Ein Milizionär der Volksrepublik Donezk macht sich mit einem tragbaren Luftabwehrsystem an einer Stelle unweit von Panteleimoniwka in dem von der Donezker Regierung kontrollierten Gebiet schussbereit.  | AP

100 Tage Krieg gegen die Ukraine Kreml sieht wichtige Ziele erreicht

Stand: 03.06.2022 19:04 Uhr

Seit mehr als drei Monaten tobt der Krieg in der Ukraine. Russland spricht nun davon, wichtige Ziele erreicht zu haben und will seine Invasion fortsetzen. Aus dem Donbass werden erneut schwere Gefechte gemeldet.

Der Kreml hat sich 100 Tage nach Beginn des Krieges in der Ukraine zufrieden mit dem Verlauf gezeigt. Auf die Frage nach militärischen Fortschritten in der Ukraine sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, die russischen Truppen hätten ihre Hauptaufgabe, den Schutz der Zivilbevölkerung im Osten der Ukraine, erfolgreich erfüllt.

Peskow erklärte, die russischen Streitkräfte hätten viele Gebiete in der Ukraine vom "pronazistischen ukrainischen Militär und nationalistischen Einheiten" befreit. Diese Arbeit werde fortgesetzt, bis alle Ziele der von Russland so bezeichneten militärischen Sonderoperation erreicht seien.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/01.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/01.06.2022

Keine Angaben zu Referenden

In einer Telefonkonferenz mit Journalisten wich Peskow Fragen nach möglichen Referenden in besetzten Gebieten über einen Anschluss an Russland aus. Dies hänge von der Entwicklung der Lage ab, sagte er. Peskow und andere russische Vertreter haben wiederholt erklärt, dass es den Bewohnern dieser Regionen überlassen bleibe, über ihren Status zu entscheiden.

Moskau hatte noch zu Beginn des Krieges versucht, die Hauptstadt Kiew zu erobern, scheiterte aber an den Verteidigern in den Vororten. Der Kreml konzentriert seit einem Monat seine Truppen deshalb im Donbass. Als neues Ziel gilt die vollständige Eroberung der Gebiete Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine. Das habe "bedingungslose Priorität", sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow Ende Mai.

Angriffe auf das Hauptquartier

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste kontrolliert Russland mittlerweile mehr als 90 Prozent der Luhansk-Region. Es sei wahrscheinlich, dass Moskau dort in den kommenden zwei Wochen vollständig die Kontrolle übernehme, hieß es in einem Update des britischen Verteidigungsministeriums.

Russland setzte seine Angriffe in der Ostukraine nach eigenen Angaben fort. Laut dem Verteidigungsministeriums in Moskau seien in der Stadt Slowjansk in Donezk 49 Waffensysteme und Militärfahrzeuge der ukrainischen Armee vernichtet worden. Dort befindet sich das Hauptquartier der ukrainischen Streitkräfte im Donbass.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Gefechte in Lyssytschansk

Das ukrainische Militär hält nach eigenen Angaben weiter Stellungen in der schwer umkämpften Großstadt Sjewjerodonezk, dem Verwaltungszentrum der Region Luhansk im Osten der Ukraine. Die russischen Truppen bombardierten auch die nahegelegene Stadt Lyssytschansk in der Region Luhansk, sagte Gouverneur Serhij Hajdaj der Nachrichtenagentur AP. Bei russischem Beschuss sei ein Zivilist getötet worden. Die Stadt wird noch von der Ukraine kontrolliert.

Rund 20.000 Einwohner der Stadt, etwa ein Fünftel der Bevölkerung vor dem russischen Krieg, sollen sich dort noch aufhalten. 60 Prozent der Wohngebäude und zivilen Infrastruktur in Lyssytschansk sollen von Russland zerstört worden sein. Hajdaj sagte, die russischen Truppen hätten auf eine wichtige Fernstraße zwischen Lyssytschansk und Bachmut geschossen. Diese werde aber weiter von den Ukrainern kontrolliert.

Verlangsamt sich der Vorstoß?

Der ukrainische Militäranalyst Mykola Sunhurowski will Anzeichen ausgemacht habe, dass sich die russische Offensive in der Ostukraine verlangsamt habe. "Die Russen kämpfen um jeden Häuserblock und jede Straße" in der Stadt Lyssytschansk, sagte er. Sie hätten "zu viele Truppen verloren und brauchen eine taktische Pause", sagte der Experte.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte an, die Ukraine werde in ihrem Widerstand gegen die russischen Invasoren nicht nachlassen. In einer Videobotschaft sagte er, die Ukraine werde den Sieg davontragen. "Wir haben die Ukraine schon 100 Tage lang verteidigt. Der Sieg wird unser sein!"

Lindner will nach Kiew reisen

Der ukrainische Parlamentspräsid, Ruslan Stefantschuk, warb währenddessen bei seinem Besuch im Kanzleramt erneut für schnelle Waffenlieferungen. "Warten und Zögern kostet Menschenleben. Ein Tag kostet um die 100 Leben der Soldaten und 500 und mehr Verwundete", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Stefantschuk kann sich zudem vorstellen, dass Staatschef Selenskyj Deutschland besucht, wenn sich das Kriegsgeschehen positiv für die Ukraine entwickelt. Er überbrachte auch eine Einladung an Bundeskanzler Olaf Scholz. Laut Vize-Regierungssprecher Wolfgang Büchner nahm der Kanzler die Einladung "freundlich zur Kenntnis". Von konkreten Reiseplänen sagte er jedoch nichts.

Spruchreif ist dagegen schon, dass Bundesfinanzminister Christian Lindner eine Reise nach Kiew vorbereitet. "Ich habe eine Einladung erhalten - und die werde ich annehmen", sagte er im TV-Sender Welt.

Oberst auf Sanktionsliste gesetzt

Die EU weitete mit dem sechsten Sanktionspaket gegen Russland Strafen gegen 65 Einzelpersonen und 18 Organisationen aus. Unter ihnen ist auch Oberst Azatbek Omurbekov. Ihm wird vorgeworfen, als Kommandeur der 64. Schützenbrigade für Tötungen, Vergewaltigungen und Folter zahlreicher Zivilisten in dem Kiewer Vorort Butscha verantwortlich zu sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Juni 2022 um 09:00 Uhr.