Ein nicht explodiertes Geschütz steckt im Boden vor einem verlassenen Gebäude in Lyssytschansk. | AFP
Reportage

Krieg in der Ukraine "Es ist die Hölle"

Stand: 20.05.2022 09:19 Uhr

Vor allem im Osten der Ukraine wird derzeit heftig gekämpft. Besonders schlimm soll die Lage im Donbass sein: Präsident Selenskyj sprach von "Hölle". Die westlichen Finanzhilfen bezeichnete er als "Beitrag zur eigenen Sicherheit".

Im Osten der Ukraine gibt es weiter schwere Gefechte um die Donbass-Region. "Der Gegner führt eine Offensive im Raum Lyssytschansk und Sjewjerodonezk durch", meldete der ukrainische Generalstab in seinem neuesten Lagebericht.

Nach Angaben aus Kiew konnten die ukrainischen Truppen den Angriff auf Sjewjerodonezk abwehren, in dem Vorort Toschkiwka werde weiter gekämpft. Wenige Kilometer weiter südlich - an der Gebietsgrenze zwischen Luhansk und Donezk - gibt es demnach zudem Gefechte um die Ortschaften Wyskrywa und Olexandropillja. Diese liegen etwa zehn Kilometer östlich der Kleinstadt Bachmut, die wiederum als ein weiteres strategisches Zwischenziel der russischen Angriffe gilt. Erfolge hätten die russischen Offensivbemühungen hier jedoch genauso wenig erzielt wie die anhaltenden Sturmversuche in Awdijiwka und Kurachowe, heißt es in dem Lagebericht. Insgesamt seien 14 Attacken in den Gebieten Donezk und Luhansk abgewehrt worden.

Überprüfbar waren die Angaben nicht. Als ein Anzeichen für die Härte der Kämpfe wurden erneut zahlreiche zivile Todesopfer verzeichnet. Allein im Gebiet Donezk wurden nach Behördenangaben fünf Menschen getötet.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in seiner abendlichen Videoansprache am Donnerstag, die ukrainischen Streitkräfte machten zwar "weiterhin Fortschritte bei der Befreiung der Region Charkiw". "Doch die Besatzer versuchen, den Druck im Donbass weiter zu erhöhen. Es ist die Hölle, und das ist keine Übertreibung", so Selenskyj. Die Region sei inzwischen komplett zerstört. Er betonte, dass die Ukraine wegen der russischen Offensive im Osten jede Unterstützung braucht.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/19.05.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/19.05.2022

Milliardenhilfen der USA und G7

Die kommt aus den USA und den G7-Staaten in Form von neuen Finanzhilfen an die Ukraine. In den USA verabschiedete rund eine Woche nach dem Repräsentantenhaus am Donnerstagabend auch die andere Kongresskammer, der Senat, mit großer Mehrheit das Paket mit einem Volumen von fast 40 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 38 Milliarden Euro). Sechs Milliarden Dollar sind für direkte militärische Hilfe für die Ukraine vorgesehen, die von Russland vor fast drei Monaten angegriffen wurde. US-Präsident Joe Biden muss das Gesetzespaket noch unterzeichnen.

Auch die G7 planen weitere umfangreiche Hilfen. Bei ihrem Treffen in Bonn einigten sich die G7-Finanzminister laut Entwurf der Abschlusserklärung auf 18,4 Milliarden Dollar, die kurzfristig zur Verfügung gestellt werden sollen.

Selenskyj: Finanzhilfe schützt auch den Westen

Selenskyj dankte für die Hilfe. Er stellte in seiner Videoansprache aber auch klar, dass die Ukraine in ihrem Widerstand selbst jeden Monat Milliarden verliere. "Um im Krieg um die Freiheit bestehen zu können, brauchen wir schnelle und ausreichende finanzielle Unterstützung", sagte er.

Die ausländischen Partner der Ukraine sollten Hilfen nicht als Geschenk sehen. "Das ist ihr Beitrag zu ihrer eigenen Sicherheit." Der Schutz der Ukraine bedeute ihren eigenen Schutz vor neuen Kriegen und Krisen, die Russland auslösen könne, so Selenskyj.

Lage im Asowstal-Werk weiter unklar

Unterdessen haben sich in dem belagerten Asowstal-Werk in der weitgehend zerstörten Hafenstadt Mariupol im Südosten der Ukraine nach russischen Angaben mittlerweile mehr als 1700 ukrainische Verteidiger in Gefangenschaft begeben. Selenskyj vermied dabei in seiner Ansprache das Wort Kapitulation. Stattdessen versprach er, "alles zu tun, damit die einflussreichsten internationalen Kräfte über die Rettung unserer Helden informiert und nach Möglichkeit einbezogen werden".

Ukrainische Medien verbreiteten am Donnerstag ein Video mit dem Vize-Kommandeur des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, aus dem hervorgeht, dass sich noch immer Offiziere in der weitläufigen Industrieanlage befinden. "Ich und das Kommando sind auf dem Werkgelände von Asowstal. Es läuft eine gewisse Operation, zu deren Details ich nichts sagen werde", sagte Palamar. Die Echtheit des Videos war nicht sofort zu überprüfen.

Kiew hofft auf einen Gefangenenaustausch. Russische Behörden haben aber mehrfach betont, dass zumindest ein Teil der Gefangenen nicht als Soldaten, sondern als Neonazi-Kämpfer angesehen werde. Die USA erklärten, sie würden Russlands Umgang mit den Soldaten genau beobachten. "Wir erwarten, dass alle Kriegsgefangenen in Übereinstimmung mit der Genfer Konvention und dem Kriegsrecht behandelt werden", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby.

Saporischschja: Zivilisten von Flucht abgehalten?

Aus dem Gebiet Saporischschja im Süden des Landes, wohin auch viele Menschen aus dem besetzten Mariupol geflüchtet sind, kommen Berichte, denen zufolge russische Besatzungstruppen Zivilisten an der Flucht in ukrainisch kontrolliertes Gebiet hindern.

"Derzeit befinden sich in der Stadt Wassyliwka vor dem russischen Checkpoint mehr als 1000 Fahrzeuge, die nicht auf das von der Ukraine kontrollierte Gebiet gelassen werden", sagte die Vizechefin der Gebietsverwaltung von Saporischschja, Slata Nekrassowa, der Nachrichtenagentur Ukrinform am Donnerstagabend. In sozialen Netzwerken sind inzwischen auch entsprechende Videos aufgetaucht. In den Autos seien auch viele Frauen und Kinder. Beamte ihrer Verwaltung hätten daher veranlasst, den Flüchtlingen Wasser und Proviant zu liefern, erklärte Nekrassowa.

Die Ukraine hat den russischen Truppen in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, Zivilisten in den besetzten Gebieten an der Flucht zu hindern und sie teilweise gewaltsam nach Russland zu verschleppen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Mai 2022 um 09:00 Uhr.