Ein russischer Soldat patrouilliert auf dem Geländes des Atomkraftwerks in Saporischschja. | AFP

Nach Beschuss von AKW in Ukraine IAEA warnt vor "Spiel mit dem Feuer"

Stand: 06.08.2022 21:40 Uhr

Die Internationale Atomenergiebehörde drängt nach dem Beschuss des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja auf Zugang zu der von Russland besetzten Anlage - und warnt vor einer nuklearen Katastrophe.

Der Beschuss des ukrainischen Kernkraftwerks Saporischschja während der Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Truppen hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Alarmbereitschaft versetzt. IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi warnte vor der Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die die öffentliche Gesundheit und die Umwelt in der Ukraine und darüber hinaus bedrohen könne.

Angesichts der Ereignisse vom Freitag sei er äußerst besorgt. "Jegliche militärische Feuerkraft, die auf die Anlage gerichtet ist oder von ihr ausgeht, wäre ein Spiel mit dem Feuer, mit möglichen katastrophalen Folgen", erklärte Grossi. Eine Gefährdung der Sicherheit von Saporischschja müsse "um jeden Preis" vermieden werden.

Reaktor nach Angriffen heruntergefahren

Am Freitag hatte der Betreiber des Kraftwerks Energoatom einen der sechs Reaktoren vom Netz genommen, nachdem eine für den Betrieb wichtige Hochspannungsleitung durch Artilleriebeschuss beschädigt worden war. Die Ukraine und Russland wiesen sich gegenseitig die Verantwortung für den Beschuss zu und beschuldigten einander, eine Nuklearkatastrophe zu riskieren.

Nach Angaben von Energoatom trat keine Radioaktivität aus, es bestehe aber weiter erhöhte Brand- und Strahlungsgefahr. Durch den Beschuss am Vortag seien eine Stickstoffanlage und ein Hilfskorpus des Kraftwerks beschädigt worden. "Es bleibt das Risiko, dass Wasserstoff austritt und sich radioaktive Teilchen verteilen, auch die Brandgefahr ist hoch."

Energoatom und die IAEA, die an die Vereinten Nationen (UN) berichtet, hatten bereits wiederholt eine Beeinträchtigung der Betriebssicherheit von Saporischschja durch militärische Handlungen beklagt. So war der Zugang der IAEA zu Fernüberwachungssystemen mehrmals unterbrochen worden.

Europas größtes Atomkraftwerk war im März von der russischen Armee besetzt worden, wird aber weiterhin von dem ukrainischen Staatskonzern Energoatom und dessen Belegschaft betrieben.

Seit Wochen gibt es Kritik, dass die russischen Truppen das AKW als Schutzschild für die eigene Artillerie nutzen, die von dort aus ukrainisch kontrolliertes Gebiet beschießt. "Die EU verurteilt Russlands militärische Aktivitäten rund um das Nuklearkraftwerk Saporischschja. Das ist ein ernster und unverantwortlicher Bruch atomarer Sicherheitsregeln und ein weiteres Beispiel für Russlands Nichtbeachtung internationaler Normen", erklärte dazu der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Er forderte Zugang für die Internationale Atombehörde zur Anlage.

Großbritannien: Krieg vor neuer Phase

Knapp sechs Monate nach Beginn steht der Krieg in der Ukraine nach Einschätzung des britischen Militärgeheimdienstes unmittelbar vor einer neuen Phase. Die meisten Kämpfe verlagerten sich demnach vom Donbass an eine fast 350 Kilometer lange Front, die sich im Südwesten parallel zum Fluss Dnjepr erstreckt. Die Gefechtslinie verliefe dann von der Gegend um Saporischschija bis nach Cherson. Das teilte das Verteidigungsministerium in London auf Twitter unter Berufung auf den jüngsten Geheimdienstbericht mit.

Russische Streitkräfte versammelten sich den Erkenntnissen zufolge im Süden der Ukraine. Dort erwarteten sie eine ukrainische Gegenoffensive oder seien in Vorbereitung eines möglichen eigenen Angriffs.

Die ukrainischen Streitkräfte wiederum konzentrieren ihre Angriffe nach britischen Angaben auf Brücken, Munitionsdepots und Eisenbahnverbindungen im Süden. Darunter sei auch der strategisch wichtige Eisenbahnanschluss, der Cherson mit der Krim verbindet. Die ukrainischen Angriffe kämen in immer kürzeren Abständen.

Ukraine: Vorstöße von Russen in Donezk abgewehrt

Die Ukraine erklärte derweil, die russischen Truppen attackierten mit Panzern und Artillerie den Ort Bachmut, einen Eckpfeiler des Verteidigungssystems rund um den letzten von Ukrainern gehaltenen Ballungsraum im Donbass.

Das Hauptquartier der ukrainischen Truppen im Osten befindet sich im Gebiet zwischen Slowjansk und Kramatorsk, wo vor dem Krieg gut eine halbe Million Menschen lebten. Von Osten her ist dieser Raum durch die Festungslinie Siwersk - Soledar - Bachmut gesichert. Diese gerät nun an mehreren Stellen ins Wanken.

Am Samstag seien die russische Offensiven in Richtung der Städte Slowjansk, Bachmut und Awdijiwka aber zurückgeschlagen worden, teilte der ukrainische Generalstab mit. Insbesondere um Bachmut toben seit Tagen heftige Kämpfe. Die prorussischen Rebellen hatten am Vortag vermeldet, es gebe Gefechte bereits innerhalb des Stadtgebiets. Unabhängig können die Angaben beider Seiten nicht überprüft werden.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/05.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/05.08.2022

Ukraine greift im Süden an

Im Süden des Landes hingegen sind ukrainische Truppen offenbar auf dem Vormarsch. Dort konzentrierten sich die russischen Einheiten darauf, ihre Positionen in den besetzten Gebieten zu verteidigen, heißt es im Lagebericht.

Die Kommandostelle Süd des ukrainischen Militärs hatte zuvor bereits berichtet, mindestens sechs russische Waffen- und Munitionsdepots sowie zwei Kommandopunkte im Gebiet Cherson vernichtet zu haben. Unabhängig können auch diese Angaben nicht überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. August 2022 um 20:00 Uhr.