dauernd, dass wir fliehen. Aber ich hatte Angst, dem Kind zu schaden." Sie habe sich zu Hause sicherer gefühlt.

Einige Leihmütter flohen nach Polen

Schwanger zu sein im Krieg, und dann auch noch als Leihmutter, sei eine extreme Belastung, sagt auch eine Frau namens Irina. Sie trägt das Kind eines israelischen Paares aus - und geriet in Panik, als sie nach der Invasion für einige Tage niemanden von der Firma erreichen konnte. "Ich dachte: Was jetzt? Ich habe ja selbst zwei Kinder. Was mache ich mit einem dritten?", erzählt sie. "Man hatte uns auch gesagt, dass wir sie nicht behalten dürfen, dass wir uns sonst strafbar machen." Beide Frauen fragen sich: Wie wird die Lage sein, wenn in einigen Monaten die Geburt ansteht?

Jetzt, da die Panik der ersten Wochen verflogen sei, habe man alles unter Kontrolle, sagt der medizinische Direktor der Firma, Ihor Petschenocha - auch das Problem mit den zehn Leihmüttern, die nach Polen geflohen seien. Dort könnten sie ohnehin nicht bleiben, denn in Polen ist Leihmutterschaft verboten. "Ich habe ihr Versprechen, dass sie in der 28. Woche in die Ukraine zurückkehren", sagt er. Ab diesem Zeitpunkt könne ein zur Welt gebrachtes Kind lebensfähig sein.

Babys direkt am Bahnsteig übergeben

Nach Corona ist dies nun die zweite Krise für die Leihmutter-Industrie im Land: Zu Hochzeiten der Pandemie mussten etwa 100 Babys vorübergehend in einem Hotelzimmer betreut werden. "Damals gab es Quarantäne- und Einreise-Regeln, jetzt hält vor allem Angst die Eltern davon ab, hierher zu kommen", sagt Petschenocha. "Ich verneige mich vor allen, die trotz Beschuss und Luftalarm gekommen sind. Manche Babys haben wir am Bahnhof direkt am Bahnsteig übergeben."

Die ukrainischen Behörden haben die bürokratischen Abläufe vereinfacht, um die Abholung der Kinder zu erleichtern. Die Klinik prüft nun, ob sie aus der Ukraine weiterarbeiten kann oder zumindest einen Teil des Geschäfts in ein anderes Land verlegt.

Für die beiden Betreuerinnen Swetlana und Irina steht fest, dass sie weiter die Säuglinge im Keller betreuen werden - die, die da sind und all die, die noch geboren werden. Ganz gleich, wie der Krieg weitergeht.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Weltspiegel am 10. April 2022 um 18:30 Uhr.