Die bei einer Zugkollision in Tschechien zerstörte Lokomotive | EPA

Zugunglück in Tschechien "Keine Automatismen, die den Zug abbremsen"

Stand: 04.08.2021 13:24 Uhr

Drei tödliche Zugunglücke innerhalb eines Jahres: Auf tschechischen Schienen fehlten offenbar Systeme für Zwangsbremsungen, sagt der Ehrenvorsitzende von Pro Bahn, Naumann. Das Land sei aber dabei, das Schienennetz zu modernisieren.

tagesschau24: Zwei Züge prallen aufeinander, nachdem offenbar einer ein Haltesignal überfahren hat. Können Sie erklären, wie so etwas passieren kann?

Karl-Peter Naumann: Das kann eigentlich nur dann passieren, wenn es keine weiteren Sicherheitstechniken gibt. Wenn bei uns ein Zug ein Haltesignal überfährt, dann erfolgt eine Zwangsbremsung durch die sogenannte Indusi - die induktive Zugsicherung. Dann würde ein solcher Unfall, wenn er denn überhaupt passiert, wahrscheinlich sehr viel glimpflicher ablaufen. In diesem Fall gab es nur das Signal und offensichtlich keine weiteren Automatismen, die den Zug abgebremst hätten.

Karl-Peter Naumann | Allianz pro Schiene/Bildschön GmbH
Zur Person

Karl-Peter Naumann ist Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Bis 2012 war er Bundesvorsitzender. Zudem ist er Vorstandsmitglied im Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene.

tagesschau24: Was wissen Sie über die Züge? Waren diese eventuell veraltet?

Naumann: Nach meinen Informationen soll der tschechische Regionalzug ein ganz moderner Triebwagen gewesen sein, der in Polen gebaut wird und der auch bei uns in Deutschland als "Pesa Link" unterwegs ist - etwa in Nordrhein-Westfalen. Das ist ein extrem stabiler Zug. Und die Regionalexpress-Züge von München nach Prag sind ganz normale Züge mit einer modernen Lokomotive und etwas älteren Wagen, die aber allen Sicherheitsanforderungen absolut genügen.

"Signalsystem muss dringend überarbeitet werden"

tagesschau24: Die tschechische Eisenbahn soll im Allgemeinen nicht die sicherste sein. Erst vor einem Jahr gab es dort zwei Zugunglücke mit Todesopfern. Wie schätzen Sie die Situation bei der tschechischen Eisenbahn ein?

Naumann: Gerade das tschechische Signal- und Sicherungssystem muss dringend überarbeitet werden. Es muss hier viel nachgerüstet werden. Die tschechische Regierung weiß das, und nach unseren Erkenntnissen ist sie auch dabei. Aber sie schafft es natürlich nicht, in ein bis zwei Jahren ein komplettes Schienennetz mit moderner Sicherungstechnik auszustatten.

tagesschau24: Welche Kräfte wirken denn bei so einem Unfall, wenn zwei Züge frontal aufeinander knallen?

Naumann: Das sind immense Kräfte. Einmal bedingt durch die Geschwindigkeit: Wenn sie zwei Autos mit 100 Kilometern pro Stunde aufeinander fahren lassen, dann entstehen ganz massive Kräfte allein schon durch die Geschwindigkeit. Hinzukommt, dass Eisenbahnfahrzeuge sehr viel schwerer als Autos sind und die tonnenschwere Last der schweren Fahrzeuge die Kräfte, die dort auftreten, noch einmal verstärkt.

Das Interview führte Tim Berendonk, tagesschau24.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. August 2021 um 12:00 Uhr.