Studierende der Boğaziçi-Universität Istanbul protestieren gegen ihren neuen Rektor. | AFP

Studentenproteste in Istanbul "Hier können wir noch frei atmen"

Stand: 12.02.2021 19:56 Uhr

Studierende der Istanbuler Bogazici-Universität protestieren gegen ihren neuen Rektor: Sie fürchten, dass er kritische Stimmen auf Regierungslinie bringen will. Der Staat macht ihnen Terrorvorwürfe.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

So habe er sich sein erstes Semester nicht vorgestellt, erzählt Geschichtsstudent Tatul. Die Corona-Pandemie und nun das: Der Eingang seiner Universität gleicht einem Gefängnis. Gepanzerte Fahrzeuge, mehrere Dutzend Polizisten und Absperrungen rund um das Campus-Gelände. "Dieser Anblick ist wirklich beunruhigend. Denn die Polizei repräsentiert den Staat und der versucht, uns Angst zu machen", sagt der 20-Jährige.

Katharina Willinger ARD-Studio Istanbul

Seit Anfang Januar 2021 protestieren Studierende seiner Universität, der Istanbuler Bogazici-Universität. Auslöser war die Ernennung des neuen Rektors Melih Bulu - direkt bestimmt vom türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Bulu gilt als regierungsnah, kandidierte schon einmal für Erdogans Partei AKP fürs Parlament. Studierende wie Tatul fürchten, die Regierung wolle die Universitäten auf Linie bringen. "Die Bogazici ist alles, was sie nicht sind", meint er. "Hier können wir noch frei atmen. Wir sprechen Englisch, haben gute Kontakte mit dem Westen und sind ohne die AKP sehr glücklich. Das alles gefällt ihnen nicht, deshalb wurde ein Rektor ernannt."

Student Tatul | ARD Istanbul

Student Tatul beteiligt sich an den Protesten. Bild: ARD Istanbul

Pauschale Terrorvorwürfe gegen Akademiker

Die Einmischung in die Arbeit der Hochschulen in der Türkei hat seit 2016 stark zugenommen. Nach dem Putschversuch gab es eine Entlassungswelle an türkischen Universitäten. Akademiker, die Kritik an der Regierung übten, wurden pauschal des Terrorismus verdächtigt.

Professor Üstün Ergüder war in den 1990er-Jahren acht Jahre lang Rektor an der Bogazici-Universität. Er wurde hochschulintern gewählt. Mit Sorge blickt er auf die derzeitige Situation. "Eine Universität ist das Gehirn einer Gesellschaft. Sie muss kritisch denken und hinterfragen können", sagt er. "Ich würde mir wünschen, dass die Regierung sich fragt: Weshalb reagieren die Studierenden und Dozenten jetzt so? Lasst uns miteinander sprechen. Aber das passiert leider nicht, stattdessen gibt es diverse Anschuldigungen. Sie sagen: Das sind Terroristen."

Üstün Ergüder | ARD Istanbul

Üstün Ergüder dozierte acht Jahre lang an der Universität. Bild: ARD Istanbul

Tränengas und Gummigeschosse gegen Studierende

Anschuldigungen gab es in den vergangenen Wochen zahlreiche. Mehrmals wetterte Erdogan öffentlich gegen die Studierenden: "Seid ihr wirklich Studenten? Oder seid ihr welche, die versuchen, das Büro des Rektors zu stürmen und es zu besetzen, also Terroristen?", schimpfte er Anfang Februar auf einer Großveranstaltung seiner Partei.

Die Kundgebung der Studierenden am nächsten Tag wird hingegen verboten - wegen Corona, heißt es. Hunderte Menschen kommen dennoch. Ihnen stehen Hunderte Einsatzkräfte gegenüber. Es kommt zu wilden Szenen: Die Polizei schießt mit Tränengas und Gummigeschossen in die Menge. Die Studierenden flüchten sich in die engen Gassen.

Auch Student Tatul ist dabei: "Wegen dieses Drucks auf uns sind wir heute alle hier. Der Rektor muss endlich zurücktreten, wir werden keine Staatsaufsicht akzeptieren. Ich muss weiter!", ruft er und rennt davon. Hinter ihm die Polizei. An diesem Abend kommt es zu mehr als 90 Festnahmen, gegen einige Studierende werden Ermittlungen eingeleitet.

Polizisten lösen Demonstration auf | ARD Istanbul

Polizisten lösen die Demonstration in Istanbul auf. Bild: ARD Istanbul

Kunstaktion als gefundenes Fressen zur Diskreditierung

Der parteilose Abgeordnete Ahmet Sik war selbst bei der Protestaktion und wurde dort von Polizisten grob angefasst. "Das ist leider nichts Neues", stellt er fest. Sik saß vor seiner parlamentarischen Tätigkeit schon wegen seiner Arbeit als Journalist im Gefängnis. Den Protest der Studierenden unterstützt er: "Recht und Demokratie kann es in der Türkei nur über den Widerstand geben, indem man auf die Straße geht und der Regierung ihre Grenzen aufzeigt", sagt er.

Ahmet Sik | ARD Istanbul

Der Abgeordnete Ahmet Şık stellt sich hinter die Studierenden. Bild: ARD Istanbul

"Aufwiegelung zu Unruhen" lautet der Vorwurf gegen Sik. Er meint, die Regierung versuche nun, die eigene Anhängerschaft gegen die Studierenden aufzubringen, indem sie Feindbilder schaffe. Denn auch innerhalb der eigenen Wählerschaft gibt es Kritik am Vorgehen gegen die Studierenden.

Ein gefundenes Fressen war da die Kunstaktion einiger Studierender auf dem Campus: Ein Bild zeigte die Kaaba in Mekka, zentrales Heiligtum im Islam. Daneben die Regenbogenflagge. Innenminister Süleyman Soylu, bekannt als Hardliner, sieht das als Verunglimpfung des Islam - er twitterte, man habe "vier abartige LGBTler festgenommen". Später wurde der Tweet wegen Hassrede gesperrt.

Immer mehr Studierende denken jetzt ans Auswandern

Student Tatul verliert immer mehr die Hoffnung, erzählt er. Zwar sei er fest entschlossen, weiter zu protestieren - doch zeitgleich sucht er nach einem Ausweg. "Ich sehe meine Zukunft nicht mehr in der Türkei. Ich habe mich an verschiedenen Unis im Ausland beworben. Wenn ich Glück habe, nehmen sie mich, dann bin ich hier weg", sagt er.

Sein Mitbewohner Utku ergänzt: "Egal, wie oft uns Erdogan als Terroristen bezeichnet: Viele Menschen in der Türkei wissen, dass einige Absolventen der Bogazici das Land voranbringen werden. Sollte die Türkei also uns Studierende alleine lassen, schießt sie sich ins eigenen Knie."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Januar 2021 um 14:05 Uhr.