Leere Busse an einem Checkpoint von pro-russischen Truppen in Bezimenne (Ukraine, Region Donezk) | REUTERS
Reportage

Ukraine Unterwegs im Feindesland

Stand: 13.05.2022 11:24 Uhr

Sie fahren hinein in besetzte Gebiete, um Menschen herauszuholen: Aktivisten in der Ukraine riskieren viel, wenn sie sich auf den Weg machen. An Checkpoints müssen sie bestechen, passieren Minenfelder, geraten unter Beschuss.

Von Andrea Beer, zzt. Saporischschja, für das ARD-Studio Moskau

18 Mal hat er sein Leben schon riskiert. Der schmale dunkelblonde Mann, der namentlich nicht genannt werden möchte, sitzt im dünnen roten T-Shirt und Jeans am Steuer eines weißen Kleinbusses. "Ljudi" steht auf einem Schild am Wagen - "Menschen".

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

Immer wieder evakuieren private Helfer Menschen von der Kampflinie. Doch er fährt mitten hinein in russisch besetzte Gebiete. Er startet in Saporischschja, einer Stadt im Süden der Ukraine, in der viele Geflüchtete ankommen, aus Berdjansk, aus Cherson, aus der Gegend rund um Mariupol.

Jede Fahrt ist anders

Fährt er los, muss er oft lange Umwege fahren - Beschuss, Minen, die Suche nach Benzin oder einer Übernachtung, all das mache die Fahrt kompliziert und laufe oft unterschiedlich ab, erzählt er. Nach Berdjansk, zum Beispiel, habe er schon eine Strecke von 870 Kilometern zurückgelegt - dabei sind das auf direktem Weg nur rund 220 Kilometer.

Überall wird geschossen, und 20 Meter von einem entfernt kann Artillerie explodieren. Es kann sein, dass ein Beschuss beginnt und man es nicht in einen Schutzraum schafft. Wir müssen immer nachdenken und improvisieren. Manchmal fahren wir über die Felder, die können aber auch vermint sein. Einmal, als ich unterwegs war, ist eines unserer Autos auf eine Mine gefahren und explodiert.

Für seine ohnehin verstörten Passagiere ist das ein enormer Stress. Unter ihnen sind viele ältere Menschen und Kinder, die sich bei Platzmangel auch mal einen Sitz teilen. Unterwegs übernachten sie auf Feldern, in Schulen, bei gastfreundlichen Dorfbewohnern.

Sie haben meist alles verloren, sehen in ihrem bisherigen Wohnort keine Zukunft mehr. Dort saßen sie in Kellern oder durchliefen sogenannte Filtrationslager, in denen die russischen Besatzer Menschen registrieren und ukrainische Soldaten und Aktivisten wie den Fahrer suchen. Auch deshalb möchte er nicht erkannt werden.

Zigaretten für die Checkpoints

Ein paar Meter weiter steht Denis. Er ist eigentlich DJ, doch jetzt organisieren er und seine Freunde die waghalsigen Fahrten mit. Während der Fahrer weiterpackt, zeigt Denis ein paar Stangen Zigaretten, die jeder Fahrer mitbekommt. Die billigste Sorte, meint er - für die zahlreichen Checkpoints der Russen und der selbsternannten sogenannten Volksrepublik Donezk, die alle passieren müssen. Diese verlangten auch Waschmittel und Sim-Karten, so Denis.

Wenn du ihnen das nicht gibst, halten sie dich höchstwahrscheinlich sehr lange fest oder lassen dich gar nicht durch. Zwei Fahrer werden im Moment bei Donezk festgehalten. Das Auto wurde beschlagnahmt und sie wurden nahe Mariupol festgenommen und für einen Monat in ein Gefängnis nach Donezk gebracht. Gerade wurde die Strafe um einen Monat verlängert. Beide sind Zivilisten, einer ist 28, einer 50 Jahre alt. Dieser wollte auch seiner Schwester helfen. Es sind Zivilisten ohne jede Beziehung zum Militär.

Mehr als 20 Fahrer würden zurzeit festgehalten, erzählt Denis, und setzt sich mit dunkler Sonnenbrille auf dem Kofferraum eines Wagens. Am nächsten Tag würden zwei Vans nach Berdjansk fahren, um dort Menschen aus Mariupol zu holen, berichtet er.

Denis sitzt in seinem Auto, mit welchem er Rettungsfahrten organisiert. | A. Beer

Denis unterstützt die privaten Fahrten in das Feindesland. Er weiß: um durchzukommen, ist mehr als nur Glück erforderlich. Bild: A. Beer

Die Sache mit den Ohrstäbchen

Einen dieser Vans steuert der Fahrer und er muss wieder auf abenteuerlichen Wegen durch die willkürlichen Checkpoints der Russen hindurch. Viele, sagt er, würden ihn da schon kennen. "An den Checkpoints warten sie, dass ich ihnen etwas zu essen und zu trinken bringe. Sogar Ohrenstäbchen. Einer hat gesagt: 'Wenn du mir aus Berdjansk keine Ohrstäbchen mitbringst, dann lasse ich dich nicht durch.'"

Wie die meisten privaten Helfer sitzt der Fahrer ohne Helm oder Schutzweste im Wagen. Er zeigt auf ein kleines Holzkreuz an seinem Handgelenk. Das sei sein Schutz - ein Pfarrer habe es ihm in einem Dorf gegeben.

Er räumt noch ein bisschen im Wagen herum. "Wird schon alles gut gehen", meint er leise. So oft hat er sein Leben schon riskiert und tut dies nun ein weiteres Mal. Natürlich habe seine Familie Angst, erzählt er. Seine Frau verstehe, warum er sich so entschieden habe und unterstütze ihn - und gleichzeitig wollten sie und die Kinder nicht, dass er fahre. Aber, sagt er dann noch, "ich kann einfach nicht zuhause sitzen, wenn ich die Möglichkeit habe, Menschen zu helfen".

Über dieses Thema berichtete das ARD-morgenmagazin am 13. Mai 2022 um 05:42 Uhr.