Zwei Medizinkräfte in Schutzkleidung impfen einen älteren Mann. | AP

Slowakei Kaum Impfwillige für "Sputnik V"?

Stand: 07.06.2021 12:47 Uhr

Das Verfallsdatum der eingelagerten Sputnik V-Dosen, die in der Slowakei viele Verwerfungen auslösten, rückt näher. Daher soll heute mit der Verimpfung begonnen werden. Ärzte sind skeptisch - die Bevölkerung offenbar auch.

Von Kilian Kirchgessner, ARD-Studio Prag

Der slowakische Gesundheitsminister Vladimír Lengvarský hatte vergangene Woche zu Gast in einer Talkshow angekündigt:

Heute ist das Wartezimmer geöffnet worden. Man kann sich online anmelden zur Impfung.

In jedem Kreis werde es ein Impfzentrum geben, in dem mit Sputnik V geimpft wird; derzeit kläre die Regierung die Logistik für die Verteilung des Impfstoffs.

Ein Impfstart in letzter Minute: Während auch in der Slowakei seit Monaten mit den von der EU zugelassenen Vakzinen geimpft wird, liegen 200.000 Dosen von Sputnik V ungenutzt im Lager - und jetzt nähert sich deren Verfallsdatum. Die Regierung entschied sich deshalb gegen die Empfehlung der slowakischen Arzneimittelbehörde, Sputnik V nicht einzusetzen.

Verschwörungstheoretiker als Klientel?

Ärzte sehen das mit gemischten Gefühlen: Einerseits sei jeder einzelne Geimpfte hilfreich für die Bekämpfung der Pandemie, sagt Peter Visolajsky, der Vorsitzende der slowakischen Ärztegewerkschaft. Aber aus ärztlicher Sicht gebe es ein Problem: "Weil der Impfstoff keinen Zulassungsprozess durchlaufen hat, muss er auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten verabreicht werden", sagt er. "Und die Frage ist, wer für mögliche Nebenwirkungen haftet. Bei normalen Impfstoffen übernehmen der Staat und der Arzt die Verantwortung; hier aber ist es ein juristisches Vakuum."

Wer aber sind die Slowaken, die sich ausdrücklich nur mit Sputnik V impfen lassen? In vielen Umfragen jedenfalls gab es immer wieder dieselbe Rückmeldung, vermeldeten Demoskopen aus Bratislava.

"Wir leben in einer Welt voller Verschwörungstheorien, in den Sozialen Medien kursiert allerlei Propaganda und die Leute bilden sich ihre eigenen Theorien. Die sich nur mit Sputnik V impfen lassen wollen, dürften aus dieser Gruppe stammen", vermutet der Mediziner Peter Visolajsky. "Zugleich gibt es noch eine Gruppe von Slowaken, die aus der Zeit des Kommunismus die Vorstellung hat, dass alles gut ist, was aus Russland kommt."

Bislang kaum Anmeldungen

Jetzt, wo es ernst werde, mutmaßt Peter Visolsajsky, werden einige aber vielleicht doch noch umdenken, die vorher ihre Präferenz für Sputnik V angekündigt haben.

"Ich würde ungern Prognosen abgeben", sagt Gesundheitsminister Lengvarský. "Es gibt Schätzungen, die von 80.000 Interessenten ausgehen. Wir müssen aber in Betracht ziehen, dass die Altersgruppe für Sputnik V begrenzt ist auf die Spanne von 18 bis 60 Jahren. Wir haben Impfstoff für 100.000 vollständige Impfungen. Ich hoffe - nein: Ich denke, dass das ausreichen wird."

Nach den bisher veröffentlichen Zahlen dürfte er Recht behalten: Bislang haben sich im ganzen Land nicht einmal 2000 Interessentinnen und Interessenten für Sputnik gemeldet.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 07. Juni 2021 um 10:50 Uhr.