Tayyip Erdogan und Wolodymyr Selenskyj | REUTERS

Besuch in Kiew Erdogans Drahtseilakt

Stand: 03.02.2022 10:51 Uhr

Waffenlieferungen an die Ukraine und zugleich die Beziehungen zu Russland nicht beschädigen - vor diesem Spagat steht der türkische Präsident Erdogan bei seinem Besuch in Kiew. Erdogan versucht deshalb, als Vermittler aufzutreten.

 Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

"Wir wollen vor allem, dass in der Region Frieden herrscht. Dafür sind wir bereit, alles zu tun!" Mit dieser Haltung, so der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, fahre er nach Kiew. Davor wollte er den Kontakt zu Russlands Präsident Wladimir Putin suchen - telefonisch zunächst. Nach den Olympischen Winterspielen in China soll es ein persönliches Treffen in der Türkei geben.

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Erst mal lässt Putin Erdogan nach dessen Vermittlungsangebot abblitzen. Aber Erdogan bietet sich wieder und wieder an: "Wir können der Vermittler für Frieden zwischen Russland und der Ukraine sein. Ich habe sowohl Herrn Selenskyj als auch Herrn Putin gesagt, dass wir bereit sind, in dieser Angelegenheit unsere Pflicht zu erfüllen."

Umfangreiche Waffengeschäfte

Erdogan dürfte in mehrfacher Hinsicht daran interessiert sein, den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu entschärfen. Immerhin liefert die Türkei Kampfdrohnen an die Ukraine - sie sollen künftig auch in der Ukraine produziert werden. Ebenso stehen Marineschiffe auf der türkischen Verkaufsliste. Rüstungsexporte sind ein wichtiger Wirtschaftszweig für das Land. Als Russland sich wegen der Waffenverkäufe an die Ukraine in Ankara beschwert, heißt es dort aber nur lapidar, nicht der Verkäufer, sondern der Käufer sei verantwortlich dafür, was mit Waffen gemacht werde. 

Doch es geht für die Türkei längst nicht nur um Waffengeschäfte oder etwa die eine bestimmte politische Haltung wegen der NATO-Mitgliedschaft, meinen türkische Außenpolitikexperten wie der Ex-Diplomat und Hochschullehrer Yalim Eralp:

Natürlich geht es nicht nur um die NATO, sondern speziell auch die Türkei. Denn die Türkei hat enge Beziehungen sowohl zu Russland als auch zur Ukraine - zum Beispiel durch die Drohnenverkäufe. Wenn der Konflikt weiter eskaliert, werden zudem vermutlich Öl und Gas teurer. Und es bedeutet auch eine Konfrontation zwischen der Türkei und Russland.

Vielfache Interessen an Russland

Auf eine Konfrontation mit Russland will es Erdogan bestimmt nicht ankommen lassen. Von dort kommen große Mengen Gas in die rohstoffarme Türkei. Außerdem bauen russische Firmen zurzeit am ersten türkischen Atomkraftwerk. Nicht nur deswegen dürfte allerdings auch Russland an guten Beziehungen zur Türkei gelegen sein. Denn: Die Türkei kauft das russische Flugabwehrsystem S-400. Als Folge davon wird das NATO-Land wohl keine amerikanischen Kampfflugzeuge vom Typ F-35 bekommen.

Auf der Suche nach einer Alternative könnte wiederum die Ukraine der Türkei helfen, zumindest mit der Lieferung von Teilen für ein eigenes türkisches Kampfflugzeug. Öffentlich geht Erdogan zwar nicht so ins Detail. Aber er macht unmissverständlich klar, wie wichtig beide Länder, Russland und die Ukraine für sein Land sind:

Die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei entwickeln sich auf politischer, militärischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene weiter. Ebenso sind unsere Beziehungen zur Ukraine auf allen diesen Gebieten sehr gut. Wir können es nicht hinnehmen, dass all das wegen der Spannungen zwischen Russland und der Ukraine gefährdet wird.

Der Faktor Syrien

Obendrein braucht die Türkei Russland auch in Syrien. Dort unterstützen die Länder zwar unterschiedliche Kriegsparteien. Aber eine Schutzzone im Norden Syriens vor der türkischen Grenze wird auch von Russland getragen. Wäre das nicht mehr der Fall, könnten kurdische Milizen von dort aus die Türkei wieder stärker angreifen.

Ganz eigene Gründe für die Mission Erdogans gibt es also reichlich. Sollte er tatsächlich erfolgreich sein, täte das im Übrigen sicher auch seinem Ansehen in der NATO nur gut.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Februar 2022 um 10:05 Uhr.