Liz Truss | REUTERS
Analyse

Truss tritt zurück "Tories wollen Neuwahlen verhindern"

Stand: 20.10.2022 15:58 Uhr

Mit Liz Truss ist die dritte Premierministerin seit dem Brexit-Votum gescheitert. Ihr Plan sei, die Nachfolge möglichst ohne Wahl zu regeln, sagt ARD-Korrespondentin Annette Dittert: "Die Tories wären ausgelöscht, wenn es jetzt zu Neuwahlen kommt."

Die Amtszeit von Liz Truss als britische Premierministerin ist die kürzeste in der neueren britischen Geschichte. Ihre Nachfolge solle nach dem Willen der Konservativen schon in der nächsten Woche beginnen - doch ganz so einfach geht es nach Einschätzung von Annette Dittert aus dem ARD-Studio London nicht: Voraussichtlich werde es eine Art "Wahl hinter den Kulissen" geben müssen, also eine leadership election aus den Parteireihen.

"Die muss aber natürlich schneller gehen als das letzte Mal, da hat es ja den ganzen Sommer gedauert", sagt Dittert. Nach dem Rücktritt von Truss' Amtsvorgänger hatten Liz Truss und Rishi Sunak mit Wahlkampfauftritten vor der Parteibasis wochenlang um Stimmen gebuhlt.

Diesmal solle es nach dem Willen der Tories anders laufen: "Die Idee ist jetzt offenbar, dass man möglichst schnell mit Wahlen, die dann aber eben ganz zügig gehen müssen, einen Nachfolger stellt und Truss möglicherweise bis dahin noch ein paar Tage im Amt bleibt." Klar sei schon jetzt: "Die Tories wollen Neuwahlen verhindern."

"Naheliegendster Nachfolger Sunak"

Naheliegendster Kandidat für die Nachfolge wäre laut Dittert Truss' Rivale Sunak, der zwar nicht in der Parteibasis, aber bei den Abgeordneten die Mehrheit auf seiner Seite hatte: "Das wäre jetzt der allereinfachste und schnellste Weg - zu sagen: 'Wir holen jetzt wieder Sunak hervor.' Der war ja auch bis vor kurzem Finanzminister und kann eben diese irre Finanzkrise, in der sich das Land jetzt befindet, seit Truss im Amt ist, schneller lösen und hätte auch mehr Vertrauen bei den Märkten."

In der Johnson-nahen Fraktion sei Sunak allerdings "als Königsmörder gebrandmarkt" und womöglich nicht durchsetzbar.

"Bei Neuwahlen ausgelöscht"

Unterdessen hat sich die Opposition hinter Labour-Chef Keir Starmer laut Dittert vorteilhaft in Stellung gebracht: Er habe beim Parteitag in Liverpool jüngst "eine Partei präsentiert, die geschlossen hinter ihm stand, die wieder einen eher sozialdemokratischen Kurs dem Land anbietet. Und in den letzten Umfragen liegt Labour bei über 35 Prozent vor den Tories. Das heißt, sie würden eine Neuwahl jetzt ganz sicher gewinnen. Die Tories wären ausgelöscht, wenn es jetzt zu Neuwahlen kommt."

Angesichts mannigfaltiger Probleme in der britischen Wirtschaft, außenpolitischer Herausforderungen wie dem Krieg in der Ukraine und einer möglichen Krise des nationalen Gesundheitssystems im Winter erbe der oder die nächste Premier eine Mammutaufgabe.