Rishi Sunak und Liz Truss | dpa
Porträt

Johnson-Nachfolge Zwei Thatcher-Fans mit schwerem Erbe

Stand: 21.07.2022 10:28 Uhr

Finanzminister Sunak und Außenministerin Truss wetteifern um den Vorsitz der britischen Konservativen. Beide gelten als kühle Hardliner auf Johnson-Linie. Ihr schwierigster Gegner sitzt in der Opposition.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Rishi Sunak kann in Fernsehkameras strahlen und weiß sich zu verkaufen: Er bewerbe sich als Premierminister, weil das Potential Großbritanniens grenzenlos sei und er die beste Wahl, um das Land in die Zukunft zu führen, erklärte er zur Eröffnung einer TV-Debatte der Kandidatinnen und Kandidaten.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Sunaks Lebenslauf in Kürze: 42 Jahre alt, in Southampton als Kind indisch-stämmiger Eltern geboren - sein Vater Arzt, die Mutter Apothekerin. Ausbildung an den Elite-Unis Oxford und Stanford, danach Analyst für die Investmentbank Goldman Sachs. Seit 2015 im Unterhaus, zuletzt Finanzminister in der Regierung Boris Johnson. Verheiratet mit Akshata Murthy, der Tochter eines indischen Stahlmagnaten - sie gehört zu den reichsten Frauen der Welt. Zwei Töchter.

Dass Sunaks Frau nicht offiziell in Großbritannien gemeldet war und somit Steuern in Millionenhöhe sparte, flog im Frühjahr auf. Eine legale Vorgehensweise, trotzdem erklärungsbedürftig. Dann flatterte Sunak auch noch ein Bußgeldbescheid im Rahmen der Downing-Street- Partygate-Ermittlungen ins Haus, wegen Verstoßes gegen Corona-Regeln. 

Rishi Sunak | REUTERS

Rishi Sunak hält nichts von Steuersenkungen. Bild: REUTERS

Klug, kalt, Thatcher-Fan

Als klug und kalt gilt Sunak. Was Steuerfragen angeht, so folgt er der konservativen Politik Margaret Thatchers und betrachtet Steuern nicht als Regulativ zur kurzfristigen Einkommensumverteilung. Wegen Steuerfragen legte er sich schon mit Premierminister Boris Johnson an, und er warnt vor zu schnellen Steuersenkungen, mit denen seine Gegenkandidatin Liz Truss punkten möchte.

Er erklärte in der TV-Debatte, er würde auch gerne Steuersenkungen versprechen, aber eine solche Politik hätte einen zu hohen Preis: "Sie fördert Inflation, macht Kredite teurer, lässt Ersparnisse schrumpfen. Eine solche Politik ohne Gegenfinanzierung ist nicht konservativ - das ist Sozialismus!"

"Liz-Bot" auf Johnson-Linie

Aber auch Liz Truss ist Margaret Thatcher-Fan. Mit ihrer Kleidung und in Fotoposen versucht sie immer wieder, der Eisernen Lady nachzueifern. Abgesehen von der Steuerfrage verspricht sie auf den ersten Blick ganz ähnliches wie Rishi Sunak: Sie wolle das Potential des Landes entfesseln, habe als Außenministerin gezeigt, dass sie liefern könne und sei nun bereit, als Premierministerin die Führung zu übernehmen.

Liz Truss kurz vor einer TV-Debatte zur Nachfolge von Boris Johnson als Vorsitzender der Torys. | AP

Nur eine Schleife oder doch mehr? Die Kleiderwahl von Liz Truss in einer TV-Debatte zur Nachfolge von Johnson sorgte für Aufsehen - und viel Spott. Bild: AP

In Zeitungskommentaren wurde Truss nach den Fernsehduellen der Parteivorsitzkandidaten als "Liz-Bot" gehänselt, verglichen mit dem geschmeidigen und eloquenten Sunak kommt sie verhalten rüber. Truss' Lebenslauf in Kürze: 46 Jahre alt, geboren in Oxford als Tochter einer Krankenschwester und eines Mathematikprofessors. Aufgewachsen in Schottland, Studium in Oxford, danach Arbeit als Ökonomin. Seit 2010 im Unterhaus, aktuell Außenministerin in der Regierung Johnson. Verheiratet mit einem Buchhalter, zwei Töchter.

Warb Truss vor dem Brexit-Referendum für den Verbleib in der EU, so hat sie sich jetzt zur Hardlinerin entwickelt, die als Außenministerin die Initiative zur Aussetzung des Nordirland-Protokolls vorantrieb, weswegen es Streit mit der EU gibt. Sowohl Sunak als auch Truss wollen in Kernpunkten an der politischen Linie Johnsons festhalten.

Labour führt in Umfragen

Doch für beide dürfte die Zeit als Kabinettsmitglieder in der Regierung Johnsons zum schweren Erbe werden. Der scheidende Premier hatte am Mittwoch in der letzten Fragestunde im Parlament noch einmal sein politisches Vermächtnis verteidigt. "Wir haben unsere Demokratie umgebaut und unsere Unabhängigkeit wiederhergestellt", sagte er mit Blick auf den von ihm maßgeblich betriebenen und umgesetzten EU-Austritt.

Oppositionsführer Keir Starmer von der Labour-Partei hatte ihm hingegen ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. "Die Inflation ist wieder gestiegen heute Morgen und Millionen kämpfen mit der Krise der Lebenshaltungskosten - und er hat sich entschlossen, ein letztes Mal aus seinem Bunker mit Goldtapete zu kommen und uns zu erzählen, alles wäre in Ordnung", sagte Starmer - in Anspielung auf einen Skandal um teure Tapeten in Johnsons Dienstwohnung.

In Umfragen liegt Labour in Führung, selbst in Hochburgen verloren die Konservativen jüngst Nachwahlen. Zu seiner besten Zeit hatte Johnson die Fähigkeit, sowohl die Arbeiterschaft als auch die gehobene Mittelschicht anzusprechen. Noch sieht es nicht danach aus, als könne ihm einer der beiden potenziellen Nachfolger darin das Wasser reichen.

 Wiedersehen mit Johnson?

Doch der als politisches Aufstehmännchen bekannte Johnson deutete sogar an, dass es eines Tages eine Rückkehr für ihn geben könnte. Bei seinem Abschied im Parlament am Mittwoch endete er mit einem Zitat aus der Terminator-Filmreihe: "Hasta la vista, Baby!" Ganz gleich, wer aus dem Duell um die Nachfolge Johnsons siegreich hervorgeht, es dürfte schwierig werden, in seine Fußstapfen zu treten.

Wer dann am 5. September zum Parteichef und damit auch zur neuen Premierministerin oder zum Premierminister gekürt wird, entscheiden jetzt die Mitglieder der Konservativen. Die können sich in als "Hustings" bezeichneten Wahlkampfauftritten im ganzen Land in den kommenden Wochen ein Bild vom Kandidaten und der Kandidatin machen.

Konnte Sunak bei der Abstimmung in der Fraktion bisher immer die meisten Stimmen holen, so könnte sich das jetzt ändern: Die Parteibasis tickt anders als die Fraktion. Umfragen zeigen, dass Truss bei den konservativen Parteimitgliedern beliebter ist - andererseits gibt es Umfragen, dass Sunak bei den konservativen Wählern besser ankommt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Juli 2022 um 06:24 Uhr.