Zerstörte und beschädigte russische Armeefahrzeuge stehen auf einer Straße in Charkiw (Ukraine). | dpa

Krieg in der Ukraine Viele Kämpfe, keine Entscheidung

Stand: 27.02.2022 20:46 Uhr

Mit unverminderter Härte dauern die Gefechte in der Ukraine an. Die Ukraine meldet die Verteidigung Charkiws, der russische Vormarsch auf Kiew stockt. Erstmals räumte Russland Verluste ein, vermeldet aber auch Erfolge.

In der Ukraine geht der russische Vormarsch auf Ballungszentren und die Hauptstadt Kiew weiter. Aus verschiedenen Landesteilen werden Gefechte gemeldet.

Russische Offensive stockt offenbar

Sowohl die Ukraine als auch die USA melden Probleme der russischen Invasionstruppen. Der ukrainische Generalstab behauptet, das Tempo des russischen Angriffs sei gebremst worden. Der Feind habe Nachschubprobleme, Soldaten seien erschöpft, die Truppe dezimiert. Östlich von Kiew habe es militärische Erfolge gegeben. In Priluki seien russische Panzer vernichtet worden.

Bisher seien schätzungsweise etwa 4300 Soldaten getötet worden, schrieb die ukrainische Vizeverteidigungsministerin Hanna Maljar bei Facebook. Dutzende Flugzeuge und Hubschrauber, Hunderte Panzer und Militärfahrzeuge sollen zerstört worden sein. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Die Zahlen wirken sehr hoch und könnten verbreitet werden, um die Kampfmoral der eigenen Armee zu stärken.

Militäraufmarsch vor Kiew?

Nach US-Angaben gibt es Kämpfe "niedriger Intensität" in Kiew. Russische Truppen seien noch etwa 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Demnach litten die Einheiten unter Treibstoffmangel.

Das US-Unternehmen Maxar, das sich auf hochauflösende Satellitenbilder spezialisiert hat, meldete am Abend allerdings, ein kilometerlanger russischer Konvoi bestehend aus Truppen, Panzern und Versorgungsfahrzeugen bewege sich auf Kiew zu.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Gefechte nordwestlich von Kiew

Am Mittag wurde mitgeteilt, dass die ukrainische Armee die Stadt Irpin nordwestlich von Kiew zurückerobert habe. Die Agentur Unian veröffentlichte Videos, die gefallene russische Soldaten zeigen sollen. Zudem sollen gepanzerte Fahrzeuge der Russen nahe dem seit Tagen umkämpften Flugplatz Hostomel zerstört worden sein.

Um die Hauptstadt zu schützen, werden nach ukrainischen Angaben dort mehr Soldaten zusammengezogen. Es gehe vor allem um die Abwehr des russischen Angriffs im Norden und im Nordwesten der Hauptstadt, so Vizeverteidigungsministerin Maljar. Unklar ist, woher die Truppen kommen.

Russische Raketen treffen Ukraine

Am Nachmittag sollen aus dem Nachbarland Belarus "Iskander"-Kurzstreckenraketen auf die Ukraine abgefeuert worden sein. Nach ukrainischen Angaben schlug mindestens ein Geschoss auf dem oder nahe des Flughafens der Stadt Schytomyr westlich von Kiew ein.

Nach US-Angaben haben die russischen Streitkräfte seit Donnerstagmorgen mehr als 300 Raketen auf Ziele in der Ukraine abgefeuert. Gegen diese Waffenart kann sich die Ukraine nur sehr begrenzt verteidigen.

"Charkiw ist unter unserer Kontrolle"

Gefechte wurden auch aus Charkiw im Osten des Landes gemeldet. Ein russischer Angriff auf die zweitgrößte Stadt des Landes soll zurückgeschlagen worden sein. "Charkiw ist vollständig unter unserer Kontrolle", erklärte der Gouverneur der gleichnamigen Region, Oleg Sinegubow, im Messengerdienst Telegram.

In sozialen Netzwerken wurden Videos und Fotos veröffentlicht, die eine russische Kolonne gepanzerter Fahrzeuge zeigen soll. Später kursierten Fotos baugleicher Fahrzeuge, die offensichtlich beschädigt oder zerstört wurden. Diese tragen russische Hoheitsabzeichen. Soldaten sind darauf nicht zu sehen.

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands und Belarus'.

Russland meldet gefallene Soldaten

Erstmals räumte das russische Verteidigungsministerium Verluste bei der Offensive ein, die es noch immer verharmlosend als "Spezialoperation" bezeichnet. Es habe Tote und Verletzte gegeben, zudem seien "einige wenige" russische Soldaten gefangen genommen worden. Genaue Zahlenangaben wurden nicht genannt.

Gleichzeitig wurden militärische Erfolge vermeldet. Es seien bereits mehr als 1000 militärische Ziele - Fluggeräte, Panzer sowie andere Kampffahrzeuge - zerstört worden. 471 ukrainische Soldaten seien gefangen genommen worden, Ukrainer hätten "massenhaft den Kampf verweigert".

Separatisten auf dem Vormarsch?

Die südukrainischen Städte Cherson und Berdjansk seien von russischen Truppen umzingelt. Im Donbass hätten die von Russland unterstützten Separatisten ihren Vormarsch fortgesetzt.

Der russische Vormarsch im Süden des Landes kommt in ukrainischen Berichten kaum vor. Offenbar stoßen dort Einheiten von der Krim kommend ins Landesinnere vor. Sollten sie erfolgreich Richtung Norden marschieren, könnten sie irgendwann die zahlreichen ukrainischen Kräfte an der "Kontaktlinie" zu den prorussischen Separatistengebieten im Donbass vom Nachschub abschneiden.

Separatisten stehen in der Region Luhansk neben einem Kampfpanzer. | REUTERS

Separatisten stehen in der Region Luhansk neben einem Kampfpanzer. Bild: REUTERS

Weitere Waffenlieferungen an die Ukraine

Unterdessen trafen weitere militärische Güter aus NATO-Staaten in der Ukraine ein. Dies umfasst unter anderem Tausende Panzerabwehrwaffen, Hunderte Luftabwehrraketen und Tausende Kleinwaffen; außerdem werden Munition, Schutzausrüstung und humanitäre Hilfe geliefert. Hilfe haben unter anderem Belgien, Schweden, Kanada, Tschechien, Estland, Frankreich, Griechenland, Lettland, Litauen, die Niederlande, Portugal, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten angekündigt.

Gestern hatte auch Deutschland - das lange Waffenlieferungen in Konfliktgebiete abgelehnt hatte - militärische Hilfe für die Ukraine angekündigt. Unter anderem sollen 1000 "Panzerfaust 3" sowie 500 "Stinger"-Boden-Luft-Raketen an die Ukraine gehen.

NATO-Staaten halten solche tragbaren Waffen für eine besonders wichtige Unterstützung für die ukrainische Armee. Durch die russische Luftüberlegenheit sind größere Waffensysteme gefährdeter, wie die ersten russischen Angriffe gezeigt haben.

Kleinere Trupps von Soldaten mit Panzerabwehrwaffen können russische Fahrzeugkolonnen aus dem überraschend angreifen oder in Städten leichter in Hinterhalte locken. Videos in sozialen Netzwerken zeigen die Effektivität dieser Taktiken.

Tragbare "Stinger"-Raketen können gegen Hubschrauber oder tief fliegende Jets eingesetzt werden, auch wenn die Reichweite gering ist. Die Bedienung der Waffe ist vergleichsweise leicht zu erlernen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Februar 2022 um 20:00 Uhr.