Sergej Lawrow | AP

Russlands Außenminister Lawrow Diplomatie war gestern

Stand: 08.05.2022 08:54 Uhr

Kein Außenminister ist so lange im Amt wie Sergej Lawrow. Über Jahre galt er als harter, aber geschätzter Verhandler - doch dieses Renommee hat er zuletzt Schritt für Schritt verspielt.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

2005, das zeigt ein Blick ins Archiv des russischen Fernsehens, bewegte sich der russische Außenminister eindeutig auf der hellen Seite der Macht. Bei einem bunten Abend am Rande einer ASEAN-Tagung trat er als Jedi-Ritter auf: mit Kapuzenumhang und Lichtschwert - und sorgte für allgemeine Erheiterung, als Bewahrer von Frieden und Gerechtigkeit in der Galaxie.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Das Lachen ist den meisten seiner Kolleginnen und Kollegen inzwischen vergangen. Denn die Art und Weise, wie Sergej Lawrow jetzt als Bewahrer der russischen Welt auftritt, hat nichts mehr gemein mit den flotten Sprüchen und gezielten Sticheleien, für die er seit seiner Zeit als Vertreter Russlands bei den Vereinten Nationen berühmt und manchmal auch berüchtigt war.

Empörende Grenzüberschreitungen

Als klare Grenzüberschreitungen werden Erklärungen wahrgenommen, wie die im italienischen Fernsehen, warum die Sonderoperation in der Ukraine nötig sei, warum das Land entnazifiziert werden müsse, obwohl der Präsident doch Jude sei: "Wenn ich mich richtig erinnere, hoffentlich irre ich mich nicht, hatte auch Hitler jüdisches Blut. Das heißt also gar nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind."

Im Vorfeld des Jahrestages des Sieges über Hitler-Deutschland behauptete Lawrow, der Westen versuche, die glorreichen Seiten der russischen Geschichte herauszureißen und zu vernichten. Er wolle aus Siegern Kriminelle machen. Fördere Faschismus und Russophobie. Die historische Wahrheit, so der Außenminister, stehe auf dem Spiel, die Sicherheit, die Interessen und die Kultur Russlands: "Tatsächlich steht die Zukunft der Welt auf dem Spiel. Es geht darum, wie diese Welt sein wird: unipolar unter dem Kommando der Vereinigten Staaten, wie Washington es will und wie alle anderen westlichen Länder es bereits akzeptiert haben, oder fair und demokratisch."

Immer auf Kreml-Linie

Groteske Behauptungen seien das, heißt es fassungslos aus westlichen Diplomatenkreisen, zynische Verdrehungen von Tatsachen. Lawrows Moral, hatte der US-Diplomat John Negroponte 2016 erklärt, sei nun einmal der russische Staat. Tatsächlich vertritt Lawrow nicht nur die Kreml-Linie. Er verteidigt sie. Unter allen Umständen, bei jedem Thema, mit allen Mitteln. Gern auch mit Polemik: "Wissen Sie, ich dachte, hier wären nur Erwachsene."

Lawrow beherrscht das gesamte Repertoire von triefendem Sarkasmus über feine Ironie bis hin zu klaren Worten. Seine Schimpftiraden sind ebenso gefürchtet wie seine Unnachgiebigkeit bei Verhandlungen, in denen er in der Vergangenheit oft erfolgreich all seine diplomatische Erfahrung ausgespielt hat.

Lange aufgebauten Respekt verloren

Vom Respekt, den er sich als langgedienter Chefdiplomat erarbeitet hat, ist auf der internationalen Bühne nun nicht mehr allzu viel zu spüren. Als er Anfang März zu seiner Rede vor dem UN-Menschenrechtsrat ansetzt, verlassen rund 140 Diplomaten in Genf demonstrativ den Saal. Es war eine Szene, die mehr sagte als viele Worte. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. Mai 2022 um 11:30 Uhr.